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Job & Karriere

Von Beruf Polarforscher Der Gestank von 1000 Pinguinen

Im ewigen Eis zu forschen, ist für manche ein Kindertraum. Aber der Berufsalltag von Polarforschern ist knüppelhart: Höchsttemperatur minus 20 Grad, kaum Tageslicht, keine Privatsphäre - da braucht man ein robustes Nervenkostüm. Und in der Nähe von Pinguin-Kolonien auch starke Geruchsnerven.

Die menschenfeindlichen Lebensbedingungen im Ewigen Eis haben sich seit den Entdeckungsreisen der großen Polarforscher wie Roald Amundsen, Robert F. Scott oder Fritjof Nansen kaum verändert. "Im Sommer steigt das Thermometer auf dem Festlandeis der Südpolregion gerade über die Markierung von minus 25 bis 20 Grad", erläutert der Glaziologe Hans Oerter vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Schon zehn Mal war der Eisforscher in der Antarktis unterwegs, und auch die nördlichen Polregionen einschließlich Grönlands und Nordamerikas kennt er bestens.

Das Berufsbild des modernen Polarforschers allerdings gleicht dem der großen Abenteurer des frühen 20. Jahrhunderts kaum noch. Die Physikerin Claudia Ratering vom AWI zeigt sich daher über diese Berufsbezeichnung nicht sonderlich begeistert. "Polarforschung" lässt sich an keiner Hochschule oder sonstigen Einrichtung studieren.

Mit dem Eisbrecher über die Weltmeere

"Voraussetzung für eine solche Tätigkeit ist ein abgeschlossenes Studium vornehmlich auf den Gebieten Physik, Geophysik, Chemie, Biologie, Meteorologie, Geologie oder Ozeanographie", sagt Ratering. Und wie in vielen wissenschaftlichen Bereichen sind hervorragende Englischkenntnisse zwingend für den Informationsaustausch mit anderen Forschern.

Deutschland hat in der Polarforschung international einen sehr guten Ruf. Das 1980 in Bremerhaven gegründete AWI, eine Stiftung, ist mit knapp 770 Mitarbeitern mit Abstand das größte europäische Forschungszentrum auf diesem Gebiet.

Der Name erinnert an den deutschen Wissenschaftler Alfred Wegener (1880-1930), der durch seine Theorie der Kontinentalverschiebung weltweiten Ruhm errang und von einer Grönland-Expedition nicht mehr zurückkehrte. Das Institut betreibt den 11.820 Tonnen schweren und 118 Meter langen Eisbrecher "Polarstern" als hochmodernes Forschungsschiff mit 50 Plätzen für Wissenschaftler sowie mehrere Außenstationen - auch im Ewigen Eis.

"Eine sehr gute körperliche Verfassung ist die Voraussetzung für Forschungsreisen in die Polarregionen", berichtet Oerter aus der Praxis. "Diese wird vor dem Einsatz von Ärzten genau überprüft, wobei der Arbeitsort eine Rolle spielt."

Bleibt der Wissenschaftler auf dem Schiff oder in einer festen Forschungsstation, seien die gesetzten Maßstäbe nicht so hoch wie bei Expeditionen ins südpolare Inlandseis, bei denen Höhen von bis zu mehr als 3000 Meter erreicht werden - eine besondere Belastung, weil die Atmosphäre über der Antarktis dünner ist als über anderen Kontinenten.

"Campen im offen Eis ist nicht einfach"

Auf viel Ruhe und Entspannung dürfen Expeditionsteilnehmer nicht hoffen: Der Forscher im Eis ist immer mit anderen auf engstem Raum zusammen. Bei den Schiffstransporten, in den festen Stationen oder auf Expeditionsfahrten muss er mitunter die Unterkunft teilen - wochenlang gibt es praktisch keine Privatsphäre.

"Ein harter Job mit Entbehrungen, das Nervenkostüm muss gut sein", sagt Oerter. Die Verpflegung sei heute immerhin besser als zu Zeiten der Entdecker. "Campen im offenen Eis ist schon nicht einfach, doch wenn man neben einer Kolonie von tausenden Pinguinen das Zelt aufschlagen muss, wird es auch noch für die Geruchsnerven hart. Es stinkt dort nämlich ganz erbärmlich."

Der Härte des Jobs wird mit der für Wissenschaftler üblichen Bezahlung abgegolten. "Eine Anstellung findet sich überwiegend in Forschungsinstituten", sagt der Diplom-Geologe Gerhard Haass vom Forschungszentrum für marine Geowissenschaften (GEOMAR) in Kiel. "Verwendung für 'Polarforscher' haben aber gelegentlich auch private Unternehmen mit speziellen wirtschaftlichen Interessen in Eisregionen." Dazu zählten etwa Firmen, die Bodenschätze in Alaska oder Sibirien förderten oder suchten.

Forscher, die in den polaren Zonen gearbeitet haben, berichten auch noch von anderen Phänomenen, die den Körper belasten. In den Sommermonaten scheint die Sonne fast ununterbrochen, im Winter herrscht Dunkelheit. "In der Helligkeit findet man weit weniger Schlaf, und den Mangel registriert der Körper", weiß Oerter aus eigener Erfahrung. Und fehlendes Tageslicht schlage aufs Gemüt.

Warum so viele eiskalte Forscher Bart tragen

Polarforschung ist von grundsätzlicher Bedeutung für Erkenntnisse des Klimas. Eine der Methoden dabei ist, den Kilometer hohen Eispanzer über der Südpolregion anzubohren. Beim EPICA-Projekt auf der AWI-Station "Kohnen" in der Antarktis versuchen Wissenschaftler derzeit, Proben bis in eine Tiefe von 800 Metern zu entnehmen. Aus dem Bohrkern mit seinen winzigen eingeschlossenen Gasblasen lassen sich im Labor auch Schlüsse über die künftige klimatische Entwicklung ziehen.

Der lebenswichtige Schutz gegen extreme polare Kälte ist durch die inzwischen hoch entwickelte Schutzkleidung gesichert. Die Wissenschaftler müssen beispielsweise bei minus 30 Grad und eisigem Wind im Freien aus dem Boden Proben entnehmen oder Messungen vornehmen. Viele Polarforscher tragen nicht zufällig einen Bart. Auf eine entsprechende Frage antwortete der deutsche Abenteurer Arved Fuchs einmal: "Er wärmt tatsächlich."

Von Horst Heinz Grimm, gms

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