Markus in Israel "Was ist los mit euch Deutschen?"

Herkunft und Religion sind für Markus Flohr heikle Themen in Israel. Selbst seine Liebe zu Liat leidet darunter. Vor ihrem Vater muss er sich verstecken, und wenn er im braunen Trikot Fußball spielt, ist ihm mulmig zumute - vierter Teil des Israel-Tagebuchs.


Dienstag, 24. März

Ich bin verliebt, aber ihr Vater ist dagegen. Ich bin nicht jüdisch, und dass ich aus Deutschland komme, hilft nicht gerade. Sie heißt Liat, wir haben uns beim Purim-Fest kennengelernt. Wir gehen ins Kino, "Der Baader Meinhof Komplex". 150 Minuten Straßenkampf, Geballer, Bomben und Gefluche. Als die RAF-Leute im Film in einem Palästinenser-Guerilla-Camp in Jordanien sind, fragt sie: "Ist das wahr? Ist das wirklich passiert?" Ist es.

"Was ist los mit euch Deutschen?", sagt sie vor dem Kino. "Müsst ihr immer alle umbringen?" Spät in der Nacht schleichen wir uns in ihr Zimmer. "Morgen früh warten wir, bis alle zur Arbeit gegangen sind und die Wohnung leer ist."

Nach dem Aufwachen sitze ich auf Liats Bett, unter dem Fenster. Die erste Frühlingswärme zieht herein. Liat ist in der Küche, Papa ist doch nicht so früh zur Arbeit gegangen. Sie diskutieren. Ich fühle mich, als wäre ich wieder 15, und der Vater findet, dass es noch zu früh ist, den Freund mit nach Hause zu bringen. Ich warte. 10 Minuten, 20 Minuten. Ich döse ein. Als ich wieder aufwache, liegt Liat neben mir. Sie schaut traurig. Sie sagt: "Hierher können wir so schnell nicht wieder."

Freitag, 27. März

Ganz aufrecht und still sitzt Otto Rehhagel vor den Journalisten. Morgen spielt er mit seinem griechischen Nationalteam in der WM-Qualifikation gegen Israel. Für die Israelis ist das ein sehr wichtiges Spiel. Seit 40 Jahren haben sie das erste Mal wieder eine echte Chance, sich für ein internationales Turnier zu qualifizieren - dafür müssten sie allerdings gewinnen. König Otto wirkt genervt. Die Israelis wollen wissen, was Rehhagel über den israelischen Star Jossi Benajun denkt. Otto bemüht die hohe Ball-Rhetorik: "Jedes Spiel ist wichtig. Wir wollen keinen Punkt verlieren. Mir ist egal, wer bei den Israelis aufläuft." Er spricht Deutsch. Die griechischen Journalisten finden das normal, sie bekommen eine Simultanübersetzung. Aber für die Israelis ist die Fragestunde ein Desaster: "Could you please repeat that in English?", fragt einer. Kann Otto nicht. Er beugt sich zu seinem Dolmetscher rüber: "Was hat der gesagt? Verstehe ich nicht. Keine Ahnung."

Das Spiel geht 1:1 aus.

Sonntag, 5. April

Matthias ist aus Deutschland zu Besuch, wir gehen zur Palmsonntag-Prozession. An diesem Tag zog Jesus laut Bibel in Jerusalem ein, seine Anhänger begrüßten ihn mit Palmwedeln, die sie in der Luft schwenkten und dann auf den Boden legten. Wir stehen am Ölberg östlich der Altstadt, am Rand einer schmalen Gasse. Junge Palästinenser in bunten Uniformen sind um uns herum, es sind christliche Pfadfinder. Sie haben ein Barett auf und ein Halstuch um. Sie marschieren im Gleichschritt. Ein wenig sehen sie aus wie Polizei oder Militär.

Hinter ihnen läuft eine Pilgergruppe aus Südkorea, die lauthals Kirchentagslieder singt. Dann kommen Franziskaner-Mönche. Einige von ihnen haben sich den Palmzweig als Sonnenschutz auf den Kopf gebunden. Matthias macht Fotos. Ich denke an den Straßenkarneval im Rheinland, die Blaskapellen, die Funkenmariechen, die Mottowagen. Matthias sagt: "Da hinten kommen Messdiener, das siehst du an den Gewändern. Und da, da wo es lila wird, läuft der Klerus." Ich glaube, Matthias könnte gut am Rosenmontag aus Mainz, Köln oder Düsseldorf kommentieren. Vielleicht schlage ich ihm das mal vor.



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