Weiterbildung Unternehmen im Glashaus

Geht es ums staatliche Bildungssystem, sprudelt die Wirtschaft über mit Vorwürfen. Es ist scheinheilige Kritik: Die Bildungsbilanz der Firmen ist ausgesprochen dürftig - sie selbst nehmen kaum Geld in die Hand für die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter.

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Wer die deutschen Unternehmer und ihre Funktionäre nach der Qualität des staatlichen Schul- und Hochschulsystems fragt, bekommt Urteile zu hören, die im Schuldeutsch "Setzen, sechs!" bedeuten würden. Über Deutschlands "mittelmäßige Bildung im internationalen Vergleich" beschwert sich DIHK-Präsident Ludwig-Georg Braun. Die "verlorene Stärke" der Republik beklagt ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz. Und Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt kritisiert die "mangelnde Ausbildungsreife vieler Schulabgänger".

Praktische Ausbildung: Duales System in der Krise
TMN

Praktische Ausbildung: Duales System in der Krise

Wenn es darum geht, die Qualitätsmängel des staatlichen Bildungswesens anzuprangern, lässt sich das Unternehmerlager schwerlich übertreffen. Umso zurückhaltender fallen die Wortmeldungen aus, wenn die Rede auf jene Teile des Bildungssystems kommt, in denen die Wirtschaft selbst die Verantwortung trägt. Mit gutem Grund: Werden die unternehmenseigenen Bildungsaufwendungen verglichen, schneidet Deutschland oft noch schlechter ab als beim Pisa-Test.

Das gilt nicht zuletzt für die betrieblichen Qualifizierungsetats vom Führungskräftetraining bis zur EDV-Schulung. Zwischen 1999 und 2005 nahmen die entsprechenden Ausgaben von 9,4 auf 7,4 Milliarden Euro ab. Deutschlands Firmen, die sich gern über das mittelmäßige staatliche Schul- und Universitätswesen erregen, liegen somit bei ihren eigenen Bildungsaufwendungen im Vergleich der Industrieländer am Tabellenende.

Auch der Stolz des Landes, das sogenannte duale System der Berufsausbildung, steckt in der Krise. Praktische Lehre im Betrieb und theoretischer Unterricht an der Berufsschule: Nach diesem Model erwarben ganze Generationen von Handwerkern und Facharbeitern eine Qualifizierung, um die das Land weltweit beneidet wurde. Doch das vielgelobte System zeigt sich immer weniger in der Lage, den Bedarf von Wirtschaft und Gesellschaft zu decken.

Jahrelang strichen die Betriebe ihr Ausbildungsangebot kontinuierlich zusammen, und hunderttausende von Jugendlichen fanden keine Lehrstelle. Heute steigt die Zahl der Plätze wieder an, aber die Fachkräftelücke in der Wirtschaft wächst noch schneller.

Kauffrauen zu Floristinnen, Floristinnen zu Kauffrauen

Das Missverhältnis nimmt mitunter groteske Ausmaße an, so zeigt eine Untersuchung des Göttinger sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts für die Metall- und Elektroindustrie. Danach stieg die Zahl der offenen Stellen in der Branche in den vergangenen Jahren um bis zu 92 Prozent.

Zuvor hatte die Industrie ihr Lehrstellen-Angebot über viele Jahre um mehr als 80 Prozent zurückgefahren. Für den Göttinger Bildungsforscher Thomas Baethge steht damit fest: "Die Industrie hat den von ihr beklagten Fachkräftemangel in erheblichem Umfang selbst geschaffen".

Die dürftige Bildungsbilanz der Wirtschaft wird komplettiert durch die gescheiterte Qualifizierungspolitik für Arbeitslose. Wer seinen Job verliert, soll durch Fortbildungsangebote der Arbeitsagenturen für neue Aufgaben fit gemacht werden. Das galt jahrzehntelang als zentraler Baustein deutscher Beschäftigungspolitik, finanziert aus Beitragsmitteln der Betriebe und nicht selten organisiert von großen Bildungsfirmen der Wirtschafts- oder Handwerksverbände.

Doch die Arbeitslosen-Qualifizierung, die bis vor kurzem den Großteil des deutschen Weiterbildungsmarktes ausmachte, endete als einer der größten Flops im deutschen Bildungswesen. Nach dem Zusammenbruch der DDR sollten Hunderttausende von Arbeitslosen in den neuen Bundesländern auf zukunftsfähige Berufe umgeschult werden. Es wurde ein Megageschäft für die Branche - und ein beispielloses Desaster.

Radikalrasur: "Es war wie ein Orkan in New Orleans"

Ohne auf den Bedarf der Unternehmen zu achten, wurden Floristinnen zu kaufmännischen Angestellten und kaufmännische Angestellte zu Floristinnen umgeschult. In nicht wenigen Fällen, so ermittelte später das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, haben die Bildungsprogramme die Job-Chancen der Arbeitssuchenden sogar verschlechtert. Nachdem dubiose Anbieter Beitragsgelder in Milliardenhöhe verbrannt hatten, strich die rot-grüne Regierung das Weiterbildungsangebot der Arbeitsagenturen Anfang des neuen Jahrzehnts radikal zusammen.

Zwischen 1999 und 2005 wurden die entsprechenden Etats von fast acht Milliarden Euro auf gut zwei Milliarden Euro eingedampft. "Es war wie ein Orkan in New Orleans", sagt der Manager eines führenden Bildungsträgers. "Nichts blieb übrig." Viele Anbieter gingen pleite oder entließen einen Großteil ihres Personals. Andere widmeten sich fortan dem Arbeitskräfteverleih. Selbst Fortbildungskurse, die ihren Absolventen beste Vermittlungschancen bescheren, wurden rasiert. Die Arbeitgeberverbände, die das Debakel mit verursacht hatten, unterstützten nun die radikalen Kürzungsbeschlüsse.

Inzwischen aber dämmert sogar dem Vorstand der Nürnberger Arbeitsverwaltung, dass sie ihren Kahlschlag zu weit getrieben hat. Agenturchef Frank-Jürgen Weise lässt derzeit an Konzepten feilen, wie der Fachkräftemangel mit einer Qualifizierungsoffensive bekämpft werden kann. Doch ein erstes Programm zur Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen scheiterte jüngst vor allem am Desinteresse im Arbeitgeberlager: Die Unternehmen riefen millionenschwere Fortbildungsmittel der Arbeitsagenturen einfach nicht ab.

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