19-jähriger Mundakrobat Einer beatboxt sich nach oben

Zuerst der Kick, dann das Tschk und der Bass: Bis zu sieben Sounds imitiert Robert Wolf, 19, mit Hals, Mund und Zunge gleichzeitig und beeindruckte selbst Dieter Bohlen. Jetzt tourt er als Beatboxer Robeat durch Deutschland - Film, Fernsehen und Lern-DVD inklusive.

Von Mathias Hamann


Den Kick fürs Beatboxen gibt es schon in der Grundschule, für jeden. "In der ersten oder zweiten Klasse sagen die Schüler zum zweiten Buchstaben des Alphabets ja nicht 'Bee' sondern nur ganz kurz 'B'", sagt Robert Wolf und demonstriert es. "Nun lässt man den Vokal weg, presst die Lippen zum B zusammen, spricht's aus, möglichst ohne viel Luft - dann entsteht der Kick."

Bumm. Einer der Grundtöne für das Beatboxen. Das reale Vorbild entsteht, wenn "bei einem Schlagzeug der Fußschlegel auf die große Box haut, das gibt den Kick", erklärt der 19-Jährige dann noch.

Beatboxer gelten als die fünfte Säule des HipHop, neben Graffiti-Sprayern, DJs, Breakdancern und den Rappern. Denen fehlte Anfang der achtziger Jahre für ihre Musik oft ein Schlagzeug oder Ghettoblaster – die Instrumente waren für Straßenkids zu teuer. Also nahmen sie die Sache selbst in die Hand oder besser den Mund und beweisen seitdem ihre verbale Schlagzeugfertigkeit. Den Rhythmus machen sie einfach mit dem Mund; anfangs dienen die Hände als Resonanzkörper, später verstärkt ein Mikrophon ihren Klang.

Sieben Sounds gleichzeitig

"Mittlerweile machen die Künstler aber nicht nur Rapbeats, sondern auch Funk oder Technobass mit Echo", erklärt Robert Wolf, "eigentlich können sie fast jedes Geräusch erzeugen." Das ist beileibe kein Lippenbekenntnis. Alles andere als maulfaul hat der Stuttgarter seit 2003 geübt. Der Vater hat ein kleines Studio, dorthin zieht sich der Sohn oft zurück und feilt an seinen Kicks. Seine Klassenkameraden haben manchmal nur einen Wunsch: Robert, beat uns etwas – dann krachts, zischt und bummst es im Klassenraum.

"Das beeindruckt übrigens auch die Mädels", grinst Robert. "Frauen sind ja eher so Multi-Tasking-Menschen und finden's cool, wenn Mann dann sieben Sounds gleichzeitig machen kann."

Eigentlich braucht es heute Beatboxer nicht mehr. Rhythmus macht heute jeder Laptop, trotzdem gibt es immer mehr Beatboxer. Was ist so faszinierend daran?

"Es wirkt echter, weil es menschlich ist", erklärt Volker Meyer-Dabisch. Der Dokumentarfilmer hat die deutsche Beatboxszene ein Jahr begleitet. Sein Streifen "Love, Peace und Beatbox" zeigt den Lebensalltag und das Bühnenleben von Robeat und seinen Kollegen. Den Rahmen bilden die Meisterschaften der Berliner DJs Mesia und Bee Low. "Die kleine Szene in Deutschland boomt gerade", erklären alle unisono.

"Vor zwei Jahren kamen gerade mal 700 Leute zur Meisterschaft und im Internet hörten 10.000 zu." Ein Jahr später guckten 30.000 vorm PC, und live lauschten 1200 Leute dem Finale: Robeat gegen Mando lautete die Paarung 2007 – Jungspund gegen Alt-Champion. Der Alt-Champion blieb aber der Vormund der Szene, denn Robeat schaffte es nicht, den Veteran mundtot zu machen. Er wurde Vizemeister.

Virtuelle Beatbox-Schule

Ins Finale schaffte es der junge Baden-Württemberger auch bei der RTL-Show "Das Supertalent" im vergangenen Jahr. Selbst Dieter Bohlen fand am Beatboxen - der ranzige Richterrüpel lobte Robeat.

Nun hat der ehrgeizige Beatboxer sich nach oben durchgeboxt. Die Karriere geht Schlag auf Schlag weiter. Tourneen und Auftritte folgen, der Handball-Bundesligist Frisch Auf! Göppingen heuerte ihn als Einheizer. Außerdem produzierte er Deutschlands erste Beatbox-Lern-DVD. Die lehrt, hübsch ausgeleuchtet, den Einstieg in die Mundmusik.

Weniger glamourös, aber gratis unterrichtet die virtuelle Beatbox-Schule. Hier betreuen 25 Lehrer ehrenamtlich mehr als 7000 Schüler. Montag, Dienstag und Freitag treffen sich die Anfängerklassen im Internet und üben via Teamspeak. Das Kommunikationsprogramm hilft sonst Gamern bei ihren Matches im Netz, die Beatboxer nutzen es zum E-Learning.

Dort lernt der Einsteiger: "Für den richtigen Kick beim Kick schiebt man den Kiefer weiter nach vorn." Solche Feinheiten fehlen auf Robeats DVD. Zwar gibt er vereinzelt Tipps per E-Mail, aber auch da wird die Zeit knapp. Denn "Love, Peace und Beatbox" wird nun in deutschen Kinos gezeigt und bei einigen Vorführungen unterhält Robeat die Zuschauer. Und er muss mit der Zeit gehen - für Handys nimmt er deshalb jetzt auch Klingeltöne auf.



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