Werbernachwuchs Jung und matt

In der Werbebranche werden Berufseinsteiger traditionell ausgebeutet. Früher durften sie sich immerhin im Glanz der illustren Reklame-Industrie sonnen, doch in der Krise sinkt der Stern der Werber schnell. Plötzlich ist Werbung einfach uncool.

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Die Reden sind von narkotischem Charme, die Bühnenästhetik mit Sperrholzappeal wirkt wie die Kulisse eines Kinder-Musicals in der integrierten Gesamtschule. Und wären die Menschen nicht in Marc Jacobs oder Yohji Yamamoto gewandet, könnte man meinen, direkt auf der Jahreshauptversammlung der Sanitärindustrie gelandet zu sein.

Doch was an diesem Abend im stillgelegten Flugzeughangar 2 in Berlin-Tempelhof stattfindet, hat nichts mit Flachspülern oder Abflussrohren zu tun; vielmehr präsentiert sich hier Deutschlands exklusivstes Nagel-Studio. Nägel, so heißen die Preise, die in Bronze, Silber, Gold vergeben werden. Es ist das Jahrestreffen des Art Directors Clubs, das schillernde Event der deutschen Werbebranche.

Doch irgendwie ist der Glanz verblasst.

Die Krise, sagen die Kreativchefs, sagen die Mediaplaner, sagt Top-Werber Amir Kassaei, habe die Branche schwer erwischt. Anzeigenmärkte brechen zusammen, und die Werbeinseln im Fernsehen sind so geschrumpft, dass im Gegenzug Castingshows auf Privatsendern ewig gedehnt werden müssen.

Erst kommt immer der Job, dann das Privatleben

Amir Kassaei, 40, hat die fetten Jahre miterlebt. Er besitzt eine Küche, die mit goldenem Mercedes-Benz-Lack gestaltet wurde. "Wenn ich heute Anfang 20 wäre, würde ich mir echt gut überlegen, in die Werbung zu gehen", sagt ausgerechnet der Chef des Branchenverbands Art Directors Club. "Werbung zu machen im Jahre 2009 ist einfach uncool. Der Alltag für junge Werber ist echt deprimierend."

Alltag für Hannah Bellmann geht so: Jeden Morgen gegen acht Uhr verlässt die 21-Jährige ihre Wohnung im Hamburger Stadtteil St. Georg, läuft eine halbe Stunde ins Büro. "Da bekommt man einen klaren Kopf", sagt sie. Es folgen Stunden vor dem Computer und in Konferenzräumen. Lange nach den "Tagesthemen" macht sie ihre Wohnungstür wieder von innen zu.

Man kann Bellmanns Leben auf zweierlei Weise sehen. Entweder: Auslandsaufenthalt, ausgebildet an der Kreativschmiede Miami Ad School, Einstiegsjob bei der Tochterfirma einer großen Agentur. Ein Job, mit dem lässig um den Hals gelegten Krawattenschal als Berufskleidung, ungebunden, flexibel. Sie gehört zur Nachwuchswerber-Elite; geht auf glänzende Partys, hat mit spannenden Menschen zu tun, beschäftigt sich mit Produkten am Puls der Zeit. So in etwa sehen es neidvoll junge Menschen, die in die Reklamebranche drängen und noch keine Ahnung haben, was dort wirklich los ist.

Ein Beruf, der sich schicker anhört, als er ist

Oder man sieht in diesem Leben das Abbild eines Berufs, der jeden unablässig zur Arbeit bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zwingt. Miserable Bezahlung, noch nicht mal Zeit für einen Freund. Das Primat des Jobs über das Private. So in etwa erlebt es Hannah Bellmann.

Sie hat einen "Meeting-Maker" auf ihrem Computer installiert. Allein für den nächsten Tag zeigt er drei Sitzungen an. "Eigentlich", sagt sie, "eigentlich habe ich eine 40-Stunden-Woche." Als sie unlängst einen Pitch für einen neuen Kunden vorbereiten musste, waren es 92 Stunden. "Wenn ich mal um halb acht nach Hause gehe, schleiche ich mich mit einem schlechten Gewissen aus der Agentur." Flache Hierarchien? "Man darf theoretisch zwar mitsprechen, aber in der Praxis sieht's oft ganz anders aus."

Bellmann ist kein Einzelfall. Was von außen aussieht wie das Leben in einem permanenten Bacardi-Feeling-Spot, ist ein Knochenjob. Derjenige zu sein, der sich coole Spots für die LOHA-Brause, Bionade und Telefonflatrates ausdenkt, hört sich vielleicht schick an, ist es aber nicht.

© UniSPIEGEL 3/2009
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