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Job & Karriere

Wie man Astronaut wird Über den Horizont und weiter

Ein Astronautentraining ist strapaziös: Den Bewerbern wird der Kopf verdreht, sie werden mächtig unter Druck gesetzt und zentrifugiert - und am Ende bleiben fast alle doch am Boden. Aber auch dort gibt es Jobs, die zum Beispiel Absolventen der International Space University galaktisch spannend finden.
Von Marion Schmidt

Ob Captain Kirk sich je Gedanken gemacht hat über Konzept und Management von Weltraummissionen? Oder über die Kosten seiner All-Ausflüge? Über die Entwicklung bio-regenerativer Überlebenssysteme an Bord? Wohl nicht - Karin Remeikis dagegen schon. Die 38-jährige Berlinerin zählt zu den bislang 1600 Absolventen der International Space University (ISU) in Straßburg und hat dort vor drei Jahren ihren "Master of Space Studies" gemacht.

Captain Kirk kennt Remeikis auch, nicht von der Uni, sondern aus dem Fernsehen. Als Kind hat sie sich die Abenteuer der Enterprise angeschaut und war schon damals fasziniert von "der Stille, der Schwerelosigkeit und dem Geheimnisvollen im Weltraum".

Aber studiert hat sie erst einmal Politikwissenschaft, sich im Studium spezialisiert auf Weltraumrecht und strategische Beziehungen, ein Praktikum beim Uno-Office of Outer Space in Wien gemacht und schließlich ihre Diplomarbeit über die kommerzielle Weltraum-Nutzung am Beispiel Südkorea geschrieben. Auf einem Kongress hörte sie von der ISU, fand die Idee klasse, aber die Studiengebühren von 20.000 Euro für das Master-Programm zu hoch.

Nur sechs Monate nach ihrer Gründung stellte die Nasa im April 1959 die Astronauten für das "Mercury"-Projekt vor: John Glenn (vordere Reihe, 3. v. l.) ist mit von der Partie

Nur sechs Monate nach ihrer Gründung stellte die Nasa im April 1959 die Astronauten für das "Mercury"-Projekt vor: John Glenn (vordere Reihe, 3. v. l.) ist mit von der Partie

Foto: NASA
Mit einer anonymen Raumkapsel wollte Glenn nicht ins All reisen: Zusammen mit seiner Familie gab er ihr den Namen "Friendship 7"

Mit einer anonymen Raumkapsel wollte Glenn nicht ins All reisen: Zusammen mit seiner Familie gab er ihr den Namen "Friendship 7"

Foto: NASA
Vor dem Flug kommt der Test: Auf dem Weltraumbahnhof am Cape Canaveral trainierte Glenn für seine Mission

Vor dem Flug kommt der Test: Auf dem Weltraumbahnhof am Cape Canaveral trainierte Glenn für seine Mission

Foto: NASA
Vorbereitungen für den Start: Am 20. Februar 1962 schlüpft Glenn um halb fünf Uhr morgens in seinen zehn Kilogramm schweren Druckanzug

Vorbereitungen für den Start: Am 20. Februar 1962 schlüpft Glenn um halb fünf Uhr morgens in seinen zehn Kilogramm schweren Druckanzug

Foto: NASA
Einstieg in das "Friendship 7": Um 6.03 Uhr morgens, so vermerkt das Protokoll, setzt Glenn seinen Fuß in die Kapsel

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Foto: NASA
Historischer Start: Um 9.47 Uhr hebt die "Atlas"-Rakete mit der Raumkapsel ab

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Foto: NASA
160 Kilometer über der Erde: Während des Fluges fotografiert eine Bordkamera den Astronauten

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Foto: NASA
Schnappschuss aus dem Fenster: Als erster Amerikaner beobachtet John Glenn den Sonnenaufgang aus dem All

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Foto: NASA
Als Nationalheld gefeiert: Nach seiner Rückkehr trifft Glenn den US-Präsidenten John F. Kennedy

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Foto: NASA


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Karin Remeikis bewarb sich dennoch und ergatterte eines der Stipendien der Europäischen Raumfahrt-Agentur (Esa) und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Auch für das nächste Master-Programm, das am 2. September beginnt, vergibt die Esa noch vier Stipendien an deutsche Studenten. Eigentlich ist die Anmeldefrist bereits abgelaufen, Nachzügler haben aber noch Chancen.

Für Remeikis war das Studienjahr an der Space-Uni ein besonderes Erlebnis. Sie lernte viel über Astrophysik und Raketentechnologien, über die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den Körper sowie Finanzierung und Marketing von Weltraum-Missionen. Mit dem ISU-Aufbaustudium und einer zweimonatigen Summer Session können sich Absolventen aller Studienrichtungen auf einen Beruf in der Raumfahrt vorbereiten, ein weltweit wohl einmaliges Konzept. "Ein gewisses technisches Grundverständnis sollte man allerdings mitbringen", sagt Remeikis.

Die Hochschule, 1988 gegründet, arbeitet international, interdisziplinär und interkulturell. Auf dem neuen Campus in Straßburg kommen jährlich 40 bis 50 Studenten aus der ganzen Welt zusammen, Ingenieure, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, aber keine "Star Wars"-Freaks.

Das Netzwerk der Absolventen ist beachtlich. Karin Remeikis bekam sofort nach ihrem Abschluss ein Stellenangebot einer Firma, die Platz auf Sojus-Raketen vermittelt. Zur Expo hat sie das missratene Maskottchen Twipsy auf die Mir geschickt (und damit bestimmt Außerirdische erschreckt).

Doch längst nicht jeder, der sich als Kind Spock-Ohren angeklebt oder mit einem Plastik-Laserschwert herumgefuchtelt hat, qualifiziert sich für einen Job im All. Stellenausschreibungen "Astronaut gesucht" etwa gibt es nur sehr selten. Das nächste Auswahlverfahren des Europäischen Astronautenzentrums (EAC) in Köln-Porz, das die Ausbildung aller europäischen Astronauten koordiniert, beginnt erst wieder 2006. Bleibt also noch genug Zeit, ein Studium und eine Promotion in Medizin oder einem natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Fach abzuschließen, ein bisschen Berufserfahrung zu sammeln als Wissenschaftler oder Pilot, darüber aber nicht älter als 37 Jahre und nicht größer als 190 Zentimeter zu werden.

Den Bewerbern wird dann bei den Einstellungstests nicht nur der Kopf verdreht. Sie werden auch mächtig unter Druck gesetzt, um zu prüfen, ob sie den extremen körperlichen und psychischen Belastungen im All gewachsen wären. Sie werden in Zentrifugen gesetzt, in Druckkabinen und auf Drehstühle. Bei all dem sollen sie auch noch zugleich konzentriert, ausgeglichen und geschickt sein.

Das schaffen nur ganz wenige. Das europäische Astronautenteam besteht zur Zeit aus 16 Männern und einer Frau, der Französin Claudie Haigneré. Sie flog bereits zweimal ins All: 1996 war sie mit auf einer Mission zur russischen Raumstation Mir, letztes Jahr tauschte sie die Sojus-Raumkapsel aus, die der Crew auf der Internationalen Raumstation ISS als Rettungskapsel dient.

"Man hat kaum Zeit, die Erde von oben, aus 400 Kilometern Entfernung, zu betrachten", erzählt die Mutter einer Tochter, "das wissenschaftliche Programm ist straff organisiert, viele Experimente müssen durchgeführt werden." Bei der letzten Mission aber hatte ein Kollege seine Gitarre dabei, da hat die Crew "ein bisschen Disco an Bord gemacht".

Auch Deutschland hat eine Astronautin: Heike Walpot wurde 1988 zur Wissenschaftsastronautin ausgebildet und für die zweite deutsche Spacelab-Mission trainiert. Sie wartet allerdings noch immer auf ihren Einsatz im All. Denn es werden viel mehr Astronauten ausgebildet, als es Flüge ins All gibt. Claudie Haigneré schätzt, dass weltweit etwa 400 ausgebildete Astronauten auf ihren Einsatz warten. Gerade mal jeder Zehnte ist schon einmal geflogen.

Alle anderen können die Wartezeit jedoch sinnvoll nutzen, sie bereiten beispielsweise wissenschaftliche Experimente vor. Und Heike Walpot fliegt unterdessen bei der Lufthansa im Linienverkehr - über den Horizont, aber nicht weiter.

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