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Lobbyarbeiter: Werben für Atom und Greenpeace

Foto: Sebastian Olényi

Von Beruf Lobbyist Die Überzeugungstäter

Für manche ist es Kommunikation, für andere Strippenziehen oder Politiker-Einseifen: Lobbyisten beeinflussen die Meinungsbildung im Dunstkreis der Parlamente. Und sie haben ein Imageproblem. Zwei Lobbyisten - einer für die Atombranche, einer für Greenpeace - erklären ihre Arbeit in Brüssel.
Von Sebastian Olényi

Er sagt, dass er nur fliegt, wenn es unbedingt nötig ist, dass er ein energieeffizientes Haus hat und Papier grundsätzlich doppelseitig bedruckt. Sami Tulonen ist Chef-Lobbyist beim Forum Atomique Européen (Foratom), dem Dachverband der europäischen Atombranche. Der Finne vertritt die Interessen von rund 800 Unternehmen der Atomindustrie in Brüssel, darunter Energieerzeuger, Atommüll-Transporteure und Reaktorbetreiber. Er selbst bezeichnet sich als Umweltschützer.

Zehn Gehminuten entfernt in derselben Straße, ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft zum Europaparlament, hat ein anderer Umweltschützer sein Büro: Jan Haverkamp ist Greenpeace-Lobbyist und pflegt gute Kontakte zur französischen und italienischen Autoindustrie - wegen der Kleinwagen.

Der Versuch von möglichst erfolgreicher Einflussnahme ist wohl so alt wie die Politik selbst. Als Erfinder des Wortes Lobbyismus gelten die Amerikaner. Dort lungerten schon um das Jahr 1800 Strippenzieher für allerlei Interessen in der Vorhalle des Kongresses herum, in der Lobby. Sie wirkten auf die Abgeordneten ein, beim Gesetzemachen doch bitte auch an ihre Interessen zu denken. Von dort ging der Begriff in die Welt.

Ex-Regierungsmitglieder sind Topverdiener unter den Lobbyisten

Die Meister des Antichambrierens haben zweifellos ein Imageproblem. Lobbyisten gelten als Einseifer und Bestrahler, die Politiker zu nicht sachgerechten Entscheidungen bewegen. Groß war etwa der öffentliche Aufschrei, als die schwarz-gelbe Koalition gleich nach dem Regierungsantritt den Hoteliers ein Zuckerl reichte - der Mehrwertsteuernachlass wurde als Sieg des Lobbyismus gegen jede ökonomische Vernunft verbucht.

Lobbyisten selbst sehen ihre Arbeit ganz nüchtern und unaufgeregt als Teil einer großen Politik-Maschine. "Informationen müssen zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Form an die richtigen Leute fließen", beschreibt Tulonen seinen Job. Für Außenstehende sind die politischen Machtstrukturen und Prozesse schwer zu durchschauen.

Die erfolgreichsten Lobbyisten sind oft Alphatiere a.D., ehemalige Politiker und Diplomaten. So unterstützt Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder den Schweizer Verlag Ringier und die Ruhrkohle AG, für die auch Schröders Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller tätig ist.

Der Altkanzler trommelt für die Ostsee-Pipeline, während sein Ex-Außenminister Joschka Fischer für das Konkurrenzprojekt "Nabucco" wirbt, eine Gaspipeline von der Türkei nach Österreich. Fischer ist zusätzlich bei BMW und Siemens unter Vertrag. Ihr Wissen und ihre Kontakte lassen sich Top-Überzeuger vom Schlag ehemaliger Minister oder gar Regierungschefs gut bezahlen: 5000 bis 10.000 Euro verdienen sie - pro Tag.

Kampf ums Atom: Zwei Lobbyisten und ihr Lieblingsthema

In dieser Liga können Tulonen und Haverkamp nicht mitspielen. Greenpeace-Mann Haverkamp, der es als Handicap empfindet, dass er "nur" sechs Sprachen kann, verdient als Freiberufler unter 2000 Euro netto im Monat. Atomlobbyist Tulonen will über sein Gehalt nicht sprechen. Aber Haverkamp glaubt, dass er im Lager seines Gegners das Dreifache seines jetzigen Gehalts bekommen könnte. Ein Angebot habe er bereits bekommen, aber abgelehnt.

Tulonen betont, dass er aus beruflichen Gründen Atomfan sei, aber es auch privat so sehe. Für ihn gebe es Tabu-Branchen: Er würde nicht für die Waffenindustrie arbeiten, nicht für die Tabakindustrie - und niemals für Greenpeace. Es sei falsch zu behaupten, man könne auf Kernenergie verzichten und gleichzeitig das Klima schonen. Darüber wiederum kann der Greenpeace-Vertreter Haverkamp nur lachen: Klimaschutz als Argument für Kernenergie vorzuschieben, das hält er für absurd.

In einem sind beide sich jedoch einig: Ehrlichkeit und Transparenz seien wichtig im Lobbyismus. Mit "Booze, Blondes and Bribes", also Alkohol, Blondinen und Schmiergeld, in den USA eine gängige Assoziation für die Mittel von Lobbyisten, wollen Tulonen und Haverkamp nichts zu tun haben. "Wir wollen mit Informationen überzeugen, nicht mit gutem Essen", beteuert Tulonen. "Gute Lobbyisten beschleunigen Entscheidungen durch richtige und transparente Informationen und stellen eine Verbindung zwischen Politikern und der Realität her", sagt Haverkamp.

2600 Lobbyorganisationen bevölkern die EU-Hauptstadt

Das heißt vor allem: Kontakte pflegen, Informationen sammeln und weitergeben. "Wir schreiben Pressemitteilungen, stellen Material für unsere Mitglieder zusammen, organisieren Veranstaltungen, nehmen an Diskussionen teil, besuchen unsere Mitglieder und informieren sie über aktuelle Vorgänge in Brüssel", so Tulonen. "Wir sind Dienstleister, wir liefern Inhalte."

Oft wissen das Politiker zu schätzen: "Wenn Gesetzgebung stattfindet, sollte man auch alle Interessen hören", sagt Rebecca Harms von den europäischen Grünen. Lobbyismus sei dort, wo Gesetze gemacht werden, überhaupt nichts Negatives, findet die Politikerin. "Es gibt ja auch Lobbyismus der Zivilgesellschaft." Nur wenn Geld ins Spiel komme, sei das schlecht. "Und wenn der Einfluss nicht transparent ist" - Abgeordnete müssten schließlich unabhängig sein.

Dem Lobby-Geschäft widmen sich in Brüssel mehrere tausend Organisationen, rund 2600 davon haben sich freiwillig in der EU-Lobbyliste registriert. Das Engagement lohnt sich: Rund jedes dritte deutsche Gesetz wird in Brüssel gemacht. Nach Schätzungen der Brüsseler Lobbyisten-Schule EIPAL entstehen zwei Drittel dieser Gesetze unter direktem Einfluss der Lobbyisten. Seit 1994 bietet die Schule Kurse in Sachen Überzeugungskunst an.

Auch viele Hochschulen bilden Lobbyisten aus. In Deutschland bieten beispielsweise die Freie Universitäten Berlin, die Unis in Düsseldorf und Bielefeld oder auch die private Berlin University for Professional Studies Masterstudiengänge in "Politischer Kommunikation" an.

Guten Freunden vertraut man eben

Viele der Brüsseler Lobbyisten sind Juristen, Politik- oder Kommunikationswissenschaftler. Auch Tulonen hat in Finnland Politik und internationales Recht studiert, bevor er als Berater für die Delegation der finnischen Konservativen im europäischen Parlament anfing. Danach arbeitete er für die EU-Generaldirektion Forschung in Luxemburg, bis ein Headhunter ihn für Foratom anwarb.

Haverkamp dagegen zählt zu den wenigen Naturwissenschaftlern in Brüssel. Er hat unter anderem Biochemie, Umweltwissenschaften und Kommunikationspsychologie studiert und zwischendurch mal in Physik und Reaktorsicherheit reingeschnuppert, "damit ich das verstehe", wie er sagt . Unternehmen, die eigene Interessenvertretungen in Brüssel unterhalten, rekrutieren ihre Lobbyisten oft aus den Marketingabteilungen. Welche Ausbildung ein Lobbyist mitbringen sollte, hängt letztlich von den Themen und Auftraggebern ab, die er vertritt.

Klar ist: Im Kontakte knüpfen sollte er allemal gut sein. Einem Abgeordneten einen dicken Stapel Papier vorbeizubringen, reiche nur selten aus, sagt Tulonen: "Niemand in Brüssel will informiert werden." Lobbyismus sei viel Lauferei und Erklären, so Haverkamp. Auch Bestechung sei kein Thema, weder direkt noch indirekt. Es gehe vielmehr um professionelle Kontaktpflege, ein Netzwerk des Wer-kann-gut-mit-wem. Oder nett professionell-diplomatisch von Haverkamp zusammengefasst: "In der Regel geht es um Freundschaften, nicht um Geld."

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