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03. Juli 2011, 10:57 Uhr

1000 Fragen

Sind Rabenmütter wirklich schlechte Mamas?

Raben haben einen miesen Ruf: Sie zerren Unrat aus den Mülleimern in Parks, sind als Leichenfledderer und krächzende Unglücksboten verschrien - und als schlechte Eltern. Aber vernachlässigen Rabenmütter tatsächlich ihren Nachwuchs?

Raben überraschen Forscher immer wieder mit ihrer Intelligenz und fristen trotzem ein ziemlich trostloses Dasein: Sie sind schwarz, weil sie einst verflucht wurden, heißt es im Volksglauben. Und Rabenmutter ist ein Synonym für schlechte Mütter. Doch woher kommt der Ausdruck? Behandeln Raben ihre Jungen tatsächlich so miserabel?

"Das Gegenteil ist der Fall - eigentlich sollte der Ausdruck Rabenmutter eine Auszeichnung sein", sagt Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland (NABU). "Raben betreiben eine ausgesprochen intensive Brutpflege und sind vorbildliche Vogeleltern." Das gelte für die ganze Familie der Rabenvögel mit ihren rund hundert verschiedenen Arten auf der Welt. Dazu zählen hierzulande neben den Kolkraben die verschiedenen Krähenarten und Dohlen. Außerdem gehören Elstern, Tannenhäher und Eichelhäher zu den Rabenvögeln.

"Ohne die aufwendige Fürsorge der Eltern wären Rabenküken nicht überlebensfähig", sagt Heiermann. Sie schlüpfen als sogenannte Nesthocker: nackte, hilflose Wesen, die darauf angewiesen sind, dass die Eltern sie wärmen und fortwährend mit Futter versorgen. Dagegen kommen Hühnerküken beispielsweise schon recht fit zur Welt: In ihrem warmen Flaumkleid rennen sie gleich los und picken selber Futter. Die Henne hat es also vergleichsweise einfach mit dem Nachwuchs.

"Wären Raben schlechte Eltern, wären sie längst ausgestorben"

Rabeneltern schaffen, was vielen Menschen-Paaren misslingt: Hat sich ein Kolkraben-Pärchen einmal gefunden, bildet es einen Bund fürs Leben, bleibt treu und zieht gleichberechtigt die Brut groß. Dabei zeigen die intelligenten Vögel ihre stark ausgeprägte Fürsorge. "Wären Raben tatsächlich schlechte Eltern, wären sie längst ausgestorben", sagt Heiermann.

Bleibt die Frage, woher der üble Ruf der Raben stammt. Hieran ist offenbar die Bibel Schuld. Im Buch Hiob heißt es: "Wer bereitet den Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und fliegen irre, weil sie nicht zu essen haben?" Vermutlich gehe diese Bibelstelle auf junge Raben zurück, die aus dem Nest gefallen sind, sagen Historiker: Die betroffenen Jungtiere machen einen verlassenen und hilflosen Eindruck. Beobachtern kann dabei leicht entgehen, dass die Rabeneltern immer in der Nähe sind und das Jungtier weiter versorgen.

"Im Übrigen dichtet der Mensch vielen Tieren Eigenschaften an, die gar nicht zutreffen", sagt Heiermann. Beispielsweise seien weder der Esel dumm, noch der Wolf böse oder der Fuchs besonders schlau. Einige Eigenschaften der Raben machen ihn für viele Menschen nicht sehr sympathisch: Sie sind schwarz, geben ein unmelodisches Krächzen von sich und machen sich als Aasfresser über Kadaver her. "Das Gerücht ihrer angeblich nachlässigen Brutfürsorge rundet das düstere Image ab", sagt Heiermann.

fln/dapd

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