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Unis als Entwicklungshelfer Buddhas retten für Afghanistan

Die Felsenbuddhas waren Weltkulturerbe, dann pulverisierten die Taliban die gigantischen Statuen in Afghanistan. Deutsche Wissenschaftler helfen nun, Teile der Kolosse zu rekonstruieren. Das Hochschulmagazin duz berichtet, wie Unis in der Entwicklungszusammenarbeit neue Wege gehen.
Von Jenni Roth
Bamiyan-Tal in Afghanistan: "Alte Identität und ihre Traditionen wiederherstellen"

Bamiyan-Tal in Afghanistan: "Alte Identität und ihre Traditionen wiederherstellen"

Foto: Farhad Peikar/ dpa

Gut 1500 Jahre lang hatten die Riesen-Statuen über das karge, staubige Bamiyan-Tal in Afghanistan gewacht. Von buddhistischen Mönchen einst in halsbrecherischer Arbeit in den Fels geschlagen, ragte die eine 55 Meter in die Höhe, die andere 35 Meter - bis zum 12. März 2001: An diesem Tag pulverisierten radikalislamische Taliban die beiden Unikate des Weltkulturerbes. Weltweit löste diese Tat Entsetzen aus.

Bei Prof. Dr. Michael Jansen wich das Entsetzen schnell dem Tatendrang. Von der Unesco beauftragt, begann der Professor für Baugeschichte an der RWTH Aachen mit seinem Team bereits im Jahr darauf mit den ersten Untersuchungen; sie sicherten und vermaßen die Trümmer der zerstörten Figuren. Mit vor Ort war ein afghanischer Ingenieur und hochrangiger Vertreter der Regierung, der in Aachen studiert hatte. "Er führte uns an unser zweites Projekt heran", sagt Jansen. In Ghazni, der islamischen Kulturhauptstadt 2013, restauriert er nun die bis zu 18 Meter hohe Stadtmauer. Zudem wird ein Campus errichtet, der 2013 als Veranstaltungsort dienen und dann zur Universität umfunktioniert werden soll.

Vom Auswärtigen Amt erhalten die Forscher dafür 1,5 Millionen Euro. Von der Unesco kommen weitere fünf Millionen Euro. Aber warum steckt Deutschland Entwicklungsgelder in eine 500 Jahre alte Lehmmauer? "Culture for peace" ist Jansens Antwort. Kultur und Bildung sind für ihn Maßnahmen zur Friedenssicherung: "Die Menschen müssen ihre alte Identität und ihre Traditionen wiederherstellen und gleichzeitig neue Wurzeln schlagen."

Neue Bildungsstrategie für die Entwicklungszusammenarbeit

Bildung ist ein Menschenrecht - aber längst nicht überall Realität. So zeigt der Weltbildungsbericht 2011 Erfolge in vielen Entwicklungsländern. Doch noch immer gibt es einen dramatischen Nachholbedarf - weltweit besuchen zum Beispiel 67 Millionen Kinder keine Schule.

Auf die katastrophale Situation in Entwicklungsländern reagiert die Bundesrepublik Deutschland nun mit einem neuen Konzept für die Entwicklungszusammenarbeit. Anfang März legte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) einen neuen Entwurf für eine "ganzheitliche Bildungsstrategie in der Entwicklungszusammenarbeit" vor. Noch handelt es sich dabei nur um ein Konzept. Bis Ende des Jahres soll daraus eine echte Strategie werden. Doch zuvor sollen sich möglichst viele Menschen an der Ausarbeitung beteiligen - aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft, der Wissenschaft und auch Partner aus Entwicklungsländern.

Eines aber ist jetzt schon klar: Bildung erhält eine Schlüsselrolle in der Entwicklungshilfe. Und die Bedeutung der Hochschulen wird sich verändern. Denn erstmals soll ein ganzheitlicher Ansatz den gesamten Bildungsbereich erfassen und vernetzen. Das neue Konzept berücksichtigt neben der Grund- und Sekundarbildung auch die berufliche Bildung sowie die Hochschul- und Erwachsenenbildung.

Die deutschen Hochschulen sind seit Jahren in der Entwicklungshilfe aktiv. "Wir hoffen, dass die Bedeutung des Hochschulsektors durch die neue Strategie weiter zunimmt", sagt Stefan Bienefeld vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). "Schon die Möglichkeit der Partizipation stimmt uns da zuversichtlich."

Zudem erhofft sich der Referatsleiter im Bereich Entwicklungszusammenarbeit einen Reflexionsprozess, in dem die bisherige Arbeit überdacht und optimiert werden kann. Mitte Mai hat der DAAD in Berlin eine Tagung zum Thema Hochschule und Entwicklungszusammenarbeit veranstaltet. "Jetzt wäre es schön, wenn die dort entwickelten Ideen umgesetzt werden können", sagt Bienefeld.

Das BMZ jedenfalls will in der Hochschulbildung verstärkt "innovative Projekte" fördern, heißt es im Entwurf. Insbesondere "zukunftsträchtige Branchen" wie erneuerbare Energien, Klimaschutz, Wassermanagement und Rohstoffsicherung sind damit gemeint. Man wolle die Qualität der Lehre und die Strukturen vor Ort verbessern. Wichtige Akteure für die Umsetzung sind der DAAD und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die neue Bildungsstrategie ergebe neue Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit, sagt die DAAD-Gruppenleiterin Entwicklungszusammenarbeit, Dr. Anette Pieper de Avila. "Es reicht ja nicht, wenn in Afrika eine gute Grundbildung für alle verwirklicht wird. Es werden auch dringend gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte zur Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft benötigt. Und dafür brauchen die Länder Hochschulen, die ihrer Aufgabe gerecht werden können."

Die Eliten sollen bleiben, wo sie sind - und damit dem Land helfen

Beim BMZ heißt es, die tertiäre Bildung sei zwar kein UN-Millenniumsziel, doch ein Mittel auf dem Weg dorthin: Sie könne einerseits mit der Ausbildung von Grundschullehrern an Hochschulen die Grundschulbildung fördern. Andererseits könne nur eine gut ausgebildete Elite langfristig finanzielle und technische Unabhängigkeit garantieren. Bestenfalls könne sie Demokratisierungs- und Modernisierungsbewegungen vorantreiben. Zudem könnten nur qualifizierte Fach- und Führungskräfte drängende Entwicklungsprobleme lösen.

In Afghanistan fehlt eine solche Wissenselite. Bis sie aufgebaut ist, wird das Land auf Forscher wie Michael Jansen angewiesen sein. Für den Aachener und sein Team ist die Arbeit an den Buddha-Statuen natürlich alles andere als ein Opfer, sondern eine der Herausforderungen, die Wissenschaftler suchen und brauchen. Für die Rekonstruktion der Kolosse aus dem Bamiyan-Tal hat Jansens Team eine 3-D-Projektion entwickelt. Darin können die Bruchstücke computergesteuert zu einem Ganzen zusammengefügt werden.

Unabhängig davon ist Jansen sehr wohl bewusst: "Afghanistan braucht ein ökonomisch-akademisches Rückgrat." Im Fokus der neuen BMZ-Strategie steht jedoch nicht Afghanistan, sondern Afrika. Weil dort das Bildungsdefizit am größten ist, sollen die Entwicklungsbeiträge für Bildung bis zum Jahr 2013 verdoppelt werden. Sie steigen dann auf 137 Millionen Euro. Das kann nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Hoffnung ruht auf einem Universitätsprojekt.

"Wir wollen Braindrain vermeiden"

In den kommenden Jahren soll gemeinsam mit anderen Ländern eine panafrikanische Universität (PAU) aufgebaut werden. "Wir wollen Braindrain vermeiden, die Elite soll im eigenen Land ausgebildet werden", sagt Dr. Nils Geißler von der GIZ. Wissenschaft und Technologie sollen gefördert und die Forschung vernetzt werden. Wissenschaftler sollen sich so besser austauschen können und afrikanische Studierende mobiler werden. Die PAU soll in Zukunft fünf über ganz Afrika verteilte Standorte mit jeweils unterschiedlichen Fachbereichen bekommen. Sie reichen von Klimathemen über Gesundheit bis Good Governance. Treiber des Projekts ist die Afrikanische Union.

Das BMZ setzt aber auch auf den Nutzen für die lokale Wirtschaft. Kontakte zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft sollen auf- und ausgebaut werden. Zudem werde der für Entwicklung und Innovation nötige Wissenstransfer von Unis zu Privatunternehmen gefördert. Das sehen manche Kenner mit großer Skepsis. Entwicklungsexperte Kurt Gerhardt, früherer Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Niger und Mitbegründer der politischen Initiative "Grundbildung in der Dritten Welt", sagt: "Wie soll man mit der lokalen Wirtschaft zusammenarbeiten, wenn keine existiert? Zudem fehlt es in Afrika an tüchtigen, verantwortungsvollen Führungskräften. Alle sind im Westen ausgebildet worden - auch jene, die jetzt als Diktatoren herrschen und die Zusammenarbeit erschweren. Was also bringen diese Hochschulkooperationen?"

Dieser Problematik ist sich auch Pieper de Avila bewusst. Zwei DAAD-Projekte in Afrika orientieren sich deshalb an der Idee, dass Bildung allein nicht reicht: das Public Policy in Good Governance (PPGG) und das African Good Governance Network (AGGN), ein Fortbildungsprogramm für Studierende aus der Subsahara-Region. Dessen Hintergrund: An deutschen Hochschulen werden zahlreiche junge Afrikaner ausgebildet. Kehren sie in ihre Heimatländer zurück, spielen sie im Transformationsprozess zu Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wohlstand oft eine Schlüsselrolle - sei es in Politik, Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung oder in Organisationen der Zivilgesellschaft. Für AGGN-Mitglieder gibt es deshalb studienbegleitende Fortbildungsveranstaltungen und Konferenzen zum Thema "Good Governance".

Motor für die Wirtschaft

Ähnliche Ziele verfolgt das PPGG. Darin können gut qualifizierte Absolventen einen Master in Fächern erwerben, die für die soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern wichtig sind. Die Idee: Die Stipendiaten nutzen ihre in Deutschland erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen später in ihrer Heimat, um demokratisch orientierte Wirtschafts- und Gesellschaftsformen voranzutreiben und soziale Gegensätze zu überwinden.

Wie nötig das ist, zeigen die jüngsten Entwicklungen in Nordafrika. "Nach den Umstürzen brauchen die Länder gut ausgebildete Fachkräfte", sagt Stefan Bienefeld. "Damit ist aber auch schon das nächste Problem benannt: Es fehlen Arbeitsplätze." Im Hochschulbereich müsse man also Hilfe beim Technologietransfer leisten oder zeigen, wie Ausgründungen oder Kooperationen mit der Wirtschaft funktionieren.

Andererseits könnten die Entwicklungen in Nordafrika neue Kooperationsmöglichkeiten eröffnen. Pieper de Avila vom DAAD rechnet mit zusätzlichen Mitteln, und bei der GIZ ist ein Acht-Millionen-Projekt im Berufsbildungssektor im Gespräch: "Gerade in Ägypten gibt es viele hoch Qualifizierte, deren Bildung aber nicht dem Arbeitsmarkt angepasst ist", sagt Nils Geißler.

An diesem Ziel orientiert sich auch das Engagement der RTWH Aachen in Oman. Dort wird gerade in einer Art Franchise-System eine Privatuniversität aufgebaut: "Private Sponsoren aus Oman geben das Geld, wir schicken die Professoren aus Deutschland", sagt Jansen. Das Beispiel zeige: Auch in erdölreichen und wohlhabenderen Ländern sind Bildungsstandards und -infrastruktur unterentwickelt. "Wir wollen dort deutsche Qualitätsstandards einführen."

Handfeste wirtschaftliche Interessen

Und was bringt das Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit den deutschen Hochschulen? Die RWTH Aachen sichert in Afghanistan ebenso Frieden wie der DAAD: "Derlei Projekte fördern die Befähigung und Bereitschaft zu friedlicher Konfliktlösung", sagt Dr. Alexander Kupfer, DAAD-Projektkoordinator für Afghanistan. Aber es spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Pieper de Avila meint, deutsche Hochschulen könnten durch die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern ihr internationales Profil schärfen: "Oft ergeben sich interessante Forschungsmöglichkeiten und die Möglichkeit, gemeinsam erarbeitete Erkenntnisse dann über Netzwerke in den Entwicklungsländern zu verbreiten."

Kooperationen mit Entwicklungsländern werden deutsche Hochschulen tatsächlich nur eingehen, wenn ihnen das Engagement wissenschaftlich interessant genug erscheint. Nur dann dürften sich auch Forscher finden, die die Kooperation mit Leben füllen. Dass Altruismus allein nicht zieht, macht RWTH-Professor Jansen deutlich. So ließen sich durch die Zusammenarbeit kluge Köpfe für das fachkräftearme Deutschland akquirieren. "Ich beobachte einen Abschied von der idealistischen Position, ausländische Studenten hoch zu qualifizieren, um sie dann mit ihrem Wissen zurück in ihre Heimat zu schicken", sagt Jansen. In den USA und England versuche man schon länger, die Besten zu holen und zu halten.

Ob diese Idee dem Entwicklungsminister schmecken wird, ist aber eine andere Frage. Im Strategieentwurf wird eigens darauf hingewiesen, dem Braindrain der Entwicklungsländer entgegenwirken zu wollen. Die Diskussion um die neue Entwicklungsstrategie wird in den kommenden Monaten noch viel Feinarbeit verlangen.