Zwischenruf der Exil-Akademiker Fliehkraft nein danke

Sie wanderten aus, um in den USA Karriere zu machen. Aber viele der jungen Forscher würden gern zurückkehren in ihre deutsche Heimat, wäre nur der Bildungsstandort D attraktiver. Jetzt suchen die akademischen Talente die Offensive gegen den "Brain drain".

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Physiker Ketterle: Holte den Nobelpreis ans MIT
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Physiker Ketterle: Holte den Nobelpreis ans MIT

Traumgehälter, gut ausgestattete Labore und die Aussicht auf eine Professur auf Lebenszeit - es gibt viele Argumente für deutsche Spitzenforscher, in die USA zu gehen und dort Karriere zu machen. Symptomatisch ist der Lebenslauf von Wolfgang Ketterle. Der Physiker gewann 2001 den Nobelpreis. Doch mit ihm freuten sich nicht etwa Kollegen eines Max-Planck-Instituts oder der Senat einer deutschen Universität über die prestigeträchtige Auszeichnung. Denn Ketterle arbeitet seit 1990 am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er verkörpert den "Brain drain", die Fluchtwelle deutscher Nachwuchsakademiker ins Ausland.

Wie viele junge Wissenschaftler wirklich jenseits des Atlantiks in den Laboren forschen oder gut bezahlte Professorenstellen besetzen, ist Spekulation. "Da gibt es keine verlässlichen Zahlen", erklärt Carsten Klein vom Stifterverband der deutschen Wissenschaft. In einer Studie des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung und des amerikanischen Migration Policy Institutes in Washington heißt es, bis 1999 seien pro Jahr nur etwa 2000 hoch qualifizierte Deutsche langfristig in den USA geblieben, um dort zu arbeiten. Die Zahlen seien bis 2001 zwar auf 4000 jährlich gestiegen, dann jedoch wieder deutlich gesunken, schreiben die Autoren. Für ihre Studie hatten sie ehemalige Stipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft befragt.

Andere Schätzungen reichen von 3000 bis 20.000 - je nachdem, welcher Zweck damit verfolgt wird. Denn längst ist die Diskussion um den Exodus der Spitzenkräfte ein Politikum. Schließlich geht es um Innovationen, zukünftige Märkte und Arbeitsplätze: alles gewichtige Schlagworte in der politischen Debatte. Auch deshalb wollte Noch-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) ihre Exzellenzinitiative ("Brain up") schnell auf den Weg bringen. Für die Besten der Guten hat das Bundesbildungsministerium 1,9 Milliarden Euro in den kommenden sechs Jahren ausgeschrieben. Das Geld soll nicht nach dem Gießkannenprinzip auf die Hochschulen regnen, sondern nach Leistung verteilt werden.

Wunschzettel gegen Hirnschwund

Doch mehr Geld für Elite-Hochschulen allein reicht nicht. Kurz vor der Verleihung der diesjährigen Nobelpreise melden sich nun jene zu Wort, um die in Berlin gebuhlt wird - junge Nachwuchswissenschaftler, die in den USA an Spitzenuniversitäten lehren und forschen. Dabei klingt ihre Kritik alles andere als feindselig, eher selbstbewusst und konstruktiv. "Durch unsere unmittelbaren Erfahrungen mit dem deutschen sowie dem nordamerikanischen Hochschulsystem können wir wertvolle Anregungen für die Reformdebatte liefern", schreiben die Wissenschaftler in einem offenen Brief an die Bundesbildungsministerin und die Wissenschaftsminister der Länder. Und weiter: "Wir sind leistungsbereit, leistungsfähig und begeistert für die Wissenschaft. Wir fühlen uns Deutschland verbunden, auch wenn wir derzeit im Ausland tätig sind."

Wenn Wissen wandern will: Hiergeblieben, Hirn!
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Mitgestalten wollen die Auslandsforscher. Ihr Brief ist veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe der "Zeit" und wird am heutigen Freitag verschickt. Der Forderungskatalog der "Initiative Zukunft Wissenschaft" liest sich wie die Diagnose des kränkelnden Bildungsstandorts D. Anstelle befristeter Verträge wollen die Wissenschaftler dauerhafte Perspektiven wie in den USA. Dort führt der sogenannte tenure track geradewegs zur Professur auf Lebenszeit - sofern der Kandidat sich in einer fünfjährigen Testphase bewährt. Im Berufungsverfahren fordert die Initiative einen fairen Wettbewerb und eine transparente Auswahl. Die Kommissionen sollen international besetzt sein und außerdem die Hochschulen in Zukunft die volle Autonomie für die Berufung von Professoren erhalten.

Auf dem Wunschzettel der Exil-Akademiker steht auch eine bessere finanzielle Ausstattung der deutschen Hochschulen. Zwar räumen die Initiatoren ein, dass das Niveau von mehreren Milliarden Euro Jahresetat an amerikanischen Top-Unis so schnell nicht zu erreichen sei. "Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte halten wir jedoch eine klare Prioritätensetzung für die Bereiche Bildung, Wissenschaft und Forschung für unerlässlich", schreiben die Wissenschaftler.

Überdies sollen die Aufgaben der Universität stärker verteilt werden: Forschung, Lehre und Verwaltung - nicht jeder Professor müsse alles zugleich schultern. Obendrein fordern die Auslandswissenschaftler, das Nebeneinander von Habilitation und Juniorprofessur gehöre abgeschafft. Sie wünschen sich eine "attraktive Juniorprofessur" über die Grenzen der Bundesländer hinweg. Just damit war allerdings Bildungsministerin Bulmahn am Widerstand der Länder und am Bundesverfassungsgericht gescheitert.

Gegen "Seilschaften-Berufungen"

Inzwischen haben rund 330 Wissenschaftler und Stipendiaten den offenen Brief unterschrieben. Ins Leben gerufen wurde die Initiative bei einem Treffen, das die German Scholars Organization (GSO) in San Diego organisiert hatte. Den Brief unterstützen auch Nobelpreisträger Ketterle und Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Sie sind nicht die einzigen, die mit solchen Forderungen in die Offensive gehen. Auch in der Oktoberausgabe der Zeitschrift "Karriere" machen Exil-Akademiker ihrem Frust Luft und wettern mit der Losung "Pro Science" gegen "Seilschaften-Berufungen" an deutschen Hochschulen. Um die Forschungs-Qualität zu verbessern, plädieren die Nachwuchsforscher auch für Studiengebühren. Ein "Gratis-Studium ohne Leistungspflicht" solle der Vergangenheit angehören. Dann müssten Studenten aber auch Qualität einfordern können: "Wer zahlt, schafft an."

Skulpturen-Garten der Stanford University: Milliarden im Jahresetat
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Die Ziele der beiden Initiativen sind recht ähnlich, und es ist auch nicht der erste Fünf- oder Sechs-Punkte-Plan zur Rettung der deutschen Forschung. Ähnliche Papiere kursieren in der Brain-drain-Debatte schon länger.

Etwas Bewegung gibt es ja: Mit der Exzellenzinitiative sei Deutschland auf dem richtigen Weg, lobt die Intiative "Zukunft Wissenschaft". Deutschland strebt das EU-Ziel an, bis zum Jahr 2010 mindestens 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Bildung auszugeben. Im Moment sind es noch 2,5 Prozent. DFG-Präsident Winnacker fordert außerdem, dass ein Teil des Geldes auch in die Professorengehälter fließen müsse. Denn welcher Wissenschaftler lässt sich schon zurück in die Heimat locken, wenn er in den USA 100.000 US-Dollar im Jahr verdienen kann?

Und schon erscheint neue Konkurrenz am Horizont: In Asien werden ausländische Spitzenforscher nach allen Regeln der Kunst hofiert. China zum Beispiel investiert bislang nur 1,31 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Wissenschaft, doch zwischen 1997 und 2002 wuchsen die Ausgaben jährlich um zehn Prozent. Die enormen Wachstumsraten lassen die Europäer blass werden. Bei der Vorstellung der "Schlüsselzahlen für Wissenschaft, Forschung und Technologie 2005" schlug EU-Forschungskommissar Janez Potocnik deshalb Alarm: "Hält dieser Trend an, wird uns China spätestens 2010 überholen, vielleicht schon früher."



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