18-jährige Snowboarderin Slalom statt Schule

Abitur und Spitzensport, das geht nur zusammen, wenn man ein Spezialinternat besucht und eisern Disziplin hält. Diesen Spagat hat Amelie Kober, 18, nicht ganz geschafft und die Schule geschmissen. Bei Olympia gilt das deutsche Snowboard-Küken dafür als Mitfavoritin.

Von Gunnar Vogt


Ohne den Willen zum Erfolg geht's nicht im Spitzensport, erst recht nicht, wenn man es bis zu den Olympischen Spielen schaffen will. Amelie Kober ist ziemlich ehrgeizig - "auch privat", betont sie. Die blonde Snowboarderin ist eine Einzelkämpferin und findet, das gehört zu ihrem Sport. Ihrem älteren Bruder sei sie zwar bei Kämpfen unter Geschwistern immer körperlich unterlegen gewesen. "Aber ich habe gelernt, mich trotzdem durchzusetzen."

Vielleicht hat die 18-Jährige sich deshalb eine Disziplin ausgesucht, in der kaum Mädchen, sondern vor allem Jungs auf dem Snowboard stehen. Das ganze letzte Jahr konnte sie nur mit Männern trainieren. "Da kann ich mich ganz gut behaupten", sagt sie selbstbewusst. "Lieber trainiere ich in einer reinen Jungenmannschaft als nur mit Mädchen."


Gerade erfüllt Amelie Kober sich ihren größten Traum: die Olympia-Teilnahme. Am 10. Februar marschierte sie bereits mit der deutschen Mannschaft in das Stadio Olympico von Turin ein; als Küken mit unbekanntem Gesicht stand sie unter den ganzen namhaften Olympioniken und winkte mit ihnen in die Kameras. Dabei zählt Amelie zum Kreis der Favoriten - als letzte Medaillenhoffnung, die den deutschen Snowboardern nach ihrem bislang enttäuschenden Abschneiden noch bleibt. Sie ist die einzige Starterin im deutschen Snowboard-Team für Parallel-Riesenslalom, und wenn sie sich am Donnerstag schnell genug durch den Parcours schlängelt, steht ihr Name vielleicht überall.

Mit drei Jahren auf den Skiern

Amelie Kober wuchs in Fischbachau im oberbayerischen Landkreis Miesbach an der Grenze zu Österreich auf, wo die Berge direkt vor der Haustür liegen und man das ganze Jahr über den Schnee auf den Alpengletschern sehen kann. In Miesbach lernt man genauso früh Ski- wie andernorts Radfahren, auch Amelie stand schon mit drei Jahren auf Skiern. "Mit sechs habe ich den Markus Wasmeier im Fernsehen gesehen, ich wollte sein wie er", sagt sie. Das deutsche Ski-Idol Wasmeier stammt ebenfalls aus Miesbach und wurde zweimal Olympiasieger im Riesenslalom und Super-Riesenslalom. Doch irgendwann war Amelie das Skifahren leid, "viele sahen das einfach zu verbissen". Mit zwölf stieg sie aufs Snowboard um. 

Kurz zuvor war Snowboard Olympia-Disziplin geworden. Die Slalomfahrer unter den Snowboardern gehören nicht zu den coolen Freaks. Sie tragen weder die besonders angesagten Klamotten noch verlieben sich reihenweise hysterische Groupies in sie. In dieser Disziplin geht es nicht um Tricks und Style, sondern allein ums Tempo. Die Fahrer müssen sich in Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Gegner auf einer Parallelstrecke behaupten.

Amelie konnte das ziemlich gut und wollte bald nichts anderes mehr tun, deswegen verließ sie mit 14 Jahren ihr Elternhaus und zog in ein Sportinternat. Auch in der Christopherusschule in Berchtesgaden ging sie im Schnitt nur jeden dritten Tag zur Schule, weil sie die meiste Zeit damit verbrachte, schneebedeckte Abhänge hinunterzurasen.

Auf dem Internat für Elite-Sportler sind viele Fehlstunden eigentlich kein Problem - die Schule ist darauf geeicht, den Spagat zwischen Sport und Lernen zu erleichtern. Auch Georg Hackl und Evi Sachenbacher machten hier ihre Abschlüsse. 140 der 1000 Schüler in Berchtesgarden sind Spitzensportler. Weil sie ständig unterwegs sind, lernen sie auch via Internet und können dann ihre Hausaufgaben in Chemie oder Geschichte vom Trainingslager aus einschicken.

Die Schule musste sie aufgeben

Der Wechsel aufs Gymnasium bedeutete für Amelie allerdings, dass sie mit Extra-Nachhilfe drei Jahre Französisch nachholen musste und ihre Prüfungen hartnäckig in die Sommerferien fielen. Die elfte Klasse besuchte sie mit einer Anwesenheitsquote von 30 Prozent. Im Herbst sagte sie noch der "Süddeutschen Zeitung", sie wolle auf jeden Fall das Abitur schaffen. Doch Olympia und Abi vertragen sich offenbar nicht so gut, Amelie unterschrieb einen Vertrag beim Bundesgrenzschutz. Dort wird sie im Winter zum Snowboarden freigestellt und macht in den Sommermonaten eine insgesamt zweieinhalbjährige Ausbildung zur Polizeimeisterin.

Jetzt wohnt Amelie im olympischen Dorf in Bardonecchia mit den anderen Sportlern. Im Qualifikationsrennen im Oktober fuhr sie als Zweitschnellste hinter der amtierenden Olympiasiegerin Isabelle Blanc. Natürlich hat sie sich gefreut, als ihre Freunde sie mit Glückwünschen überschütteten. "Doch was das alles bedeutet, habe ich erst auf dem Weg hierher verstanden", sagt Amelie. Zum Beispiel, dass jetzt viele Augen erwartungsvoll auf sie schauen - das macht nervös. Ihr Trainer bemüht sich um einen geregelten Tagesablauf, mit zweimal Training, im Schnee, im Kraftraum, beim Kickboxen.

"Ich versuche, alles so normal wie möglich zu machen, aber eigentlich ist nichts mehr normal. Mir war nicht klar, was da alles auf mich zurollt", sagt sie. Selbst in Interviews will jedes Wort gut bedacht sein, schließlich hat das Internationale Olympische Komitee streng reglementiert, was akkreditierte Sportler während der Spiele sagen dürfen. Ganz freiwillig hält Amelie Kober geheim, was sie sich für den Wettkampf ausrechnet und wie sie sich als gläubiger Mensch mental darauf vorbereitet.

Noch ein paar Tage, dann ist Olympia passé. Doch so sehr Amelie Kober sich auch stets auf Freunde und Familie in Miesbach freut, allzu lange darf man ihr das Brett nicht unter den Füßen wegziehen. "Im Sommer war ich einmal vier Wochen nicht im Schnee. Da wurde ich ganz schön nervös." Da kommen die bevorstehenden Weltcup-Rennen in Russland, Japan und Amerika wohl gerade recht. Dort gibt es zwar keine olympischen Medaillen, dafür aber schöne Preisgelder. Damit kann sich die Tempo-Fanatikerin vielleicht noch ein paar private Träumereien erfüllen: den Motorradführerschein oder gar einen Porsche.



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