Verdruss über MBA-Rankings Biss in den sauren Apfel

Nichts ist auf dem MBA-Markt so wichtig wie Ranglisten. Oft ärgern Business Schools sich über frisierte Daten, fragwürdige Kriterien, undurchsichtige Auswertungen. Jetzt regt sich kollektiver Widerstand - die ersten MBA-Schulen meiden die Ranking-Zahlenspiele.

Von Bärbel Schwertfeger


Patrick Harker ist um deutliche Worte nicht verlegen. "Wir sind eine Non-Profit-Organisation, deren Aufgabe es ist, ihren Studenten die beste Ausbildung zu geben - und nicht unsere Ressourcen dafür einzusetzen, den Medien Material für ihre Rankings zu liefern", sagt der Dean der Wharton School an der University of Pennsylvania. In etlichen Schulen seien inzwischen mehrere Mitarbeiter nur damit beschäftigt, die von den Medien erwünschten Daten für die über 20 gängigsten MBA-Rankings zusammenzustellen. Vor allem die regelmäßigen Ranglisten von "Business Week", "U.S.News&World Report", "Wall Street Journal" und "Financial Times" (FT) halten die Schulen auf Trab; für die europäischen Schulen ist das das weltweite FT-Ranking das wichtigste.

MBA: Suche nach der Superschule
[M]DPA,mm.de

MBA: Suche nach der Superschule

Seit einiger Zeit regt sich Widerstand. Schon 2004 hatten die Wharton School und die Harvard Business School, zwei der renommiertesten MBA-Schmieden, beschlossen, sich nicht mehr aktiv an den Rankings zu beteiligen. Wharton verberge nichts, gebe aber den Medien keine Daten ihrer Studenten und Absolventen mehr, so Harker. Denn das verstoße gegen den Schutz der Privatsphäre, und die ständigen Anfragen hätten schon zu Beschwerden geführt. Noch problematischer seien jedoch die Ranking-Auswirkungen auf die Programme selbst. "Wir müssen unsere Stärken selbst finden und dürfen uns nicht nur darauf stützen, was andere über uns sagen", erklärte der Wharton-Chef. Wer sich nur nach Rankings richte, verliere seine Moral und Autorität.

Schöne Worte, die Martin Schader relativieren muss. "Unsere Position im MBA-Markt ist leider nicht so stark wie die der beiden Topschulen", sagt der Prorektor der Universität Mannheim. "Wir müssen in das FT-Ranking, weil die Manager in den Unternehmen, die unsere Absolventen einstellen oder beim berufsbegleitenden Studium unterstützen, uns fragen, warum wir dort nicht vertreten sind." Die Teilnehmer gingen nun mal lieber an die gut gerankten Schulen, weil sie damit später ihren potentiellen Chef beeindrucken können. "Auch wenn methodisch vieles bei weitem nicht überzeugend ist, müssen wir daher in den sauren Apfel beißen", sagt Schader und hofft, dass es Mannheim durch das gemeinsame Programm mit der französischen Topschule ESSEC dieses Jahr erstmals ins Ranking schafft. Bisher hatte man noch zu wenig Absolventen.

"Rankings sorgen für mehr Verwirrung"

Dass etliche Business Schools ihre Programme vor allem darauf ausrichten, in den Ranglisten besser abzuschneiden, hält der Mannheimer Professor für verhängnisvoll. "Rankings haben inzwischen ernsthafte negative Auswirkungen auf die Managementausbildung", beobachtet auch John J. Fernandes. Der Leiter der Akkreditierungsorganisation AACSB International erzählt von einer Schule, die ihre Studentenzahl massiv reduziert habe, um bessere Bewertungen bei der Betreuung zu erhalten. Andere ließen nur noch ältere Studenten zu, weil die schon allein aufgrund ihres Alters mehr verdienten und die Schule damit beim Kriterium Gehalt besser punkten könne. Fernandes: "Statt den Studenten bei der Auswahl des richtigen Programms zu helfen, sorgen die Rankings für mehr Verwirrung."

2005 veröffentlichte die AACSB als weltweit größte Akkreditierungsagentur für MBA-Programme erstmals einen Report über das Dilemma und forderte die Medien auf, ihre Ranking-Praxis zu ändern. Die ungewöhnlich kritische Stellungnahme war Auftakt einer langfristigen Initiative, Studenten und Arbeitgebern die begrenzte Aussagekraft von Rankings deutlich zu machen und ihnen zusätzliche und relevantere Informationen zu geben. Ziel ist es, gemeinsam mit den Schulen eine verlässliche Datenbasis aufzubauen, aus der die Medien dann ihre Informationen beziehen können. Bisher werden die Daten teils überhaupt nicht kontrolliert. Längst ist es ein offenes Geheimnis, dass Schulen besser abschneiden, die ihre Daten geschickt "frisieren", vor allem die Gehaltsangaben der Absolventen - schließlich kann die keiner überprüfen.

Die Fixierung auf das Gehalt ist auch einer der größten Kritikpunkte am weltweiten Ranking der "Financial Times". Dort hängt die Bewertung einer Schule zu 40 Prozent vom Gehalt ab. Europäische Schulen tun sich schwer, mit den teils enormen Gehaltssteigerungen der US-Absolventen mitzuhalten; zudem werden gravierende nationale Unterschiede vernachlässigt. "In manchen Ländern wird die Steuer direkt bezahlt, in anderen vom Unternehmen", erklärt Andrea Gasparri, Geschäftsführer der SDA Bocconi School of Management in Mailand. Hinzu kämen Beiträge zur Krankenversicherung und Altersversorgung. Schon die unterschiedliche Zahl der Urlaubstage mache die Daten nicht vergleichbar: In Europa gebe es etwa 30 Tage bezahlten Urlaub, in den USA nur zehn. Das bedeute eine Differenz bei den Arbeitstagen von rund zehn Prozent und müsse auch beim Gehalt berücksichtigt werden, rechnet Gasparri vor.

Business Schools denken an eigenes Rating

Seine slowenische Kollegin Danica Purg sieht sogar einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht in Europa. "Da haben wir doch nie eine Chance, in das Ranking zu kommen", kritisiert die Dekanin der Bled School of Management in Slowenien. Selbst ein bosnischer Premierminister verdiene nicht mehr als 800 Euro im Monat.

Überdies ist die Internationalität des FT-Rankings begrenzt. So waren 2005 von den besten hundert Programmen zwei Drittel aus den USA oder Kanada, ein Viertel aus Europa und nur neun aus dem "Rest der Welt". Von den 27 europäischen Programmen waren wiederum 16 britisch. Auch die Stabilität der Bewertungen ist laut Bocconi-Chef Gasparri gering.

Inzwischen hat die europäische AACSB-Arbeitsgruppe erste Verbesserungsvorschläge erarbeitet. So fordern die MBA-Schulen aus Europa, künftig auch Veröffentlichungen wichtiger europäischer Forschungspublikationen zu berücksichtigen, nicht allein englischsprachiger Journale aus dem angloamerikanischen Raum. Sie regen einen länderspezifischen Koeffizienten an, der Sozialabgaben und Urlaubstage berücksichtigt. Und sie möchten eine präzisere Definition von "Internationalität"; schließlich hätten Geburtsort oder Pass nicht unbedingt etwas mit internationaler Erfahrung zu tun. So zählt bisher ein Deutscher, der in Zürich studiert, als "internationaler Teilnehmer".

Auf der Wunschliste der Business Schools in der Europa-Arbeitsgruppe steht auch ein eigenes multidimensionales Rating gemeinsam mit dem deutschen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Dann soll es keine numerische Rangfolge geben, sondern eine Bewertung verschiedener Indikatoren - so wie bereits beim ersten Bachelor-Rating des CHE. Ein erstes Treffen fand bereits statt, noch ungeklärt ist die Finanzierung. "Bei so einem Rating könnte jeder genau erkennen, welche Schule bei welchem Kriterium wie gut abschneidet", sagt der Mannheimer Professor Martin Schader, der der AACSB-Arbeitsgruppe angehört. "Beim Guide Michelin interessiert doch auch keinen, auf welchem Rang ein Restaurant steht, sondern wie viele Sterne es hat."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.