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Job & Karriere

Traum vom Reporterglück Hunger nach Gedrucktem

Enthüller, Kriegsberichterstatter oder Klatschreporter - der Journalismus in all seinen Spielarten ist für viele ein Traumberuf. Das oft sperrige und praxisferne Studium ist kein Königsweg in die Medien. Und dennoch für den Einstieg nützlich.

Um 17 Uhr herrscht in der Redaktion des "Augsburger Echo" Hochbetrieb: In einer Stunde muss die Zeitung stehen. Rupert Waldmüller, 25, komplettiert die Meldungen auf Seite zwei mit Polizeinachrichten und übersetzt die Amtsprosa in verständliches Deutsch. Der "Vollstreckungsbeamte" heißt jetzt "Polizist", die "Tatausführung" wird zur "Tat", die "Inaugenscheinnahme" entfällt ersatzlos.

Sportredakteur Philipp Albers, 21, feilt an der Überschrift zu seinem Artikel über die neue Häme gegen Fußballschiedsrichter. "Schiri, du Hoyzer", ein Zitat aus dem Text, das sitzt. Klatschreporterin Verena Amersbach, 22, schreibt über das amtsmüde Augsburger Mooshammer-Double: Der Doppelgänger des ermordeten Modemachers hat genug vom Mosi-Kult und will wohl nicht mehr auftreten. Und dann müssen noch die Frühlingsgefühle der Augsburger ins Blatt: Die Stadt erlebt nach einem schneereichen Winter bei 18 Grad den ersten warmen Tag.

Journalist darf sich jeder nennen

Eine echte Lokalmischung eben. Dabei ist das "Augsburger Echo" eine Übungszeitung. Seine 15 Redakteure sind hauptberuflich Studenten aller Fachrichtungen. Sie wurden vom Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), der Journalistenschule der katholischen Kirche, als Stipendiaten für die auf drei Jahre angelegte studienbegleitende Ausbildung ausgewählt. Während der Semesterferien kommen sie in der Benediktinerabtei St. Stephan zusammen, um das Einmaleins des Printjournalismus zu erlernen.

In diesem Sommer werden die ifp-Stipendiaten deutschlandweit in echte Lokalredaktionen ausschwärmen, vom "Flensburger Tageblatt" im Norden bis zum "Südkurier" in Friedrichshafen. Einige aus der Gruppe haben schon während der Schulzeit erste Erfahrungen gesammelt. Nina Trentmann, 19, Jurastudentin im zweiten Semester, hat bereits Praktika bei der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen", bei der Nachrichtenagentur dpa, in der Berliner Polizeiredaktion der "Bild"-Zeitung und in der Pressestelle des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff absolviert. Für ihren Artikel über die schwierige Integration der rund 33000 Aussiedler in Augsburg war sie zwei Tage lang in Übergangswohnheimen und im sogenannten Russenviertel unterwegs. "Das rollende "R" kann ich mittlerweile ganz gut imitieren", sagt die Jungreporterin. Sie träumt davon, später einmal große Reportagen für die Seite drei einer überregionalen Tageszeitung zu schreiben.

Nina Trentmann und ihre Mitstreiter teilen ihren Berufswunsch mit einer großen Zahl von Abiturienten, Studenten und Hochschulabgängern. Journalist ist für viele ein Traumberuf, etwa als knallharter Rechercheur, der Skandale aufdeckt, oder als Kulturkritiker, der mit spitzer Feder den Zeitgeist aufspießt. Doch abseits solcher Idealbilder bleiben die Handwerksregeln und der Zugang zur schreibenden Zunft meist verborgen. Wie wird man eigentlich Leitartikler, Kriegsberichterstatter oder Haus- und Hofschreiber der Promis?

Die Schwierigkeiten fangen schon bei der Definition an: Nach Artikel 5 des Grundgesetzes hat jeder das Recht, seine Meinung in Wort, Bild und Schrift zu verbreiten. Die Berufsbezeichnung "Journalist" ist in Deutschland nicht geschützt, der Gelegenheitsschreiber eines Internet-Blogs darf sie ebenso auf der Visitenkarte führen wie der Redakteur einer großen Zeitung.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) zählt rund 70.000 Journalisten in Deutschland. Zwei Drittel davon arbeiten in Festanstellung, ein Drittel freiberuflich, wobei der hochbezahlte Kolumnist genauso zu den "Freien" zählen kann wie der Lokalschreiber, der noch nicht einmal die Anfahrt zu seinen Terminen bezahlt bekommt. Die Beratungsfirma Personalmarkt hat errechnet, dass Redakteure mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung durchschnittlich 34.000 Euro pro Jahr verdienen.

Das Volontariat ist der klassische Einstieg

"Es gibt keinen Königsweg in den Journalismus, nur eine ganze Bandbreite von Einstiegs- und Erfolgsgeschichten", sagt der Hamburger Journalistikstudent Mirko Marquardt, 24. Er hat zusammen mit seinen Kommilitonen für das im Jahr 2005 veröffentlichte "Trendbuch Journalismus" prominente Medienmacher zu ihrer Berufslaufbahn befragt. Chefredakteuren sei vor allem handwerkliches Können wichtig, erzählt Marquardt, etwa fundiertes Recherchieren, präzises Schreiben und Korrigieren von Texten. Wie sich Berufseinsteiger diese Fähigkeiten aneigneten, sei den Chefs letztlich egal.

Vier von fünf Anfängern wählen den Weg über ein Volontariat, so heißt die eineinhalb- bis zweijährige Ausbildung in einem Medienunternehmen. Ein besonders intensives Training bieten renommierte Journalistenschulen wie die Henri-Nannen-Schule in Hamburg oder die Deutsche Journalistenschule in München. Journalistik oder Publizistik kann man außerdem studieren, als Haupt- oder Nebenfach, als grundständigen oder Aufbaustudiengang. Und dann bleibt immer noch die klassische Methode: schreiben, anbieten, in die Redaktion gehen, von den Kollegen lernen, dableiben.

Wer nicht studiert oder sein Studium nicht abgeschlossen hat, muss allerdings meist besonders brillieren, um sich auf einem umkämpften Arbeitsmarkt zu behaupten. 70 Prozent der Volontäre haben ein Studium abgeschlossen, hat der DJV ermittelt.

Jochen Bittner, 31, verhalf sein Jurastudium zum begehrten Job. Bittner hatte über den Begriff des Rechtssystems promoviert und ein Buch über die IRA im Nordirlandkonflikt veröffentlicht. Im Sommer 2001 hospitierte er in der Politikredaktion der "Zeit". Dann kam der 11. September, und plötzlich waren Terrorismus- und Sicherheitsexperten hochgefragt. "Ich war mit der richtigen Qualifikation zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt Bittner im Rückblick.

Was ein Journalistikstudium bringt, ist umstritten

Dennoch sei die Schule des Lokaljournalismus für ihn wichtig und notwendig gewesen. Seinen ersten Artikel schrieb Bittner als 16-jähriger Schüler für die "Frankenberger Zeitung" in Hessen. Thema: Mitschüler, die sich in den Unterrichtspausen betrinken. Daraus wurde in der Wahrnehmung von Lesern und Eltern ein Alkoholismus-Problem, der Schülerreporter bekam eine Menge Ärger am eigenen Gymnasium. So habe er direkt erfahren, was ein gedruckter Text alles auslösen könne. "Donald Rumsfeld ruft natürlich nicht an, wenn ich über seine Politik geschrieben habe."



Solche heilsamen Erfahrungen könnten in keinem Hörsaal gesammelt werden, bemängeln Kritiker des Journalistikstudiums, dazu sei es zu lasch und zu praxisfern. Studiert irgendetwas, nur nicht Journalistik, so ist es gerade von den alten Hasen in den Redaktionen häufig zu hören. Siegfried Weischenberg, Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, ärgert sich über diese Einstellung: "In keinem anderen Berufsfeld würde man ähnlich argumentieren. Wenn Sie in ein Krankenhaus eingeliefert werden mit der Aussicht, von einem frisch von der Universität kommenden Mediziner operiert zu werden, würden Sie wahrscheinlich schreiend davonlaufen. Von Journalistikstudenten wird aber verlangt, dass sie alles können. Das ist ungerecht."

Ein Studium als Berufsvorbereitung müsse auch ein bisschen sperrig sein, verteidigt Weischenberg die universitäre Journalistenausbildung - und warnt vor Angeboten, die sich mit großen Verheißungen lediglich den diffusen Berufswunsch von Studienanfängern zunutze machten, irgendwas mit Medien zu lernen. Ein von hannoverschen Studenten zusammengestelltes Kompendium (www.medienstudienfuehrer.de)  listet über 400 mögliche Medienstudiengänge auf. Die Angebote tragen häufig wohlklingende englische Namen und bereiten angeblich "anwendungsbezogen" und "interdisziplinär" auf den Beruf vor.

Auslaufmodell Diplomjournalist

Doch auch die renommierten Institute an Universitäten wie Dortmund, Leipzig, Eichstätt, Mainz, München oder Hamburg bauen zum Teil ihre Studieninhalte und Abschlüsse gerade kräftig um. Der Diplomjournalist ist bundesweit ein Auslaufmodell und wird nach und nach durch ein Bachelor- und Mastermodell abgelöst: Die Universität München bietet beispielsweise statt des Diplomstudiengangs nun einen Bachelor in Kommunikationswissenschaften und einen mit einer mehrstufigen Aufnahmeprüfung versehenen dreisemestrigen Aufbaustudiengang "Praktischer Journalismus" für Absolventen aller Fächer an.

Die Universität Hamburg lagert einen Teil der Journalistenausbildung an die im Jahr 2003 gegründete "Hamburg Media School" aus, die mit großem Selbstbewusstsein ihren im Herbst startenden zweijährigen Studiengang "Master of Arts in Journalism" anpreist: Für eine "markt- und zukunftsgerechte Ausbildung von erstklassigen Qualitätsjournalisten" sollen Studenten saftige 6000 Euro Studiengebühren pro Jahr berappen.

Der Journalistenverband bemängelt unterdessen die "isolierten curricularen Entscheidungen in Bildungsinstitutionen und Hochschulen" und konstatiert, dass bei dem Überangebot und der gleichzeitigen Geldknappheit in den Medienhäusern die journalistische Nachwuchsbildung schleichend an Qualität verliere.

Damit der Weg in den Traumberuf nicht schnell in der Sackgasse endet, sollten angehende Journalisten deshalb die Angebote genau unter die Lupe nehmen. Kommen die Lehrenden aus der Praxis? Wo sind die Absolventen untergekommen? Werden die Bewerber nach strengen Kriterien ausgewählt, oder kommt jeder zum Zug?

"Ein Thema mit einem gewissen Autismus verfolgen"

Allem Wort- und Titelgeklingel zum Trotz haben sich nämlich die Anforderungen an Printjournalisten seit Jahren kaum verändert. Bestimmte Kardinaltugenden seien unerlässlich, erzählt Bernhard Pörksen, Juniorprofessor für Journalistik und Herausgeber des "Trendbuches Journalismus". Dazu gehörten etwa Neugier, Hartnäckigkeit und Stressresistenz. "Man ist belastbar, man brennt für den Beruf, man sieht ein Thema und verfolgt es mit einem gewissen Autismus."

Alles Eigenschaften, die durch Hunger nach Gedrucktem weit stärker befördert werden als durch festgeschriebene Curricula. Neben einer breiten Allgemeinbildung sei es wichtig, sich Spezialwissen in einem Fachgebiet anzulesen, so Pörksen: "Wo liegen meine Stärken? Wie hebe ich mich aus der Masse der Bewerber ab?"

Robert Jacobi, 27, stieg bereits mit 24 Jahren bei der "Süddeutschen Zeitung" ein, zuerst als Wirtschaftsredakteur, dann in der Parlamentsredaktion. Er hatte sich während seines Studiums in Politik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften auf Wirtschaftsbeziehungen spezialisiert und seine Diplomarbeit über die internationale Finanzarchitektur geschrieben. "Dadurch war ich schon gut in die Debatte um die Reform der Sozialsysteme eingearbeitet, das war sicherlich ein Vorteil", sagt Jacobi. Seine Spezialisierung baut Jacobi derzeit weiter aus: Er hat sich eine Auszeit genommen, um mit dem McCloy-Programm der Studienstiftung des deutschen Volkes einen Master in Public Administration (MPA) in Harvard zu absolvieren. Wer politischer Journalist werden wolle, brauche heutzutage wirtschaftlichen Sachverstand, so Jacobi.

Gute Chancen hat momentan auch, wer komplexe naturwissenschaftliche Vorgänge zu durchdringen und zu erklären vermag. Modethemen wie Fettsucht, Klimawandel, das Genie Albert Einsteins oder die menschlichen Gene boomen längst auch in Lokalblättern; einige Tages- und Wochenzeitungen haben eigene Wissenschaftsableger gegründet. Allerdings unterliegt die Nachfrage nach solchen Kompetenzen auch gewissen Zyklen, was ein Heer von mittlerweile arbeitslosen Börsenjournalisten schmerzvoll erfahren musste. "Es hat keinen Sinn, aus strategischen Gründen in der Biologie unglücklich zu werden, wenn man Philosophie und Literatur liebt", warnt deshalb Bernhard Pörksen.

Die Redakteure beim "Augsburger Echo" haben in der Konferenz am Morgen kleine Augen: Bis um zwei Uhr nachts haben sie noch Tippfehler ausgebessert, ein Kulturreporter hat sogar noch eine aktuelle Konzertkritik vom Abend geliefert. "Wir haben ein gutes Blatt gemacht", sagt der Chef vom Dienst zufrieden und verweist auf die bunte Aufmachung der Lokalzeitung: "Schluss mit Winter - in Bayern zieht der Frühling ein", titelt die "Augsburger Allgemeine".

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