Von Beruf Testpilot Techniker über den Wolken

Bevor neue Flugzeuge wie der gigantische Airbus A380 zum Einsatz kommen, werden sie unter Extrembedingungen geprüft. Nicht nur die Jets, auch die Tester müssen sibirische Kälte von minus 50 Grad aushalten - ein Knochenjob für Testpiloten und Ingenieure.


Belastungstest: Bei herben Minusgraden prüfen die Techniker neue Flugzeuge
GMS

Belastungstest: Bei herben Minusgraden prüfen die Techniker neue Flugzeuge

Tom Cruise schleppt mit dunkler Sonnenbrille und dicker Lederjacke schöne Frauen ab und fliegt nebenher noch ein paar Kampfjets durch die Gegend. So oder ähnlich wird in Kinofilmen und Fernsehserien der Job von Piloten dargestellt. Mit solchen Klischees hat der Berufsalltag eines Testpiloten allerdings wenig zu tun. "Für diesen Job ist extrem viel technisches Verständnis notwendig", sagt Peter Chandler, Testpilot beim europäischen Flugzeugbauer Airbus in Toulouse.

Viele Testpiloten haben vor ihrem speziellen Training eine Karriere als Militärpilot absolviert. Dann folgt meist ein Kurs an einer von nur vier spezialisierten Schulen weltweit - in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien oder Frankreich.

Neben diesen eingeschränkten Ausbildungswegen für Piloten gibt es rund um den Bereich der Testpiloten aber zahlreiche weitere Arbeitsmöglichkeiten. Dazu zählen etwa die Flugversuchsingenieure. "Wir sind die Schnittstelle zwischen den Entwicklern am Boden und der fliegerischen Realität", erläutert Ingenieur Wolfgang Brueggemann von Airbus. So wird zum Beispiel bei den Testflügen kontrolliert, ob zuvor am Computer berechnete Werte auch im Flug eingehalten werden.

Systemtest bei minus 50 Grad

Bei der Prüfung neu entwickelter Flugzeuge geht es aber nicht nur um das Verhalten des Jets in der Luft. "Wir reisen nach Alaska oder Sibirien. Dort testen wir, ob bei Kälte alle Systeme funktionieren", sagt Brueggemann. Mit Skiurlaub hat das wenig zu tun: Bei Temperaturen um minus 50 Grad Celsius müssen die Ingenieure genau untersuchen, ob sich das Flugzeug ohne Schwierigkeiten auftauen und starten lässt. Schließlich wollen Fluggesellschaften ihren Passagieren später keine unfreiwilligen Pausen im Winter zumuten. Das andere Extrem steht ebenso auf dem Programm - in Afrika wird ausprobiert, ob die Technik hohen Temperaturen trotzt.

Piloten und Ingenieure in der Flugerprobung sind bei Flugzeugherstellern in zwei verschiedenen Bereichen im Einsatz: Einerseits steuern sie neue Flugzeuge wie den Airbus A340-600 oder den gigantischen Airbus A380 mit 550 Sitzen. Andererseits sind Testpiloten und Ingenieure auch bei der Prüfung von Jets aus der Serienfabrikation im Einsatz. "Jedes Flugzeug wird am Boden und in der Luft ausgiebig getestet, bevor es an eine Fluggesellschaft übergeben wird", beschreibt Airbus-Sprecher Tore Prang den Ablauf.

Während Ingenieure und Piloten bei Versuchsflügen mit neuen Jets vor allem nach technischen Fehlern suchen, müssen die Kollegen im Auslieferungszentrum auch viel Sinn für Umgang mit Kunden haben. "Fluggesellschaften schicken natürlich auch ihre Spezialisten und prüfen genau, was wir ihnen ausliefern", sagt Prang.

Internet-Zugang im Flugzeug

Bei großen Airlines sind ebenfalls Ingenieure und Piloten mit technischer Zusatzausbildung im Einsatz: Sie schauen sich ein neues Flugzeug ganz genau an, wenn es vom Hersteller kommt. Sobald ein Jet umgebaut oder modernisiert wird, müssen die neuen Systeme penibel unter die Lupe genommen werden. Ohne diesen Check darf das Flugzeug nicht wieder im Liniendienst fliegen.

Manchmal entwickeln Airlines und Flugzeugbauer auch gemeinsam neue technische Systeme. So arbeitet zum Beispiel die Techniksparte der Lufthansa gemeinsam mit der Boeing-Tochter Connexion an der Entwicklung eines Internet-Zugangs via Satellit im Flugzeug.

Eine Kombination aus Ingenieurstudium und Pilotenausbildung bietet die Lufthansa ebenfalls an: Die Ausbildung dauert acht Semester und schließt mit dem Diplom im Bereich Luftfahrtsystemtechnik/-management (FH) sowie der Berufspilotenlizenz ab.

Steuerung für große Jets

Wer sich für einen solchen Beruf interessiert, sollte sich nicht nur bei großen Herstellern informieren. So zählt Deutschland zum Beispiel auch zu den führenden Nationen im Segelflugzeugbau. Außerdem bieten Forschungseinrichtigen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Berufsperspektiven für Ingenieure und Piloten mit technischer Zusatzqualifikation. Hier geht es etwa darum, die Flugzeugsteuerung zu entwickeln, mit der in fünf oder zehn Jahren große Jets ausgerüstet werden.

Basisausbildung der Versuchsingenieure ist meist ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik. Das Fach wird an zahlreichen Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland angeboten. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit liegt das Einstiegsgehalt bei durchschnittlich 3000 bis 4000 Euro pro Monat. Allerdings kann es je nach Region und Unternehmen Abweichungen geben.

Von Heiko Stolzke, gms

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.