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Köln ohne Karneval: Großspurige Stadt, fiese Kontrolleuren

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Party-Logbuch Köln "Glaub 'nem Kölner immer nur die Hälfte"

"Stronzo Polizia Colonia!" In der Domstadt testet Markus Flohr das studentische Nachtleben vor dem Karneval. Er trifft einen Party-Taliban, trinkt "Kettenfett" und stürzt sich, als sonst nichts mehr auf hat, in eine Gay-Party. Und lernt: Köln denkt, es sei Paris, liegt aber nahe Leverkusen.

18.00 Uhr Coskun zieht den Pulli aus, die Zeit drängt. Wir knien auf dem Boden einer Galerie, tief unten in den Katakomben von Köln, und schrauben muffige Kinosessel zusammen. Die Galerie ist nebenher eine Bar, sie heißt Arty Farty, überall an der Wand sind Graffiti zu sehen. Heute werden viele Leute erwartet: Kölns Kunstszene feiert das "Passagen"-Festival, und das Arty Farty ist ein ganz heißer Tipp.

19.30 Uhr Coskun ackert jetzt schwitzend im Feinrippunterhemd, die ersten Besucher schauen verstört. Man kann Angst vor Coskun bekommen - er hat ziemlich breite Schultern, einen Taliban-Bart, er guckt manchmal sehr böse und wirkt schlecht gelaunt. Die mutigsten unter den Kunst-Hipstern defilieren an unserer Baustelle vorbei und beschauen sich die Graffiti an der Wand. Ich ziehe die letzte Mutter fest. Mit einem Krachen fällt der Sessel um. "Ist ein Happening", brummt Coskun. "Kunst." Er stampft hinter den Tresen und ruft: "Herzlich willkommen in meiner Bar!" Alle gaffen ihn an. Diesem Party-Taliban gehört der Laden?

20.00 Uhr Noch was vergessen. Der Sprit wird nicht reichen. Coskun wedelt mit einem Zettelchen: "4 x Gin, 5 x Wodka, 2 x Grasovka, 1 x Jägermeister, 1 x Tanqueray, 1 x Bombay, 1 x Jack Daniels" ... und 30 Zeilen später: "2 x Russian Standard". Raus auf die Straße, ab zum Supermarkt. Über den Dächern der leuchtenden Stadt bohren sich die Türme des Kölner Doms in den Abendhimmel. In den Pfützen auf dem Gehweg spiegelt sich ein blaues U-Bahn-Schild. Eine Gruppe junger Menschen kommt mir entgegen, alle haben ein Sektglas mit roter Flüssigkeit in der Hand und ein rotes Krönchen auf dem Kopf. Außerdem eine rote Pappnase im Gesicht. Ach ja. Köln. Immer Karneval. Wir sind alle gut gelaunt.

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Foto: Alexandra Polina

21.00 Uhr Zurück im Arty Farty mit Alkohol en masse. Kaum noch Platz zum Stehen. Das alte Steingewölbe beginnt zu wackeln, ein DJ legt Elektro auf, die Gäste bestellen Apfelsaft mit Gras-Wodka. Trinkt man hier so. Pilo und Lars erklären mir Köln. Pilo wohnt hier seit Jahren, fährt am Wochenende aber meist woandershin, um auszugehen. "Ich glaube, ich bin zu alt für Köln", sagt er. Also erklärt mir Lars die Stadt: "Wir wissen schon, dat Köln keine Großstadt ist. Rhein-Metropole, Millionen-City, na ja. Et is wie beim 1. FC Köln: einmal gegen Augsburg gewonnen, schon in der Champions League. Dat ist grenzenloser Größenwahn, aber wir Kölner wissen dat und lachen drüber. Ich gebe dir einen Tipp: Glaub 'nem Kölner immer nur die Hälfte von dem, was er erzählt."

23.00 Uhr In Köln ist ein Laden nur dann gut, wenn man sich nicht mehr bewegen kann. Wir sind im Barracuda, aber der Name ist nicht wichtig, die Schuppen sehen alle ähnlich aus. Sie sind schmal, mit einem großen Tresen mittendrin. Wie schmale Kölschgläser drücken sich die Leute aneinander, der Einzelne kann nur hoffen, dass er hin und wieder an den Erfrischungen hinter der Bar vorbeigetragen wird. Nach drei Minuten kennt man den halben Laden. Francesco, Türsteher von gegenüber, erzählt mir, dass er heute "zu erste Male bei Schwarzfahre" erwischt wurde. "Dachte, isse nichte ernste, sondern Maskerade Karnevale. Aber hatte gekostet 40 Euro. Stronzo Polizia Colonia!"

1.00 Uhr Wir latschen irgendeine Ausfallstraße Richtung Pulheim, Bergheim oder Frechen hinunter. Alles öde, menschenleer. An einer baufälligen Mauer hängt eine Leuchtreklame: Sonic Ballroom. Ist das ein Bordell? Auf der Mauer ist Stacheldraht gespannt, und alles schimmert hier so rot. Pilos Anweisung ist eindeutig: "Rein da." Heute ist Sixties-Disco. Rock 'n' Roll, Garage, Punkrock, Beat, Freakbeat, Psychobilly, alles, was in die Beine geht.

1.45 Uhr Der Ballroom tanzt. Fast alle tragen die Garderobe der britischen Mods und Beatniks auf. Die Damen gern mit Röckchen, die Jungs mit Hemd. Basti zum Beispiel: rotes Hemd mit schwarzem Kragen, Pilzfrisur wie Paul McCartney. "Köln ist so eine Friede-Freude-Eierkuchen-Stadt", sagt er. "Komm, wir müssen jetzt tanzen." Ich drehe mich wie ein Brummbär im Kreis, eine Dame mit langem braunem Haar und Lederhose fasst nach meiner Hand. Linksherum, rechtsherum, jetzt aneinander vorbei, das geht mir alles zu schnell. Rock 'n' Roll ist Schwerstarbeit. Ich torkele benommen Richtung Tresen. Pilo fängt mich auf und drückt mir ein Schnapsglas in die Hand: "Kettenfett", sagt er. Sieht auch so aus. Schmeckt nach Lakritze.

3.30 Uhr Kein Zentimeter Platz mehr im Sixpack. Nur Coskun steht fest wie ein Leuchtturm. Da ist wieder Francesco, der Türsteher, und erzählt dem Nächsten von seiner Schwarzfahrt: "Kontroletti Vaffanculo." Mindestens jeden zweiten Gast habe ich heute Abend schon in einem anderen Laden gesehen. Neben uns tanzt ein Barmann aus dem Arty Farty. Natürlich im Unterhemd. "Dat is Köln", sagt Coskun.

5.00 Uhr Hin zur "Werkstatt": Gay-Party. An der Garderobe ist die Dame verwirrt, dass wir kommen und nicht gehen. Ist wohl schon ein wenig spät. Manchmal ist Köln die Mitte zwischen Berlin und Paris, aber manchmal auch eine Mischung aus Leverkusen und Brühl. Im Disconebel steht eine Frau vor mir: blonde lange Haare, Zopf, riesige Brille. Wir tanzen. Sie erzählt, dass sie Svenja heißt und aus Uppsala in Schweden kommt. Ihr Englisch wird von einem Kölner Singsang verschönert. Sweden, Uppsala, blonde Frau. Na klar. Wie war das noch? Glaub in Köln immer nur die Hälfte.

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