Glückliche Uni-Abbrecherin Ich war Studentin, jetzt bin ich raus

Bildungsministerin Wanka wirbt dafür, dass Studienabbrecher direkt in Handwerksbetriebe wechseln. Inga, 19, freut sich über ihren Neuanfang im praktischen Fach. Ihre Ausbildung ist sogar mehr als eine Lehre: Sie soll Chefin werden.

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Als sie immer wieder Texte schreiben musste, war für Inga Schluss. "Das hass ich einfach", sagt die 19-Jährige. "Ich habe Pädagogik angefangen, weil ich dachte, dass es in Richtung Soziales geht. Und dann mussten wir Texte schreiben", erzählt sie.

"Ich habe mich in die Prüfungen geschleppt. Die Ergebnisse waren in Ordnung, aber ich habe gemerkt: Inga, das ist nichts für dich." Die junge Frau gab ihr Studium an der Universität Würzburg auf und begann eine Schreinerlehre.

Vom Hörsaal ins Handwerk: Solche Wechsel hat Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) ins Gespräch gebracht, allerdings blieben ihre Vorschläge eher unkonkret. Sie will nun ein Konzept erarbeiten, um Studienabbrechern den Wechsel in handwerkliche Berufe zu erleichtern. Denn etwa 23 Prozent aller Diplomstudenten und 28 Prozent der Bachelorstudenten brechen ihr Studium ab. Auf der anderen Seite klagen Handwerksverbände über schlechte Azubis.

Studienabbrecher zu Führungskräften

"Über kurz oder lang werden wir Probleme im Fachkräftebereich bekommen, vor allem beim Führungsnachwuchs", sagt Rolf Lauer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken. Seit eineinhalb Jahren läuft dort ein Pilotprojekt, das gezielt um Studienabbrecher wirbt und sie vermittelt. 27 junge Männer und Frauen haben auf diese Art einen Ausbildungsplatz wie Inga bekommen.

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Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni
Die Kammer brachte sie bei dem mittelständischen Holzbetrieb mit 34 Mitarbeitern unter und Ingas Chef ist von ihr begeistert: "So engagiert und so wissbegierig war ein angehender Auszubildender hier noch nie", sagt Ulrich Weber, Betriebsleiter und Miteigentümer. "Wobei wir schon unsere Bedenken hatten - vielleicht teilweise noch haben -, dass sie nach der Lehre wieder weg ist."

Das Programm der unterfränkischen Handelskammer gibt es bislang nur für vier Lehrberufe, es soll künftige Führungskräfte ausbilden. Die Lehre wird verkürzt, nebenher büffeln die Azubis kaufmännisch-rechtlichen Stoff, der sie auf die Meisterprüfung vorbereitet. Bei den Betrieben gab es zunächst Vorbehalte, denn Studienabbrecher haftet aus Sicht vieler Betriebe eben doch ein Makel an. Warum jemanden engagieren, der sein Studium geschmissen hat? Auch manchem Studenten liegt der Gedanke ans Handwerk fern, doch die gegenseitigen Bedenken hätten sich "sehr schnell zerstreut", sagt Frank Weth, verantwortlich für Berufsbildung bei der Handwerkskammer.

"Was Falsches machen, bis man zum Richtigen kommt"

Schwierig ist es, die Studienabbrecher zu erreichen. Die Studenten würden sich oft erst spät eingestehen, dass es nicht mehr geht. Und die Unis dürften die Daten auch gar nicht weitergeben. "Wir sind darauf angewiesen, dass junge Leute auf uns aufmerksam werden."

Handwerksvertretern geht der Trend zu immer mehr Studenten schon länger gegen den Strich. Lauer meint, viele gingen an die Hochschulen, ohne sich klar darüber zu sein, wie abstrakt ein Studium ist. Im vergangenen Jahr gab es erstmals mehr neue Studenten als neue Lehrlinge.

Wahr ist aber auch: Während Handwerk und Industrie am liebsten nur noch Abiturienten ausbilden würden, stecken 170.000 junge Menschen in Weiterbildungsmaßnahmen fest, ohne eine Chance auf einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Viele von diesen Azubis im Wartestand haben miese Noten oder gar keinen Abschluss. Letztere treffen dann auf die gleichen Vorbehalte, mit denen manche Betriebe auch Studienabbrechern begegnen: Kann der bei uns im Betrieb bestehen?

Inga jedenfalls ist froh, nicht mehr im Hörsaal zu hocken. "Ich hab's nicht bereut" - auch wenn ihr beim Arbeitspensum der Turboausbildung ihr Studentenleben beinahe wie ein Luxusleben erscheine, sagt sie. "Man muss auch mal was Falsches machen, bevor man zum Richtigen kommt."

Sebastian Kunigkeit/dpa/cht

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Seite 1
vbhfgdl 30.01.2014
1. Sollte etwa ...
Zitat von sysopDPABildungsministerin Wanka wirbt dafür, dass Studienabbrecher direkt in Handwerksbetriebe wechseln. Inga, 19, freut sich über ihren Neuanfang im praktischen Fach. Ihre Ausbildung ist sogar mehr als eine Lehre: Sie soll Chefin werden. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/wanka-vorschlag-abbrecher-zu-handwerkern-a-946238.html
… Vernunft einkehren in der "Bildungsrepublik"? Eine Abiturientenquote von 50 %/Jahrgangskohorte ist gemessen an der Studierfähigkeit reine Illusion, da wird so mancher junge Mensch ins Unglück geschickte, der in einem Handwerksberuf viel besser aufgehoben wäre. Der Mensch fängt eben nicht beim Abiturienten an, und ein tüchtiger Handwerker kommt gewiss besser durchs Leben als ein verkrachter Akademiker.
arimahn 30.01.2014
2. Mit 19
geht der Wechsel noch gut. Ab 22 sieht es da schon problematischer aus, denn wer will schon "alte" Azubis?
ksail 30.01.2014
3. Gute Entscheidung...
Die Zeiten sind vorbei, in denen man mit Studium grundsätzlich die besseren Jobs bekommen hat. In meiner Firma werden Bachelor-Absolventen teilweise mit niedrigerem Gehalt eingestellt als die Industriemechaniker - Angebot und Nachfrage. Lieber ein guter Handwerker als ein schlechter Akademiker.
gruenbonz 30.01.2014
4. Pädagogik und Soziales sollte man auseinanderhalten
Zitat von sysopDPABildungsministerin Wanka wirbt dafür, dass Studienabbrecher direkt in Handwerksbetriebe wechseln. Inga, 19, freut sich über ihren Neuanfang im praktischen Fach. Ihre Ausbildung ist sogar mehr als eine Lehre: Sie soll Chefin werden. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/wanka-vorschlag-abbrecher-zu-handwerkern-a-946238.html
insofern hat die Studentin einen klassischen Fehlstart im Studium hingelegt. Die Alternative "Handwerk" ist aber durchaus zu empfehlen, vor allem, wenn man die berufsbegleitenden Weiterbildungsmöglichkeiten betrachtet: Betriebswirt des Handwerks, auf Handels- und Industrieseite die zahlreichen Möglichkeiten u.a. zum Betriebswirt, die dann auch wieder den Weg öffnen für ein späteres Hochschulstudium. Fazit: Abseits der Diskussionswissenschaften gibt es durchaus Alternativen.
nbbn 30.01.2014
5. optional
Es wäre wohl sinnvoller, wenn es von Seite der Universität Einstufungstests geben würde um festzustellen ob jemand für ein Studium wirklich geeignet ist. Das Problem scheint doch wohl eher zu sein, dass man in der heutigen Zeit, mit 18, 19, 20 Jahren, in der Regel überhaupt nicht weis oder einschätzen kann was einem liegt. Jedenfalls finde ich die Beispiele in der Fotostrecke recht merkwürdig. Vom BWL- Studium zum Landschaftsgärtner? Bedeutet wohl wieder einen Ausbildungsplatz weniger, für jemanden der kein Abitur hat.
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