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Wissenschaftsplagiate Ideendiebe, Rosstäuscher und ihre Schreibknechte

Nicht nur Studenten, auch Professoren schreiben ab. Mit seiner Skandalchronik "Das Wissenschaftsplagiat" bricht Volker Rieble ein Tabu - und nennt schonungslos Professorenkollegen mit vollem Namen. Im Interview erklärt der Münchner Jurist, warum die Unis strengere Regeln gegen Textklau brauchen.
Foto: SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Herr Rieble, in Ihrem Buch "Das Wissenschaftsplagiat" listen Sie deutsche Hochschullehrer auf, die sich mit fremden Federn schmücken. Gelten Sie in Professorenkreisen jetzt als Nestbeschmutzer oder Rächer der Abschreibopfer?

Volker Rieble: Sowohl als auch. Manche Unbeteiligte sind grundsätzlich dagegen, Staub aufzuwirbeln. Direkte Kritik der Ertappten ist die seltene Ausnahme. So widerspricht ein Hochschullehrer offen auf seiner Webseite, ein anderer rechtfertigt sich nach dem Prinzip "Stille Post" an Fachkollegen. Die Reaktionen, die ich persönlich erhalte, sind aber überwiegend positiv.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie zur Skandalchronik mit Klarnamen von Plagiatoren der letzten zehn Jahre getrieben?

Rieble: Wissenschaftler tragen ihr "Wahrheitsstreben" gern wie eine Monstranz vor sich her. Dazu gehört aber auch die Namensklarheit - dagegen bleibt eine vermeintliche Aufklärung ohne Klarnamen unseriös und wirkungslos. Meine Fallbeispiele in Serie beweisen: Es handelt sich nicht um unglückliche Ausrutscher in Einzelfällen, sondern um gewohnheitsmäßigen Zugriff auf fremde Lorbeeren. Bemerkenswert ist, dass das ausgerechnet in den Rechtswissenschaften häufig passiert. Dieser Missbrauch wird bei Studenten bestraft. Er darf bei Professoren mit Vorbildfunktion kein Kavaliersdelikt bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Warum scheuen Wissenschaftler bisher die Aufklärung in eigener Sache?

Rieble: Ein altertümlicher Ehrenkodex steht einer offenen Diskussion über Plagiate entgegen. Professoren versuchen oft, jedem persönlichen Konflikt aus dem Weg zu gehen. Härte zeigen sie allenfalls gegenüber Studenten und Doktoranden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Plagiats-Fälle überhaupt entdeckt?

Rieble: Nur wenige Fälle waren öffentlich, zum Beispiel durch die Berichterstattung auf SPIEGEL ONLINE. Einige kursierten hinter vorgehaltener Hand in Fachkreisen. Andere meldeten mir beklaute Kollegen, oder es waren schlicht Zufallsfunde.

SPIEGEL ONLINE: Viele Plagiatoren zeigen sich von Ihren Vorwürfen überrascht. Haben Sie die Betroffenen nicht angehört?

Rieble: Nein. Warum auch? Ich frage nicht nach Entschuldigungen und Ausreden, sondern allein nach der Autorverantwortung. Vor allem das übliche professorale Abwälzen der Verantwortung auf Assistenten oder Doktoranden will ich nicht hören.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Recherchen werden nicht folgenlos bleiben. Fürchten Sie juristische Konsequenzen?

Rieble: Kritik in zwei Fällen dürfen wir nach einem vorläufigen Gerichtsbeschluss im bisherigen Wortlaut nicht wiederholen. Aber damit eröffnet sich doch auch eine spannende juristische Diskussion: Ist für einen Professor schon der Hinweis beleidigend, dass seine Forschungsergebnisse oder Ideen zuvor längst an anderer Stelle veröffentlicht wurden? Das müssen jetzt unter Umständen die Gerichte klären.

SPIEGEL ONLINE: Als Ideendiebe aufgeflogene Doktoren sind wiederholt vom Staatsanwalt verfolgt worden. Was schützt Professoren davor?

Rieble: Meist geht es bei ihnen um Ghostwriting auf dem Rücken mehr oder weniger williger Assistenten oder Doktoranden, was nicht strafbar ist. Wer einfach abgekupfert hat, bezichtigt gern seine Mitarbeiter, seine Schreibknechte. Bei der Strafverfolgung von Professoren gibt es eine allgemeine Zurückhaltung. Erst wenn man Doktoranden für privates Entgelt betreut, ist das inzwischen anders.

Plagiate - wissenschaftliches Diebesgut

SPIEGEL ONLINE: Welche Sanktionen sieht das Dienstrecht gegen abstaubende Hochschullehrer vor?

Rieble: Das Beamtenrecht erlaubt Disziplinarverfahren bei konkreten Dienstpflichtverletzungen. Aufgrund meiner Enthüllungen laufen jetzt solche Ermittlungen etwa an einer Hamburger Hochschule. Auch geheime Ombudsverfahren durch kollegiale "Wächterräte" können persönliches Fehlverhalten feststellen. Mehr als eine Rüge der Hochschulleitung wegen Nichtbeachtung von Zitierkonventionen kommt dabei aber erfahrungsgemäß nicht heraus.

SPIEGEL ONLINE: Wie wehren sich die betroffenen Verlage?

Rieble: Das Geschäftsinteresse der Verlage spricht für eine verschwiegene Bereinigung. Der betrogene Leser merkt davon in der Regel nichts - erst recht, wenn das Buch auf einmal nicht mehr in Handel ist.

SPIEGEL ONLINE: Was muss geschehen, damit Professoren keine fremden Lorbeeren ernten können?

Rieble: Das Urheberrecht reagiert leider nur auf klaren Textdiebstahl, aber weder auf Ideenklau noch auf verbreitetes Ghostwriting. Wir müssen nach der Redlichkeit des Autors fragen. Wo ein bestimmter Autor drauf steht, muss dieser auch drin sein - und zwar mit Idee, Konzeption und Umsetzung. Er muss selber schreiben, nicht nur unterschreiben. Dafür sollten die Hochschulen in ihren Dienstverträgen und die Verlage in den Honorarvereinbarungen besser vorsorgen.

SPIEGEL ONLINE: Das bisherige Recht konzentriert sich auf den einzelnen Schöpfer eines Textes. Wie können faire Regelungen modernem wissenschaftlichem Teamwork gerecht werden: dem Erkenntnisprozess nicht nur am Schreibtisch, sondern auch bei Experimenten und Labor?

Rieble: Am besten ist Transparenz. Auch in den Naturwissenschaften lässt sich doch genau angeben, wer das Experiment ersonnen und durchgeführt hat und wer die Schlussfolgerungen zu Papier bringt. Wenn ein Professor vor allem Forschung organisiert, andere aber die Arbeit machen, ist er für deren Forschungsergebnisse kein Autor. Seine Bedeutung kann durch eine Herausgeberschaft betont werden.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für realistisch, dass die Wissenschaft aus eigener Kraft zu einer ehrlichen, transparenten Autorenpraxis findet?

Rieble: Als Wissenschaftler kann man nur Diskussionsanstöße geben. Mit meinem Buch versuche ich, das Ausmaß des Problems aufzuzeigen. Meine Arbeit ist jetzt aber nicht beendet - im Gegenteil. Ich werde auch in Zukunft Reaktionen dokumentieren und weitere Fälle aufzeigen - immer mit Klarnamen. Einige Kollegen mit ähnlicher Abneigung gegen Rosstäuscher haben ihre Unterstützung zugesagt. Ernstzunehmende Gefahr für die Plagiatoren liegt ausschließlich in der Veröffentlichung ihrer Fehltritte!

Das Interview führte Hermann Horstkotte
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