In Kooperation mit

Job & Karriere

Wir Krisenkinder Jung, gut ausgebildet, chancenlos

Von der Uni kommen sie mit besten Noten plus Praktika plus Auslandserfahrung. Sie haben alles richtig gemacht - und fassen dennoch kaum Fuß auf dem Arbeitsmarkt. Die Wirtschaftskrise trägt viele junge Akademiker aus der Kurve. Dabei sind sie zu fast allem bereit.
Von Christoph Titz und Britta Mersch

Michael Nowak hat genug. Er war für seine Praktika schon in Taiwan und in Saudi-Arabien, für die Lufthansa entwickelte er in Dubai die Marketingstrategie für Südosteuropa, Afrika und den Nahen Osten mit. Busse mit seiner Plakatidee darauf rollen derzeit durch einige Hauptstädte.

Und dann standen im Büro der Lufthansa zwei leere Schreibtische, direkt vor seiner Nase. "Die wollten mich haben, und eine der unbesetzten Stellen wäre meine, versicherten sie mir" - gäbe es nicht den Einstellungsstopp, Wirtschaftskrise, Sie wissen schon. Auf Wiedersehen.

Nowak hat alles richtig gemacht. Für seinen einzigen Fehler kann er nichts: Er hat zur falschen Zeit sein Studium abgeschlossen - mitten in der globalen Wirtschaftskrise. Die Talsohle des Abschwungs mag bald erreicht sein, doch auf dem Arbeitsmarkt schlägt die Krise zeitverzögert ein. Der Bundeswirtschaftsminister rechnet mit weiteren 900.000 Arbeitslosen bis 2010.

Wie Michael Nowak machen so viele alles richtig, die in seinem Alter sind. Aber oft reicht das nicht.

Der Wohlstand ist noch da - die Sicherheit nicht

Aufgewachsen sind die jungen Leute zwischen 20 und 35 Jahren in einer Welt des Wohlstands. Die Sorgen ihrer Eltern in den frühen achtziger Jahren, die Angst vor der atomaren Bedrohung und der Verpestung der Umwelt, waren zu abstrakt für ihre Kinderköpfe, ihre Welt war noch stabil.

Als sie klein waren, bekam die Generation der heutigen Studenten und Berufseinsteiger zu Weihnachten Bobby-Cars oder Märklin-Eisenbahnen, später E-Gitarren, einen C64 oder Gameboy - und dafür arbeitete Vati, solange sie denken konnten, bei Siemens oder einem ähnlich verlässlichen Konzern. Auf den Partys der Neunziger tanzten sie zu Dr. Alban und Marusha, den Fantastischen Vier und Oasis. Und nach der Jahrtausendwende steuerte Vati auf den verdienten Ruhestand zu.

Den Wohlstand dieser Jugendjahre gibt es da draußen noch. Aber die Unbeschwertheit, sie ist futsch. Die einstürzenden Türme am 11. September 2001 und das Ende des New-Economy-Booms bedeuteten für diese Generation einen Bruch - ein Ende der gefühlten Sicherheit.

Immer stärker trübten Alarmmeldungen ihr Lebensgefühl auch in anderen Lebensbereichen. Staatliche Rente? Wer sich darauf verlässt, ist verlassen. Ein sicherer Job nach dem Studium? Fast die Hälfte der 20- bis 35-Jährigen war schon einmal arbeitslos, ermittelte der SPIEGEL. Jeder zweite unter 30 hatte schon mal ein befristetes Arbeitsverhältnis, errechnete der Deutsche Gewerkschaftsbund, und ein Drittel ist prekär beschäftigt - etwa als Leiharbeiter, befristet, auf ABM-Stellen oder als ewige Praktikanten.

Der kleine Traum vom bürgerlichen Glück

Die Drohung des sozialen Abstiegs haben junge Erwachsene ständig vor Augen. Viele rackern sich ab, leisten unbezahlte Überstunden, mucken nicht auf. Alles für den kleinen Traum vom bürgerlichen Glück und bescheidenen Wohlstand: Mir soll es nicht schlechter gehen als meinen Eltern.

Der Soziologe Ronald Hitzler sagte dem SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe mit der Titelgeschichte "Wir Krisenkinder": "Das Prekäre ist das zentrale Merkmal dieser Generation." Nicht unbedingt im Sinne von niedrigem Einkommen, sondern im Sinne von permanenter Unsicherheit.

Das muss man aushalten können, sich mit dieser Unsicherheit anfreunden, notfalls auch wieder ins alte Kinderzimmer bei den Eltern einziehen. So muss das der moderne Arbeitnehmer eben sehen - fünf Beispiele von jungen Akademikern zwischen Baum und Borke.

Ein Traumjob mit Schattenseiten

Andrea L. hat ihn, den Traumjob, auf den viele neidisch gucken. Als Redakteurin einer Kölner Produktionsfirma bastelt sie mit an großen Unterhaltungsshows. "Mich hat die Branche schon immer gereizt", sagt die 32-Jährige. Nach einem Ausflug in ein Lehramtsstudium hatte sie sich für die gewagtere Lebensvariante entschieden: Arbeiten in den Medien.

Andrea L.: "Immer neu anstrengen, um den Job zu behalten"

Andrea L.: "Immer neu anstrengen, um den Job zu behalten"

Foto: privat

Sie schrieb sich in Marburg neu ein, diesmal für Medienwissenschaften - und jobbte nebenbei als Casterin für eine Kuppel-Show. Das Studium schloss sie glänzend ab, Note 1,2. Im Job tüftelt sie nun neue Ideen für Shows aus, plant die Requisite, spricht mit Autoren: "Der Job ist genau das, was ich machen möchte."

Einerseits.

Andererseits nimmt Andrea L. für diese berufliche Erfüllung auch ein Erwerbsleben in der Schwebe in Kauf - seit ihrem Abschluss vor drei Jahren hangelt sie sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Der erste lief für ein halbes Jahr, dann wurde der Vertrag immer irgendwie verlängert, manchmal nur für einen Monat, je nach Auftragslage ihrer Firma.

"Viele finden diese Situation belastend", sagt Andrea L., "mich reizt sie aber: Ich weiß, dass ich mich immer wieder neu anstrengen muss, um meinen Job zu behalten."

Arbeiten auf dem Schleudersitz

Yvonne Irdes hatte sich mit einem Arbeitsleben auf dem Schleudersitz abgefunden - als sie die Krise der Automobilwirtschaft im Februar dann tatsächlich aus der Kurve trug. Ihren echten Namen will sie nicht genannt wissen, sie habe mal für Zahnpflege geworben, das hänge ihr heute noch nach, sagt die junge Frau.

Seit dem Abschluss pflastern Praktika auch ihren Weg. Das letzte führte die 26-Jährige nach München, dann direkt in eine Zeitarbeitsfirma. Die hatte einen großen Kunden, einen Autobauer, das Gehalt war sehr großzügig. Im Januar dann erging es ihr nicht anders als vielen anderen Mitarbeitern in der Branche: Kurzarbeit. Nur einen Monat später folgte der Rauswurf.

Irdes war schon draußen, hatte Arbeit, Geld, Wohnung - und jetzt lebt sie wieder in ihrem Kinderzimmer. "Das wünscht man sich natürlich nicht", sagt sie. Aber so richtig schlimm könne sie es auch nicht finden. Man will eben immer das, was man gerade nicht hat, sagt sie pragmatisch.

Nichts ist schlimmer als die Lücke im Lebenslauf

Jetzt will sie wieder festeren Boden unter den Füßen. 90.000 Euro hat ihre Ausbildung die Eltern schon gekostet, allein an Gebühren für das private Gymnasium und die private Business School. Nun paukt sie wieder Mathematik, hat dafür einen Nachhilfelehrer, um im GMAT die nötige Punktzahl zu erreichen. Diesen Test setzen viele Masterprogramme in BWL voraus. Eine weitere Latte zum Drüberspringen, für eine dauergetestete Generation.

Yvonne hat einen Bachelor plus Berufserfahrung - aber es reicht nicht, das glaubt sie sogar selbst. Ihr Wunschprogramm, ein Master in drei Ländern, wird 20.000 Euro kosten. Ein Kredit muss her: "Danach habe ich hoffentlich bessere Chancen."

In der Logik der prekären Generation ist ein weiterer Uni-Abschluss ein eleganter Ausweg. Sonst wird die Pause zu groß zwischen den sinnvollen Tätigkeiten, es droht die Lücke im Lebenslauf. "Ich kenne Leute, die haben seit neun bis zehn Monaten nichts neues", sagt Yvonne. "Das ist zu lange."

Falls eine der Bewerbungen, die noch laufen, klappt, soll der Master hinten anstehen. Wenn nicht, dann geht sie wieder an die Uni. Leidenschaft für das eine oder andere lässt sie nicht erkennen. Was geht, wird eben gemacht.

"Ich habe im Ausland studiert" - aber wer hat das nicht?

Neben der erstaunlichen Elastizität ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten der strebsamen Absolventen, dass sie fast alle international erfahren sind. Mantraartig wird ihnen vorgebetet, sie müssten hinaus in die weite Welt, ohne Fremdsprachen und Auslandsaufenthalt werde das nichts mit der Karriere.

Früher waren es Privilegierte oder Abenteurer, die im Ausland jobbten oder studierten. Längst sind solche Ausflüge üblich. Viele Studiengänge haben Auslandssemester schon fest integriert, ins Pflichtprogramm gehören auch Praktika, bei denen man dann beispielsweise für vier Wochen in Madrid statt München am Schreibtisch sitzt. Allein die Erasmus-Förderung der EU schickte in den letzten 20 Jahren 240.000 Deutsche querweltein.

So jetten sie um die Welt und ziehen in China, Argentinien, Südafrika und in die USA ihre Trolley-Koffer durch die Terminals - und landen trotzdem nach dem Studium in der Krise unsanft auf heimischer Scholle.

"Das schlimmste war das Nichtstun"

So wie Michael Nowak, der Absolvent der Fachhochschule Landshut mit Diplomarbeitsnote eins Komma null und respektablen Praktika. Die Sonne von Dubai war gestern. Jetzt wohnt er wieder im beschaulichen Eching, einer Gemeinde im weiteren Umland von München. Bei den Eltern wieder einziehen, das war hart und nicht exakt der Plan, den Nowak noch vor einem Jahr für seine Zukunft hatte.

Ein schwacher Trost: Er ist nicht allein. Auch seine Freundin hat zum falschen Zeitpunkt abgeschlossen, sie war im Praktikum in Neuseeland und New York und wohnt jetzt wieder in Freising. So gehe es den meisten seiner Kommilitonen, sagt Nowak.

Michael Nowak: Firmengründung mit seiner Freundin

Michael Nowak: Firmengründung mit seiner Freundin

Foto: Michael Nowak

Für ihn war "das Schlimmste das Nichtstun". 200 Bewerbungen habe er geschrieben, angeboten wurden ihm allenfalls Praktika. Und weil keiner ihm und seiner Freundin Arbeit gab, haben sie sich selbst eine gestrickt: "Die Firma heißt 3Qube M und wird eine Marketing- und PR-Beratung für Kleinstunternehmer." Seit einer Woche gibt es die Internetseite. Es ist ein Anfang.

"Ob das was wird, wissen wir selbst nicht", sagt Nowak. Ihr Büro haben sie im Haus der Eltern seiner Freundin. Und nehmen lieber keinen Kredit auf, bloß kein Risiko eingehen, lautet ihre Devise. Hauptsache nicht länger Bewerbungen verschicken und vergebens warten. Hauptsache weitermachen.

Ein Jahr auf der Suche: "Das kann sich keiner vorstellen, der es nicht erlebt hat"

Noch ein Gestrandeter, der nur mit geändertem Namen genannt werden will, ist Peter Friebe, 29. Auch er machte alles richtig. Bis 2001 lernte er in einer Bank und entschied sich dann doch für ein Studium. Der angesagte und aussichtsreiche Diplom-Studiengang "Kulturwirtschaft" in Passau sollte es sein, ein BWL-Studium plus intensiver Landeskunde. Hinein kam nur, wer ein Einser-Abi vorzeigen konnte oder, wie Friebe, bereits erfolgreich eine Berufsausbildung abgeschlossen hatte.

Bei einem Praktikum in Chicago organisierte Friebe einen riesigen Markt, rund zwei Millionen Besucher kamen, ein sehr erfolgreiches Großprojekt. Trotzdem besucht er jetzt eine Fortbildung für Projektmanagement, mit freundlicher Empfehlung der Arbeitsagentur, weil er seit einem Jahr keine Stelle findet. "Auch gut, weil man was zu tun hat", sagt Friebe.

"Ich kam mir plötzlich wieder wie ein Mensch vor"

Einmal war er kurz davor durchzustarten. Bei einer Bank wollte er eigentlich nicht mehr arbeiten. Aber als eine Frankfurter Großbank ihn zum Assessment Center einlud, sagte er sofort zu. "Das war ein Gefühl wie eine WM-Teilnahme, die Endrunde", und ihn hatten sie dafür ausgewählt. Dann eben wieder eine Bank, was soll's, dachte sich Friebe - "ich kam mir plötzlich wieder wie ein Mensch vor."

Am Bistrotisch in Frankfurt rümpfte ein anderer Absolvent, der Betriebswirtschaftslehre studiert hatte, die Nase, als Friebe ihm von seinem Studienfach erzählte. Egal, Friebe überstand die erste Runde. Im Finale, als sie nur noch zu zehnt waren, scheiterte er. Die hochdotierte Trainee-Stelle ging an einen anderen Bewerber.

Finanziell hält Friebe sich jetzt als Kleinunternehmer mit Catering über Wasser und bewirbt sich weiter. Statt großer Geldbeträge in Bankbilanzen zählt er Brötchen und kontrolliert die Wurstbestellung. Auch er wohnt wieder zu Hause, mehr kann er sich im Moment einfach nicht leisten.

Diesen Schwebezustand, "den kann sich keiner vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat", sagt Friebe.

Nichts wie raus aus Deutschland - aber nur kurz

Durchhalten und weitermachen ist eine Option, andere wählen Zorn - oder Flucht. Aber einfach wegrennen, das geht ja nicht. Das Leben soll nach Plan laufen, der Plan sieht unkontrollierte Ausbrüche nicht vor.

Krisenbewältigung in Argentinien: "Sich selbst kennen lernen"

Krisenbewältigung in Argentinien: "Sich selbst kennen lernen"

Foto: Julia Schäfer

Eine kleine Flucht gönnte sich immerhin Julia Schäfer. Im Herbst 2008 wurde sie fertig mit ihrem BWL-Studium an der FH Landshut - und ist seitdem auf Arbeitssuche.

"Schreib nicht, wie viele Bewerbungen ich schon geschrieben habe, das klingt vielleicht zu wenig." Ein Satz für Vorsichtige, in einer wirtschaftlichen Krise, die auch zu einer persönlichen Krise werden kann. Julia Schäfer ist 26 Jahre alt, hat eine exzellente Diplomarbeit geschrieben und einen guten Abschluss. Statt blindlings hat sie sich gezielt beworben, darauf geachtet, "dass ich zu der Firma passe und die Firma zu mir". Und kassierte bisher nur Absagen.

Alles lässt sich als Gewinn für den Lebenslauf ummünzen

Ende April sagte sich Julia Schäfer: Mir langt's. Wenn alles Bemühen nichts bringt, tu ich mir eben was Gutes. Jetzt ist sie in Buenos Aires und wohnt in einer internationalen Krisen-WG: Die zwei Jungs aus den USA im Nebenzimmer sind derzeit arbeitslos und wie sie für einen Spanischkurs nach Argentinien gekommen. Die Mitbewohnerin aus Holland ist seit September mit der Uni fertig und hat ebenfalls noch keinen Job - genau wie der fünfte im Bund, ein australischer Finanzberater, gefeuert vor einem halben Jahr.

Julia Schäfers Reise ist nicht Selbstzweck, kein reines Plaisir. Alles muss doch einen Nutzen zeitigen für eine Generation, der man beigebracht hat, dass sie nach Kräften strampeln muss, um nicht unterzugehen. Spanisch spricht Julia schon, aber hier perfektioniert sie ihr Können mit Einzelunterricht, neun US-Dollar die Stunde.

"Zu so einer Reise gehört, dass man sich selbst kennen lernt", sagt sie und entzieht sich der Bewerbungstortur für ein paar Wochen. Die persönliche Weiterentwicklung und ein aufpoliertes Spanisch wird sie in einen Gewinn für ihren Lebenslauf ummünzen.

So verschieden alle mit der Krise und der Arbeitssuche umgehen, darin sind sich die ungleichen Absolventen einig: Das Curriculum Vitae muss makellos sein. Sie wollen alles richtig machen. Und Lücken, das ist die Pest.