Zwischenruf von Paul Nolte Der Drei-dreißig-Intellektuelle

Kamera läuft, Stoppuhr läuft: Herr Professor, ein Statement, und bitte nett lächeln… Die Medien lieben den Typus des renommierten Wissenschaftlers, der flink auf den Punkt bringt, was er so verkürzt nie schreiben würde. Der Historiker Paul Nolte über telegene Forscher auf vermintem Terrain.


Es ist wieder viel von ihnen die Rede: Die Intellektuellen werden immer älter und sterben demnächst vielleicht aus; zugleich sind sie jedoch putzmuntere Berater der Politik, die sich nicht mehr selbst zu helfen weiß. Schnittig agieren sie in den Medien und dilettieren dabei jenseits ihrer fachlichen Kernkompetenz - oder war es gerade umgekehrt, haben sie sich in eine bloße Expertennische zurückgezogen?

Der Bedarf an kritischen und öffentlichkeitswirksamen Begleitern von Politik, Gesellschaft und Kultur ist wieder gestiegen. Der Grund dafür ist nicht schwer zu benennen: Die Welt, und in ihr nicht zuletzt unser eigenes Land, steckt in einer dramatischen Umbruchphase. Die Nachfrage nach Deutung, Orientierung, Kompass ist groß, obwohl auch die Intellektuellen im Zeitalter jenseits der Eindeutigkeit angekommen sind, jenseits der großen Ideologien, die die intellektuellen Weltentwürfe des 20. Jahrhunderts geprägt haben.

Nicht alle Intellektuellen sind Wissenschaftler, geschweige denn Professoren. Eine Liste der führenden deutschen Intellektuellen, die das Magazin "Cicero" vor einigen Monaten veröffentlichte, sah Marcel ReichRanicki an der Spitze, gefolgt von Harald Schmidt. Als einziger Professor platzierte sich Jürgen Habermas, mit Rang sechs, unter den ersten zehn. Davon mag man halten, was man will - jedenfalls folgen insgesamt genügend Philosophen, sehr viele Historiker, auch etliche Naturwissenschaftler, so dass die deutsche Universität sich keine Sorgen um ihre geistige Leuchtturmfunktion machen muss. Nicht nur in Deutschland reicht der Typus des Gelehrten und Professorenintellektuellen weit in die Geschichte zurück. Aber diese Verbindung hat, trotz (und wegen) der gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen, so ihre Tücken.

Wie ist es zum Beispiel mit der fachlichen Zuständigkeit? Schriftsteller haben es da leichter. Sie sind für gar nichts einschlägig qualifiziert außer für das möglichst gute Setzen von Wörtern; sie können sich zu allem äußern, weil die Grenze zum Dilettantismus für sie erst gar nicht existiert. Wissenschaftler müssen sich fragen lassen und fragen sich selbst, wann und wo und mit welchen Themen sie sich als einschlägige Fachwissenschaftler, aus dem Fundus ihres Expertenwissens, zu Wort melden, und wann sie in einer Art erweiterter Bürgerrolle ihre Meinung, ihr Urteil, ihre Moral zur Diskussion stellen. In den vergangenen Jahren hat es in Deutschland unverkennbar eine Renaissance der Experten gegeben, nicht nur weil reale Probleme, von der Gentechnik bis zur demographischen Entwicklung, komplizierter geworden sind, sondern vor allem weil die Politik sich eine genuin politische Urteilsbildung in diesen Fragen nicht mehr wie früher zutraut.

Zum Dilettantismus verdammt

Deswegen gibt es immer neue Expertenrunden, Kommissionen, Beraterstäbe, in denen Professoren ihr Urteil in die Politik tragen, und weil auch die Medien das interessant finden, geht davon zusätzlich ein öffentlicher Sog aus.

Aber man würde sich schwer tun, den reinen Experten als "Intellektuellen" zu klassifizieren. Denn zu letzterem gehört, darüber besteht bei aller Flüchtigkeit des Begriffes Einigkeit, die Grenz und Zuständigkeitsüberschreitung. Man ist also zum Dilettantismus verdammt und gibt sich damit unter Kollegen unweigerlich eine Blöße. Immerhin scheint hier ein Teil der Erklärung für die auffällig starke Präsenz von Historikern unter den WissenschaftlerIntellektuellen zu liegen. Das Fach Geschichte hat sich, aller Spezialisierung und Szientifizierung zum Trotz, einen integrativen Anspruch bewahrt und im Übrigen auch die Fähigkeit, in den originären wissenschaftlichen Publikationen eine breite Leserschaft zu erreichen. Historiker sind Generalisten, weil sie sich im Zweifelsfall mit allem unter dem Gesichtspunkt der Vergangenheit beschäftigen können. Denn wer sagen kann, wie formbar oder wie veränderungsresistent die Vergangenheit war, kann auch begründete Mutmaßungen über zukünftigen Wandel anstellen.

Entscheidend ist ja nicht, etwas Fachinternes zu sagen, sondern etwas zu sagen, das man ohne den fachlichen Hintergrund, auch wenn er nur auf Umwegen hineinspielt, so nicht hätte sagen können. Doch das fällt vielen jüngeren Wissenschaftlern zunehmend schwer. Die Klage über den Mangel an "Nachwuchs-Intellektuellen" hat darin ein Stück Substanz. Nicht, weil die Jüngeren weniger talentiert wären. Aber die Karriere und Reputationsmechanismen der Universität haben sich geändert. Wer noch keinen Lehrstuhl hat, wird weniger frech und unkonventionell in der Öffentlichkeit agieren - den älteren Kollegen, die einen noch berufen sollen, könnte das ja nicht passen. Texte werden im Science-Englisch statt in elegantem Deutsch verfasst. Und wenn schon, dann lieber einen Drittmittel-Antrag schreiben als einen wissenschaftlichen Essay für ein breiteres Publikum.

Überhaupt, in welcher Form übermitteln Intellektuelle ihre Botschaft? Früher wäre die Antwort einfach gewesen: Sie setzen sich an den Schreibtisch, sie gehen in Klausur, sie produzieren einen Text, der dann in gedruckter Form publiziert wird, vorzugsweise in einer Zeitschrift, die in dem Ruf steht, ohnehin schon ein Intellektuellenorgan zu sein. Es gibt sogar eine pragmatische Definition, die lautet: Intellektueller ist, wer in bestimmten Zeitschriften publiziert. Ein klassisches Beispiel dafür wäre in Deutschland der "Merkur", in den USA und international die "New York Review of Books". Für solche Zeitschriften zu schreiben verlangt einen anderen Duktus als der fachwissenschaftliche Aufsatz, doch die Bedingungen der Textproduktion sind so verschieden nicht.

Die Zeit des zerstreuten Professors ist vorbei

Die neuen Medien jedoch drücken dem Wissenschaftler als Intellektuellem ganz andere Gesetze auf. Neue Medien? Zugegeben, es handelt sich dabei (noch) weniger um das Internet und mehr um die guten alten Klassiker des Radios und des Fernsehens, die jedoch in den vergangenen Jahren eine neue Dynamik für die Medialisierung des Intellektuellen gewonnen haben. Ja, auch in den fünziger und sechziger Jahren produzierten Professoren Hörfunkessays, aber das war mehr das gelesene Schreibstück, und die Souveränität blieb weitgehend beim Produzenten.

Jetzt werden die Wissenschaftler vor dem Radiomikrofon zu "Drei-dreißig-Intellektuellen" gemacht, die in scharf gestoppter Zeit ihr Wissen und ihre Botschaft verkaufen müssen, wenn sie nicht gar, in der Fernseh-Talkshow, auch noch möglichst telegen "rüberkommen" sollen. Die Zeit des zerstreuten Professors, der zerzausten Haare, der zwei verschiedenen Socken ist damit endgültig vorüber. Und wer einmal in den Sog der Medien gerät, wer ihr Interesse findet, der kann sich auf kontinuierliche Nachfrage einstellen.

Dabei scheint den Medienmachenden, den Rundfunk oder auch Zeitungsredaktueren manchmal selbst nicht so recht klar zu sein, ob sie bei den Wissenschaftlern fachliche Expertise oder ein dezidiertes Urteil abrufen möchten, oder ob sie die Person, den "Markennamen", in den Vordergrund rücken wollen.

Mir hat sich jedenfalls eingeprägt, in einem Radio-Vorgespräch gefragt worden zu sein: Wie dürfen wir Sie denn nennen? - Ich bin Historiker, Zeithistoriker. - Kurzes Überlegen, dann: Können wir Sie auch Parteienforscher nennen?

Offenbar wurde hier unterstellt, die Hörer könnten nicht verstehen, warum sich ein Historiker zur aktuellen Entwicklung der Volksparteien in der Bundesrepublik äußert. Wichtig ist natürlich immer - wohlgemerkt, den Medien wichtig! -, den Professor auch unmissverständlich als solchen anzusprechen. Denn der Herr Professor und die Frau Professorin genießen offenbar gerade beim deutschen Publikum immer noch einen Amts und Autoritätsbonus, mit dem sich die Medien gerne schmücken.

Das mag den Wissenschaftler, der sich auf das verminte Terrain der intellektuellen Öffentlichkeit begibt, ein wenig trösten.



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