Von Beruf Physiker "Wir sind intellektuelle Allzweckwaffen"

Physiker stehen schnell im Verdacht des Fachidiotentums. Doch nur wenige bleiben nach dem Studium im Labor, die meisten machen sich auf in einen Berufsalltag fernab von Unis und Forschung. Denn der Arbeitsmarkt hat für Physiker einiges zu bieten.

Von Tobias Reckling


Doktorand in Chemnitz: Erstklassige Aussichten für junge Physiker
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Doktorand in Chemnitz: Erstklassige Aussichten für junge Physiker

"Nach drei Semestern habe ich es hingeschmissen. Es war einfach zu viel Mathe, und ein Stück zu faul war ich wohl auch", erzählt Markus, Ex-Physikstudent an der TU Berlin. So geht es vielen, denn gerade am Anfang wartet viel frustrierend schwere Theorie und Rechnerei auf die Neulinge. Doch das Durchhalten bis zum Diplom lohnt sich: Der Berufsperspektiven für Physiker sehen wieder prächtig aus.

Nach einem Studienanfänger-Boom in den achtziger Jahren war der Markt bis Mitte der Neunziger überlaufen. Inzwischen hat sich die Lage deutlich entspannt - seit 1998 gibt es fast keine arbeitslosen Physiker mehr. Angesichts niedriger Erstsemesterzahlen klagt die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) sogar über einen drohenden Fachkräftemangel.

Lieber Teilchenphysik oder Softwareentwicklung?

Vor allem die IT-Branche und die Halbleiterindustrie suchen nach Physikern. Denn dort sind analytisches Denkvermögen oder methodisches Problemlösen oft wichtiger als Spezialwissen. Das geht zumindest aus "Big Business und Big Bang", einem neuen Berufs- und Studienführer für Physik, hervor.

Neben vielen höchst unterschiedlichen Physikerlebensläufen bietet das sehr lebendige Buch etliche nützliche Adressen und Links rund ums Physikstudium - von Studienorten über Stipendiengeber bis zu den Forschungsgesellschaften. Doch im Vordergrund stehen Reportagen, Interviews und Statistiken zum Physiker-Alltag außerhalb der Uni.

So landet laut einer DPG-Umfrage momentan rund ein Viertel aller unter 35-jährigen Absolventen im IT-Bereich - obwohl man auch ohne Programmierkenntnisse durchs Physikstudium kommt. Doch qualifizierte Fachkräfte, sprich Hochschulabsolventen, sind nach wie vor gefragt.

SAP etwa, Europas größtes Softwarehaus mit allein 10.500 Mitarbeitern in Deutschland, beschäftigt über zehn Prozent Physiker. Eine von ihnen ist Uta Horstmann. Nach einer Diplomarbeit über theoretische Teilchenphysik und einem Japan-Praktikum arbeitet sie nun in der Softwareschmiede - für Physiker keine ungewöhnliche Karriere mehr.

Das Berufsfeld Forschung schrumpft

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Schließlich gelten Physiker als Generalisten unter den Naturwissenschaftlern. "Wir Physiker sind in den Augen der 'anderen' intellektuelle Allzweckwaffen", schreibt der Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator Ranga Yogeshwar ("Kopfball") im Vorwort zu "Big Business und Big Bang".

Das macht Physiker zu Konkurrenten für die Spezialisten, zum Beispiel für Ingenieure, Informatiker oder Nachrichtentechniker. Zugute kommt Physikern dabei der Nachwuchsmangel an MINT-lern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) in Deutschland.

Momentan arbeitet rund die Hälfte aller Physiker in der Industrie, etwa 15 Prozent sind es in Dienstleistungsunternehmen. Die Zahl der Beschäftigten in Forschung und Lehre hat sich seit 1988 fast halbiert. Damals waren noch 65 Prozent aller Physiker an Schulen, Unis und Forschungseinrichtungen tätig, heute nur noch 35 Prozent.

Qualifikation: Großer Frustrationsradius

Max Rauner und Stefan Jorda, die Autoren von "Big Business und Big Bang", haben auch einige überraschende Physikerlaufbahnen parat - von Unternehmensberatungen über Finanzwesen bis zu einem Künstlern und Politikern. Oskar Lafontaine und Angela Merkel zum Beispiel haben Physik studiert. Und Karrieren im "Big Business" sind durchaus üblich. So gelten Physiker im Investmentbanking oder in Unternehmensberatungen keineswegs als Exoten.

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Denn wer durch das harte Studium gegangen ist, bringt wertvolle Fähigkeiten mit: hohe Frustrationsschwelle, Ausdauer und strukturiertes Vorgehen bei komplexen Sachverhalten. Hapert es an betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, können Physiker das durch Crash-Kurse ausgleichen.

Mit dem Studieninhalten haben solche Jobs freilich noch weniger zu tun als Jobs in der IT-Branche. Nicht einmal die Hälfte aller Physiker geben an, bei ihrer Arbeit das Wissen aus dem Studium in hohem Maße zu verwenden. Meist sind sie dann in der Forschung beschäftigt.

Wie Einstein im Patentamt

Einige wählen aber auch einen Berufs-Klassiker: Stefan Lohmann zum Beispiel entschied sich nach der Promotion für eine Anstellung am Patentamt à la Albert Einstein. Und selbst hier stehen Physikern neue Möglichkeiten offen. Denn nach einer dreijährigen Zusatzausbildung kann man als spezialisierter Patentanwalt tätig werden - und dann sind Paragrafen wichtiger als Formeln.

"Von Big Business bis zu Big Bang gibt es kaum ein Gebiet, in dem sie nicht vertreten sind", lautet die Physiker-These der beiden Buchautoren. Dass man für die Jobs das anspruchsvolle Studium nicht gebraucht hätte, stört die wenigsten. Laut einer Umfrage bereut nur ein Drittel die Wahl. Und sogar Markus trauert dem abgebrochenen Studium noch manchmal nach.

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