Von Beruf Streetworker Der raue Alltag auf der Straße

Für Jürgen Mühlfeld zählen auch kleine Erfolge. Der Frankfurter Streetworker besucht seine Klienten im Abrisshaus, im rostigen Container oder unter der Brücke. Wenn Obdachlose sich mit neuen Kleidern oder einem warmen Essen helfen lassen, ist schon viel erreicht.


Der Himmel ist grau und wolkenverhangen, unablässig prasselt der Regen. Seit zwei Stunden ist Straßensozialarbeiter Jürgen Mühlfeld in Frankfurt unterwegs. Seine Klientenbesuche verschieben will er nicht. Denn er weiß: Je eher die Frauen und Männer sich darauf verlassen können, dass er immer am gleichen Wochentag vorbeischaut, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie gerade "Platte machen".

Obdachloser mit seinen Habseligkeiten: Klienten auf Platte
DDP

Obdachloser mit seinen Habseligkeiten: Klienten auf Platte

"Platte machen" - im Obdachlosen-Jargon heißt das so viel wie "zu Hause" sein. "Manche 'wohnen' in alten Bauwagen oder Abrisshäusern, andere bauen sich mit einer Plane und einem Seil ein provisorisches Zelt oder schlafen in einem Schlafsack auf einer Pappunterlage", sagt Mühlfeld. Er arbeitet für das Zentrum für Wohnungslose "Casa 21" des Frankfurter Caritasverbandes. Zu seinen Aufgaben gehören die Sozialarbeit in den Straßen der Innenstadt und der östlichen Stadtteile ebenso wie die Beratung Obdachloser.

Seinen Klienten hilft Mühlfeld bei der Unterkunfts- oder Wohnungssuche. Er begleitet sie zu Behörden, Wohnungsgesellschaften, Suchtberatungsstellen und Ärzten, hilft Anträge formulieren und berät zu Sozialbezügen, vom Schreibtisch aus. "Aber damit die Betroffenen überhaupt auf uns aufmerksam werden, besuche ich sie vor Ort." Das verlangt dem ausgebildeten Sozialpädagogen viel Geduld ab. "Ich spreche die Leute immer und immer wieder an. Manchmal muss ich monatelang, ja sogar über Jahre wiederkommen, bis ein echter Kontakt entsteht."

Gerd Schrempf* zählt zu den Klienten, bei denen der Streetworker nicht immer willkommen ist. "Ob ein Gespräch zustande kommt, hängt von der Tagesform ab", sagt Mühlfeld und springt im Frankfurter Ostend über eine Abgrenzung, die den Bürgersteig vom Industriegebiet trennt. Nach einer Wanderung durch die hügelige Einöde ist er am Ziel - ein vom Rost zerfressener Container: die "Platte" von Gerd Schrempf.

"Man kann nicht jeden von der Straße holen"

Beißender Geruch nach Kot und Urin dringt nach draußen. Der Streetworker flüstert in Richtung eines fleckigen Deckenbergs: "Herr Schrempf..." Keine Reaktion. Mühlfeld will schon gehen, da wirbelt der Stoffhaufen nach hinten. Ein bärtiger Mann mittleren Alters streicht sich verschlafen mit der Hand über das zerfurchte und vom Schmutz grau gefärbte Gesicht. Das Gespräch fällt kurz aus - heute ist keiner von Schrempfs guten Tagen. "Ich wollte nur fragen, ob sie etwas brauchen", macht Mühlfeld den Anfang.

"Nein. Nächste Woche vielleicht", entgegnet Schrempf knapp und zieht sich die Decken wieder über den Kopf. Mühlfeld macht sich wieder auf den Weg. "Ich fasse das nicht als Ablehnung auf. Man muss sich klar darüber sein, dass man nicht jeden von der Straße wegbringt. In manchen Fällen kann man nur schauen, dass sich die Situation nicht verschlechtert." Für Mühlfeld zählen auch kleine Erfolge: Ein Kranker etwa, dem medizinische Erstversorgung Schmerzlinderung verschafft. Oder Wohnungslose, die sich über neue, saubere Kleider aus einer Spendenaktion freuen und ihren Hunger in einer der Frankfurter Suppenküchen stillen.

Warmes Essen gibt es in der Tagesstätte für Wohnungslose in der Hagenstraße, wo Mühlfeld regelmäßig Station macht. Im geheizten Speisesaal kommt man leichter ins Gespräch als draußen in der Kälte. Heute aber steht er vor verschlossenen Türen. "Die öffnen erst später", ruft ein Mann in löchrigen Jeans und speckiger Lederjacke von der anderen Straßenseite. Es ist Karl Huff*, einer von Mühlfelds Klienten.

"Herr Huff, wie geht's?" Ein fester Händedruck und Schulterklopfen zur Begrüßung - Berührungsängste sind auf der Straße fehl am Platz. "Na ja, wie soll es schon gehen", sagt Huff mit alkoholschwerer Zunge. "Viele von uns sind in der Kälte gestorben. Aber man muss doch wissen, wie man sich warm hält. Hauptsache, das Hirn ist warm." Er zieht die Mütze vom Kopf, schlägt sich mit der flachen Hand kraftvoll auf die Glatze. "So muss man es machen. Das Hirn immer warm halten."

Elend und Leid von der Seele reden

Der Streetworker lächelt, doch Huff hat eines der dunkelsten Kapitel des Straßenlebens angesprochen. Viel zu oft wurde Mühlfeld musste in den letzten Monaten die Leiche eines Obdachlosen identifizieren. "Häufig sterben die Menschen an übermäßigem Alkoholgenuss. Natürlich nimmt einen das mit", sagt Mühlfeld. "Aber es gehört zum Beruf, dass man sich abzugrenzen lernt."

Die schweren Eisentore der Tagesstätte quietschen, der Leiter Klaus Schäfer lugt hinaus und begrüßt Mühlfeld herzlich. Ihr nicht immer leichter Berufsalltag hat die beiden Männer zusammen geschweißt. "Wir hatten fast in jeder der vergangenen Wochen den Tod eines Klienten zu beklagen", bestätigt Schäfer. "Das ist sehr schlimm, denn in unserer Gesellschaft ist man vom Sterben eigentlich sehr weit entfernt. Da ist es wichtig, dass man sich die Dinge unter Kollegen von der Seele reden kann." "Psychohygiene" nennt Schäfer das.

Elend und Leid prägen den Beruf aber nicht allein, stellt er klar. "Zum Beispiel stimmt es einen positiv, dass sich unser Hilfesystem so etabliert hat, dass Obdachlose auf den ersten Blick nicht mehr als solche auffallen. Die Grundversorgung mit Essen und Kleidung ist gesichert."

Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) gilt das auch für die Vermittlung von Wohnraum: Freie Träger in der Wohnungslosenhilfe haben ihr ambulantes Beratungsangebot so ausgebaut, dass die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist. Wie viele Menschen derzeit genau auf der Straße leben, ist nicht bekannt - es gibt keine bundeseinheitliche Statistik. Die BAGW geht aber von mehreren hunderttausend aus.

Letzte Anlaufstelle für Obdachlose

Die Gründe, warum Menschen durch die Maschen des sozialen Netzes fallen, seien vielfältig, sagt Jürgen Mühlfeld. "Wenn die Leute arbeitslos werden, ihre Miete nicht mehr zahlen können, wird die Wohnung irgendwann geräumt. Sie stehen von heute auf morgen auf der Straße." In der Regel handele es sich um Menschen, die den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen sind - "sei es, weil sie drogensüchtig, alkoholabhängig oder psychisch krank sind".

Was als Straßensozialarbeiter auf ihn zukommen würde, wusste Jürgen Mühlfeld bei der Bewerbung vor ein paar Jahren nicht. "Ich habe im Studium zwar Praktika absolviert. Aber das Gefühl, wenn man dann selbstverantwortlich arbeitet, ist doch ein ganz anderes."

Voraussetzung für Streetworker ist ein FH-Studium der Sozialpädagogik oder -arbeit. In sieben Semestern plus Praxisjahr lernen die Studenten, soziale Probleme zu analysieren und Lösungsansätze zu entwickeln. Zu den Inhalten zählen unter anderem rechtliche Grundlagen,  psychologische Methoden oder der Aufbau des Sozialstaates. Auf das Basiswissen greift Mühlfeld im Beruf immer wieder zurück. "Um einzuschätzen, welche Behördengänge für einen Klienten überhaupt in Frage kommen, muss man schon wissen, wie unser Staats- und Rechtssystem funktioniert."

Bereut hat er seine Berufswahl nie, obwohl sein Studium ihn auch für andere Bereiche qualifiziert. In Heimen, Erziehungsberatungsstellen, Bildungs- oder Jugendzentren kommen Absolventen seiner Studienrichtung unter. "Klar habe ich mir schon überlegt, auch mal etwas anderes zu machen, aber nicht wegen der Härte der Arbeit, sondern einfach, um andere Bereiche kennen zu lernen", sagt Mühlfeld. "Andererseits fühle ich mich schon verantwortlich für meine Klienten. Wenn wir nicht mehr für sie da sind, haben sie niemanden mehr. Wir sind für sie die letztmögliche Anlaufstelle, die ihnen den Weg in ein neues Leben ebnen kann."

Von Sonja Kronenberger, Monster Karriere-Journal

(*Name geändert)

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.