Weiterbildung Stiftung Warentest soll den Dschungel lichten

Millionen Teilnehmer, Milliarden-Umsätze: Wild wuchert die Weiterbildung. In der boomenden Branche hapert es zwar nicht an Auswahl, wohl aber an Transparenz und Qualitätskontrollen. Im Auftrag der Bundesregierung soll die Stiftung Warentest künftig abklopfen, was die vielen Kurse und Seminare taugen.

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Klassische Fortbildung: Mühsam, aber lohnend
GMS

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Seit Jahren feiert die Weiterbildungsbranche Rekordumsätze, doch die Interessenten finden sich unter den verwirrend vielen Angeboten recht schwankender Qualität kaum noch zurecht. Einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge machte sich jeder zweite Bundesbürger 1999 durch die Lektüre von Fachbüchern und -zeitschriften fit, jeder fünfte besuchte Seminare und Lehrgänge - und davon die Hälfte gleich mehrere Weiterbildungsveranstaltungen.

Hochgerechnet auf die gesamte Erwerbsbevölkerung beziffert das Kölner Institut allein die privaten Aufwendungen für Weiterbildung auf jährlich rund 6,5 Milliarden Euro. Den Löwenanteil tragen aber die Arbeitgeber. Insgesamt fließen nach Daten der Stiftung Warentest jedes Jahr rund 40 Milliarden Euro in die Weiterbildung.

Auf dem Markt: Spezialisten wie auch Dilettanten

Bundesweit tummeln sich auf dem Markt um die 35.000 Bildungsträgern mit etwa 400.000 Kursen. Wie viele es exakt sind, kann bisher niemand erfassen. Die Volkshochschulen sind ebenso dabei wie zum Beispiel halbstaatliche Akademien, die Hochschulen mit ihren Aufbau- und Fernstudiengängen oder die vielen privaten Bildungsträger.

Vorsicht, Scharlatane: Auf dem Markt tummeln sich auch lautstarke Motivations-Gurus
ABDA/GMS

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Um die Gunst der Wissensdurstigen buhlen neben brillante Spezialisten auch Dilettanten und Scharlatane. Die Interessenten reagieren da oft irritiert: Wie sollen sie etwa bei Seminaren zur Persönlichkeitsentwicklung einschätzen, ob der Anbieter ein seriöser Spezialist, ein neureicher Motivations-Guru ("Jeder Penner kann Millionär werden!") oder gar eine Sekte ist? Wie können sie herausfinden, ob eine Einrichtung tatsächlich handfestes Wissen für den Beruf vermittelt - oder lediglich blumige Berufsbilder wie "IT-Monteur" und "Multimedia-Producer" kreiert?

Höchste Zeit also für eine Einrichtung, die Licht ins Angebotdickicht bringt. Diese Aufgabe soll jetzt die Stiftung Warentest übernehmen, jährlich etwa 20 Tests starten und zunächst jährlich bis zu 400 Angebote überprüfen. Das kündigte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn am Dienstag an. Der Bund stellt dafür bis 2005 sechs Millionen Euro zur Verfügung.

Bulmahn am Dienstag in Berlin: "Bildung muss messbar werden"
DPA

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Auch wenn die Stiftung nur einen Teil der Weiterbildungsangebote berücksichtigen könne, sollten sich davon viele Anbieter zu mehr Qualität anspornen lassen, sagte Bulmahn: "Wir wollen Transparenz schaffen und schwarze Schafe vom Markt treiben." Die Bundesregierung schreibe der Stiftung nicht vor, welche Anbieter und nach welchen Kriterien sie teste, so die SPD-Politikerin weiter.

Zunächst geht es ausschließlich um berufliche Weiterbildung, vor allem um Bewerbungstrainings, Kurse für Wirtschaftsenglisch, Weiterbildungsdatenbanken und vom Arbeitsamt geförderte Langzeitkurse im kaufmännischen Bereich. Möglicherweise ist das nur der erste Schritt, denn auch Tests der Studienangebote an Hochschulen sind im Gespräch.

Warentest hat einen Ruf wie Donnerhall

Kürzlich hatten sich bereits die Hochschulrektoren für eine Art "Uni-Pisa" ausgesprochen; diesen Studenten-Leistungstest könnte die OECD übernehmen, die auch den internationalen Schüler-Vergleich Pisa organisiert hatte. An den Universitäten und Fachhochschulen gibt es bisher nur vereinzelte Rankings. Daran war im Zusammenarbeit mit dem Centrum für Hochschulentwicklung auch die Stiftung Warentest schon beteiligt. Außerdem nahm sie nach dem Mauerfall die hoch subventionierten Weiterbildungsangebote in den neuen Ländern unter die Lupe und schickte verdeckte Tester in die Kurse.

Da kommen anspruchs- und reizvolle Aufgaben auf die renommierte Institution zu. Aus bescheidenen Anfängen Mitte der sechziger Jahre entwickelte sich die Stiftung Warentest zu einer Verbraucher-Anlaufstelle mit einem Ruf wie Donnerhall - heute gilt sie als nahezu unfehlbar. Die strikte Trennung zwischen der wissenschaftlichen Fachabteilung und der Redaktion der Zeitschriften "Test" und "Finanztest" ist Programm. Mit der Verbraucherinformation kennt sich die Stiftung blendend aus, und ihre flinken Juristen sind bei der Industrie gefürchtet.

Dass der Bund jetzt Weiterbildungs-Tests fördert, ist konsequent. Die Branche boomt zwar, setzt aber weit weniger um als die Industrie mit klassischen Testprodukten wie Windeln, Shampoo oder Staubsaugern. Und Bildung auf den Prüfstand zu heben, liegt zweifellos im öffentlichen Interesse und, spätestens seit Pisa, auch im Trend.

Die Idee von Bildungs-Gütesiegeln ist nicht ganz neu. In Einzelbereichen gibt es bereits Systeme zur Qualitätskontrolle. So analysiert die Aktion Bildungsinformation (ABI) regelmäßig Sprachreisen; der Fernunterricht ist seit 1977 gesetzlich reglementiert. Und die Wirtschaft gründete 1994 die Gesellschaft "Certqua" zur Zertifizierung der Berufsbildung.

Im Bündnis für Arbeit entstand dann die Idee einer stärkeren "Qualitätssicherung von Weiterbildungsmaßnahmen". Im Juli 2000 stellte Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan (CDU) als erste das Konzept für Tests durch eine "Stiftung Bildungstest" vor. Und plötzlich waren sich alle einig - tags darauf beeilte sich Bundesbildungsministerin Bulmahn zu erklären, dass die Kriterien "unter Hochdruck" ausgearbeitet würden.

Zu verschenken: Getümmel im Web

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Ein kleiner Streit um das Urheberrecht an der Idee, die sowohl CDU als auch SPD für gut halten, folgte. Für die CDU hatte Georg Eickhoff, inzwischen Bundestagskandidat in Berlin, am Konzept mitgearbeitet. Er sicherte sich auch die Internetadresse www.stiftungbildungstest.de: "Diese Seite wartet darauf, an Bildungsministerin Edelgard Bulmahn verschenkt zu werden", kann man dort derzeit lesen.

Tatsächlich darf die Stiftung Warentest diese Domain jetzt, ganz kostenlos, übernehmen, versichert Eickhoff. Eine weitere Adresse (www.stiftung-bildungstest.de) hat sich Alexander Manzke aus Itzehoe gesichert. Der Mann arbeitet - Überraschung - dort im CDU-Ortsverein mit.



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