Türkei Polizei durchsucht Büros des Forschungsrats

Der türkische Präsident Erdogan geht massiv gegen Regierungskritiker an den Hochschulen vor. Nun hat es landesweite Razzien beim Tübitak gegeben, dem nationalen Wissenschaftsrat.

Tübitak-Zentrale in Ankara (Archiv-Foto)
REUTERS

Tübitak-Zentrale in Ankara (Archiv-Foto)


Der nationale türkische Wissenschafts- und Forschungsrat Tübitak unterstützt Akademiker und Forschungsprojekte - und steht nun unter Verdacht, den Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan unterstützt zu haben. Büros des Tübitak wurden von der Polizei durchsucht, es soll Festnahmen gegeben haben.

Allerdings gibt es unterschiedliche Versionen von Meldungen über die Polizeiaktion: Der türkische Fernsehsender NTV berichtet von Ermittlungen am Mittwoch, zahlreiche Menschen seien festgenommen worden, unter anderem in den Tübitak-Büros in Kocaeli in der Nähe von Istanbul.

Dagegen meldet CNN Türk, die Durchsuchungen hätten bereits am 31. Juli stattgefunden. Der Rat habe mit der Polizei kooperiert. Am Mittwoch habe es keine Festnahmen gegeben - was Festnahmen am Sonntag allerdings nicht ausschließt. CNN Türk beruft sich dabei auf Informationen direkt aus dem Tübitak.

Der Tübitak gilt als wichtigste Einrichtung für die Organisation von Forschung und Entwicklung in der Türkei, berät die Regierung in Wissenschaftsfragen und finanziert zahlreiche Forschungseinrichtungen im Land. Laut eigener Webseite beschäftigt der Rat mehr als 1500 Forscher.

Suche nach Gülen-Anhängern

Mit den Durchsuchungen und Festnahmen weiten die türkischen Behörden nach dem Putschversuch ihre Suche nach mutmaßlichen Anhängern des Predigers Fethullah Gülen auf die Forschung aus.

Präsident Erdogan hält Gülen für den Drahtzieher des gescheiterten Militärputsches am 15. Juli. Erdogan wirft Gülen vor, ein Netz in Militär, Verwaltung und Justiz aufgebaut zu haben, um die Regierung zu stürzen. Gülen, der seit 1999 im selbst gewählten US-Exil lebt, hat den Umsturzversuch verurteilt und bestreitet jede Verwicklung darin.

Der Präsident hatte sofort nach dem gescheiterten Putsch weitreichende "Säuberungen" angekündigt. Bislang wurden mehr als 60.000 Angehörige von Polizei, Militär, Justiz, Bildungswesen und Verwaltung entlassen oder festgenommen. Tausenden Wissenschaftlern und Universitätsdozenten wurde die Ausreise aus der Türkei untersagt.

Druck schon vor dem Putschversuch

Bildung und Wissenschaft hatten bereits vor dem Putschversuch unter Druck gestanden, Vertreter von Präsident Erdogans Partei AKP waren aggressiv gegen Regierungskritiker vorgegangen. Entsprechend stark ist der Sektor nun von den "Säuberungen" betroffen.

Im Bildungsministerium wurden rund 15.000 Beamte suspendiert, darunter auch Lehrer an staatlichen Schulen. Zudem wurde mehr als 20.000 Privatschullehrern die Lehrberechtigung entzogen, mehr als 1500 Hochschuldekane zwang man zum Rücktritt. Auch mehrere Uni-Rektoren - die allesamt einmal vom Staatspräsidenten ernannt worden waren - sind suspendiert.

lgr/mamk/vek/Reuters

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