1000 Fragen Wie weit reicht unsere Erinnerung zurück?

Jeder kann sich an sein Abi erinnern, aber wenn es um die Einschulung geht, spuckt das Gedächtnis nicht mehr viel aus. Und die eigene Geburt hat garantiert jeder vergessen. Ab wann können sich Menschen eigentlich Dinge merken - und warum ist das so?


Große Ereignisse, die vergisst man nicht so schnell. Den ersten Kuss zum Beispiel. Eine schwere Operation hinterlässt bleibende Eindrücke, oder ein Autounfall. Noch Jahrzehnte später haben Betroffene solche Ereignisse klar und deutlich vor dem inneren Auge. An seine eigene Geburt erinnert sich dagegen niemand.

Gehirn: Wenig ist so unzuverlässig wie unsere Erinnerung
Corbis

Gehirn: Wenig ist so unzuverlässig wie unsere Erinnerung

Wie weit unsere Erinnerung zurückreicht, ist schwer zu sagen. Grundsätzlich ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich ein Erwachsener an Geschehnisse vor seinem dritten Lebensjahr erinnert. Aber selbst Erinnerungen an Erlebnisse vor dem sechsten Lebensjahr sind meist unpräzise.

Noch ist Gedächtnisforschern weitgehend unbekannt, warum Eindrücke aus frühester Kindheit gar nicht oder nur fragmentarisch im Gedächtnis blieben. "Abgesehen davon, dass das Gehirn eines Kindes noch nicht vollständig ausgereift ist, könnten sogenannte Kontextunterschiede eine Rolle spielen", sagt Psychologe Axel Buchner von der Universität Düsseldorf. "Wenn wir etwas lernen, tun wir das immer in einer gewissen Umgebung, einem Kontext. Ändert sich nun diese Kontextumgebung, fällt es uns schwerer, das Gelernte zu erinnern." So könne ein Student an seinem Schreibtisch unter Umständen mehr von dem Prüfungsstoff wiedergeben als in dem Büro seines Prüfers.

Nach vier Tagen sind drei Viertel weg

Ein solcher Umgebungswechsel vollzieht sich in gewisser Weise auch, wenn wir größer werden. Als Kind nehmen wir unsere Umgebung aus einer tiefergelegenen Perspektive wahr: Tisch und Stuhl erscheinen uns riesig. Erst wenn wir wachsen, schrumpft unsere Umgebung auf ihr vertrautes Maß.

Ähnlich wie bei dem Studenten in Prüfungssituation könnte so ein Perspektivenwechsel laut Buchner nun dazu führen, dass wir uns als Erwachsene schlechter an Erlebnisse aus der Kindheit erinnern. Doch auch ohne Perspektivenwechsel gilt: Um so besser erinnern wir uns an ein Erlebnis, je kürzer es zurückliegt.

Schon 1885 publizierte Hermann Ebbinghaus, Pionier der Gedächtnisforschung, eine Vergessenskurve, die seither in ihrem Verlauf größtenteils bestätigt wurde. Ein Resultat: Vier Tage nach einem Erlebnis erinnern wir uns nur noch an rund ein Viertel dessen, was sich tatsächlich zugetragen hat.

Häufig empfinden wir das allerdings anders. Denn der Mensch neigt dazu, auch nicht selbst Erlebtes in seine Erinnerung zu verweben. So kann beispielsweise ein junger Mensch mit großem Interesse für Zeitgeschichte der Meinung sein, sich an Fernsehbilder vom Mauerfall zu erinnern - selbst wenn er 1989 als Kleinkind nicht einen Blick auf den Fernseher geworfen hat. Deshalb ist Buchner auch ganz klar der Ansicht: "Es gibt weniges, was so unzuverlässig ist wie unser Gedächtnis."

cpa/ddp



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