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Verschuldung bei unter 30-Jährigen Finanzieller Fehlstart ins Leben

Jeder siebte junge Erwachsene in Deutschland gilt als überschuldet. Woran liegt das? Und wie kämpfen sich Betroffene aus dem Schuldentief?

Davids finanzielle Misere begann, da war er gerade mal 18 Jahre alt. Arbeitslos, ohne Schulabschluss - und im Kopf noch ein halbes Kind. Aber volljährig, erinnert sich David: "Auf einmal konnte ich Verträge abschließen, mir zum ersten Mal ein gutes Handy holen. Leider hielt es nicht lange, also kaufte ich im Jahr darauf noch mal eins."

Auch seiner Mutter, einer alleinerziehenden Geringverdienerin, besorgte David ein Smartphone, wenig später folgten eine Konsole und ein großer Flachbildschirm. Alles per Ratenzahlung und damit auf Pump. "Mein Umgang mit Geld war zügellos", sagt der mittlerweile 29-Jährige aus Hannover. "Ich habe mehrere Tausend Euro Schulden angehäuft, und die begleiten mich bis heute."

Mit seinen finanziellen Problemen steht David nicht alleine da. Rund 1,58 Millionen unter 30-Jährige in Deutschland stufte die Creditreform 2018 als überschuldet ein. Damit ist jeder siebte junge Erwachsene in Deutschland nicht in der Lage, seine Lebenshaltungskosten samt etwaiger Verbindlichkeiten zu decken.

"Dass so viele junge Menschen finanziell schlecht ins Leben starten, ist bedenklich", sagt Inge Mette von der Caritas Jugendsozialarbeit (CJS) in Hannover. Seit knapp 13 Jahren berät sie im Auftrag des sozialen Hilfswerks Jugendliche und junge Erwachsene in Finanzfragen. Schicksale wie das von David kennt sie nur zu gut.

Verschuldungsfaktor Nummer eins: Handyverträge

"Ich dachte, dass sich das irgendwann einmal ändern würde, aber seit ich 2006 in meinem Beruf angefangen habe, sind Handyverträge der Verschuldungsfaktor Nummer eins", sagt Inge Mette. Ihre Erfahrungen decken sich mit den Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Demnach machten Verbindlichkeiten bei Telefongesellschaften im Jahr 2017 rund ein Fünftel der Schuldenlast von Menschen unter 25 Jahren aus. Im Gesamtschnitt dagegen waren Telekommunikationsdienstleister, die Handyverträge ausgeben, als Gläubigergruppe beinahe zu vernachlässigen (3,5 Prozent).

Junge Schuldner seien in einer speziellen Lebensphase, sagt Inge Mette. Im frühen Erwachsenenalter müssten viele erstmals für sich selbst sorgen, die hierfür nötigen Kompetenzen würden jedoch im Elternhaus oft nicht vermittelt: "Zu uns kommen keine Kriminellen, sondern finanziell naive junge Menschen, die kein Gespür für Geld haben."

Die Hemmschwelle, sich helfen zu lassen, sei allerdings groß. In der Regel, sagt Mette, würden Betroffene erst dann zur Beratung kommen, wenn der "Karren bereits im Dreck ist". Zunächst stehe daher mentale Hilfe im Vordergrund, da es den Hilfesuchenden mitunter "sehr, sehr schlecht" gehe - wie bei David.

Angst und Hilflosigkeit

Jahrelang gab der junge Mann Geld aus, das er nicht hatte. Mit Mitte 20 verfiel er in Depressionen, auch wegen der Finanzprobleme. Mahnungen und Amtsbriefe stapelten sich in seinem Zimmer, größtenteils ungeöffnet. Wie ein Damoklesschwert habe der Schuldenberg über seinem Leben geschwebt, sagt er. Doch im Alltag habe er die Verbindlichkeiten, so gut es ging, verdrängt - bis zum großen Knall im Winter 2014.

Weil David und seine Mutter mit den Nebenkosten für ihre Wohnung im Verzug waren, wurden Strom, Gas und Wasser abgestellt. "Wenn du den Hahn aufdrehst und kein Wasser läuft, kannst du nichts mehr verdrängen", sagt David, damals Azubi in einer Fahrradwerkstatt. Aus Angst und Hilflosigkeit habe er sich schließlich bei der Caritas gemeldet, mit rund 7500 Euro Schulden im Gepäck.

Die durchschnittliche Schuldenlast von Personen unter 25 Jahren lag 2017 laut Statistischem Bundesamt bei 8767 Euro - und damit deutlich unter dem Gesamtschnitt in Höhe von 30.170 Euro. Für Normalverdiener sei das möglicherweise eine überschaubare Summe, sagt Beraterin Inge Mette, "aber für einen jungen Menschen, der Hartz IV bezieht, ist das unendlich viel Geld".

Dementsprechend schleppend verläuft Davids Schuldenabbau. Bis heute geht er zur Beratung, lernt, strategisch zu wirtschaften. "Es fühlt sich gut an, sich um die Dinge zu kümmern", sagt der 29-Jährige, der seine Lehre beendet hat und saisonweise in einer Fahrradwerkstatt arbeitet. Gehalt: 1100 Euro netto.

Schritt für Schritt zur Schuldenfreiheit

Rund 1500 Euro an Verbindlichkeiten konnte David bisher nach eigener Schätzung tilgen. Er hofft, in rund vier Jahren schuldenfrei zu sein. Briefe öffne er mittlerweile sofort, sein Budget plane er konsequent, unnötige Posten habe er gestrichen - zum Beispiel das Fitnessstudio. Stattdessen fahre er fast täglich Rad, einmal um den Maschsee.

Geschichten wie die von David, von jungen Azubis oder Arbeitslosen aus finanzschwachen Milieus, gelten beim Jugendfinanzcoaching der Caritas als "klassisch". Unter den jungen Schuldnern aber repräsentieren sie nur eine von zwei Hauptgruppen. Viele Menschen unter 30 belasten sich nämlich nicht durch Handyverträge oder Konsumgüter, sie investieren vielmehr in ihre Zukunft. Genauer gesagt: in ihre Bildung.

"Mir war klar, dass es unter normalen Umständen unbezahlbar gewesen wäre", sagt Michelle, 25, über ihren Traum: Studieren in den USA. Seit einem Au-pair-Aufenthalt im Jugendalter wusste sie, dass sie "unbedingt noch mal rüber wollte", rüber in die Staaten. Allerdings konnte Michelle, deren Eltern als Elektriker und Bäckereiaushilfe arbeiten, die horrenden Studiengebühren der US-Colleges nicht einmal ansatzweise aufbringen. "Also habe ich geschaut, wie man das finanzieren kann", sagt sie.

Fündig wurde Michelle in Reutlingen, wo sie International Management mit einem zweijährigen Aufenthalt in Boston studierte - für einen Bruchteil der eigentlichen College-Gebühren. Da jedoch auch der Restbetrag und die US-Lebenshaltungskosten Michelles Möglichkeiten überstiegen, nahm sie einen Studienkredit auf, beantragte Auslands-Bafög und lieh sich Geld bei Verwandten. Insgesamt belastete sich die 25-Jährige mit rund 24.000 Euro.

Um ihren finanziellen Spielraum in den USA so groß wie möglich zu halten, verordnete sich Michelle während ihrer Studienzeit in Reutlingen einen strikten Sparkurs. Instinktiv nutzte sie viele der Strategien, die Inge Mette und ihre Kollegen in der Beratung vermitteln: Sie erstellte einen Haushaltsplan und führte Buch, ihre Einnahmen und Ausgaben trug sie penibel genau in einer App zusammen. Michelles monatliches Ernährungsbudget - 40 Euro - hob sie zu Monatsbeginn in bar ab - schließlich verliere man mit Kartenzahlungen schnell den Überblick.

Im Alltag entwickelte die Studentin einen regelrechten Sparzwang. "Die Male, die ich in Reutlingen Essen oder im Kino war, kann ich an einer Hand abzählen", sagt sie. Das sei sehr belastend gewesen, doch geschämt habe sie sich nicht - den meisten ihrer Kommilitonen sei es ähnlich gegangen. "Meine beste Freundin und ich waren in derselben Lage. Teilweise haben wir sogar versucht, uns mit unseren Ausgaben zu unterbieten."

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Studenten über ihr Geld: "Meine Wochenenden sind kontrollierter"

Foto: Joy Kroeger

Zwei Jahre und viel Pasta mit Tomatensoße später saß Michelle im Flieger nach Boston, wo sie "zwei tolle Jahre" verbrachte - mit weit weniger Entbehrlichkeiten. Im Mai 2017 schloss sie ihr Studium erfolgreich ab, zwei Monate später nahm sie eine Stelle bei Google in Dublin an.

Dank mehrerer Sonderzahlungen konnte sie binnen 18 Monaten einen Großteil ihrer Schulden, rund 20.000 Euro, abbauen. "Ich bin sehr stolz, diesen Weg selbst finanziert zu haben und schon bald schuldenfrei zu sein", sagt Michelle. Sie wisse, dass das nicht selbstverständlich sei. Überfordert habe sie die Verschuldung indes nie. "Ich bin ein Kopfmensch, ich hatte alles tausendmal durchgerechnet. Haushalten konnte ich schon immer ganz gut." Gelernt habe sie das von ihren Eltern.

Genau hier, bei den Eltern, sieht Finanzberaterin Inge Mette einen zentralen Ansatzpunkt zur Verschuldungsprävention. Für sie stehen die Eltern in der Pflicht, häufiger mit ihren Kindern über Geld zu sprechen - und konsequenter zu sein. "In unseren Schulprojekten stellen wir immer wieder fest, dass viele Kinder ihr Taschengeld auf Zuruf bekommen", sagt sie. "20 Euro hier, 50 Euro dort. Wie sollen sie so planen und verzichten lernen?"

Mette ruft Eltern auf, das Bewusstsein für Ausgaben und Einnahmen stärken. Schon ab dem Kindergartenalter ließe sich Finanzkompetenz schulen, so die Beraterin, etwa mit Bauklötzchen oder dem klassischen Kaufmannsladen - je früher, desto besser.

"Denn wenn sie 18 werden, werden sie 18", sagt Inge Mette. "Dann ist das Ding gelaufen."