2,5 Millionen Zivis Jung, billig, unentbehrlich

Vor Markus Porada haben schon 2.499.999 andere junge Leute in Deutschland ihren Zivildienst absolviert. Jetzt ist der Stuttgarter Abiturient Zivi in einer Jugendherberge. Und über "Drückeberger" schimpft heute niemand mehr - das Klischee ist längst passé.


Wehrdienst oder Zivildienst? Für Markus Porada, 19, war die Sache klar: "Von meiner ganzen Erziehung her hat sich nie die Frage gestellt, ob ich zur Bundeswehr gehe." Dass er allerdings von Jens Kreuter, dem Bundesbeauftragten für den Zivildienst, als 2,5-millionster Zivildienstleistender in Deutschland gewürdigt wird - damit hat der Abiturient nicht gerechnet.

Zivi Markus Porada: "Ich muss mich nun beweisen"
DPA

Zivi Markus Porada: "Ich muss mich nun beweisen"

Seit einer Woche arbeitet er in der Jugendherberge Stuttgart, wo er schon vor zwei Jahren ein Sozialpraktikum absolvierte. "Mir hat der Kontakt mit anderen Jugendlichen aus Europa und der ganzen Welt gefallen", sagt Markus Porada. Nur wenige aus seinem Jahrgang hätten sich für den Dienst bei der Bundeswehr entschieden und manche gezielt auf eine Ausmusterung hingearbeitet, "um das Jahr nicht zu verschwenden". Als Zeitverschwendung sieht er seine Arbeit jedoch nicht und ist sicher: "Das wird meine Persönlichkeit bilden."

An der Jugendherberge schaut der junge Schwabe erst einmal den anderen Zivis über die Schulter - wegen des Rummels um seine Begrüßung als 2,5-millionster Zivildienstleistender habe er noch keinen richtigen Arbeitsalltag. Ein bisschen stolz ist er schon, aber auch selbstkritisch: "Ich habe bisher noch keine Leistung gebracht und muss mich nun beweisen."

"Ein Gewinn für die Gesellschaft"

Markus Porada ist er einer von rund 88.000 jungen Männern, die in diesem Jahr zum Zivildienst einberufen wurden. Zum Vergleich: Den früher selbstverständlichen Dienst an der Waffe begannen im vergangenen Jahr nur noch 68.000 junge Männer. Und heute sind alle voll des Lobes für die wackeren Zivis. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) bezeichnete sie als "Gewinn für die Gesellschaft", sie gingen "viel unabhängiger von eingefahrenen Rollenbildern an ihre Berufswahl und Lebensplanung heran".

Der Zivildienst-Beauftragte Jens Kreuter nannte den Ersatzdienst "ein Erfolgsmodell und für jeden jungen Mann eine persönliche Bereicherung". Auch bei den Arbeitgebern seien ehemalige Zivildienstleistende inzwischen sehr angesehen, denn sie wüssten, dass die jungen Männer bei ihrer Tätigkeit wertvolle Schlüsselqualifikationen erworben hätten - ein "klares Plus im Lebenslauf", so Kreuter.

Das Märchen von der Wehrgerechtigkeit

Das war beileibe nicht immer so. 1956 führte die Bundesrepublik die allgemeine Wehrpflicht ein, 1961 wurden die ersten Kriegsdienstverweigerer anerkannt. "Drückeberger!" - dieser Ruf schallte ihnen in den sechziger Jahren nach, so blieb es noch bis in die achtziger Jahre.

Inzwischen gelten Zivis als unentbehrlich in der Pflege oder Betreuung von alten, kranken oder behinderten Menschen. "Wenn wir sie nicht hätten, hätten wir große Not", sagt etwa Lorenz Menz, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes in Baden-Württemberg. Knapp tausend Zivis würden im Südwesten etwa das Essen auf Rädern oder die Behindertenhilfe aufrechterhalten. "Ich habe große Hochachtung vor diesen jungen Männern", betonte Menz.

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Drohte der Wehrdienst zu kippen, zuletzt im Jahr 2004, zitterten auch die Sozialverbände um ihre zuverlässigen - und relativ günstigen - Mitarbeiter. Zivildienstleistende erhalten nicht mehr Geld als Wehrpflichtige. Ein Großteil des Soldes wird zudem vom Bund übernommen.

Hauptargument gegen den Wehrdienst bleibt die Wehrgerechtigkeit: So wird von einem Altersjahrgang nur noch ein geringer Teil eingezogen - bei den Musterungen geht es überaus großzügig zu, und dann greifen noch diverse Sonderregelungen.

Wo so viele junge Leute weder ins Grünzeug springen noch Zivildienst leisten müssen, ist aus Sicht von Kritikern die vom Bundesverteidigungsministerium stets besungene "Wehrgerechtigkeit" längst auf der Strecke geblieben. Das Gesamtkonstrukt der Wehrpflicht habe sich "überlebt", sagt etwa Kai Gehring, jugendpolitischer Sprecher der Bundestags-Grünen. Auch volkswirtschaftlich sei es vernünftiger, die Zivildienststellen in reguläre Arbeitsplätze umzuwandeln und freiwilliges Engagement zu fördern.

jol, dpa/AP

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Seite 1
herve64 08.04.2008
1.
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Was sind Ihre Erfahrungen?
Wehrgerechtigkeit - was ist das? Ist es etwa gerecht, dass Männer prinzipiell zum Wehrdienst gezwungen sind wohingegen Frauen sich für den Beruf der Soldatin entscheiden können? Die ganze Wehrpflicht ist eine Diskriminierung des Mannes aufgrund seines Geschlechts und damit per se eigentlich ungerecht.
atzlan 08.04.2008
2.
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Was sind Ihre Erfahrungen?
Wehrgerechtigkeit hat es nie gegeben, denn Frauen werden nicht gezwungen, Wehr- oder Zivildienst zu leisten. Dagegen ist die derzeitige Ungerechtigkeit unter Männern eine Kleinigkeit.
touri 08.04.2008
3.
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Was sind Ihre Erfahrungen?
Nun, ich kann schon verstehen, das überdurchschnittlich viele übergewichtige Menschen in der Bundeswehr Dienst tun, was anderes bleibt ja auch kaum übrig. Meine Erfahrung: Als in meiner Schulzeit die Musterungen losgingen hat man mitbekommen wer gleich aussortiert wurde - und das waren praktisch alle Sportler. Ohne Witz, ich selbst habe in meiner besten Zeit 13 von 15p auf 1000m geholt, es wurden Leute ausgemustert, die mich glatt stehen liesen (ich wurde genommen). Die Begründung? Kaputte Gelenke! Scheinbar ist Fußballspielen und praktisch alle Sportarten dermaßen gesundheitsschädlich, dass sie verboten gehören! Nun nachdem alle Sportskanonen ausgemustert werden, bleiben natürlich überproportional viele übergewichtige "hängen" (obwohl ich aus meiner Persöhnlichen Bundeswehrerfahrung sagen kann, dass in unserem Battalion in Hammelburg nur eine kleine Handvoll wirklich so unsportlich waren, dass sie nicht durchgehalten hätten).
kdshp 08.04.2008
4.
Zitat von herve64Wehrgerechtigkeit - was ist das? Ist es etwa gerecht, dass Männer prinzipiell zum Wehrdienst gezwungen sind wohingegen Frauen sich für den Beruf der Soldatin entscheiden können? Die ganze Wehrpflicht ist eine Diskriminierung des Mannes aufgrund seines Geschlechts und damit per se eigentlich ungerecht.
Hallo, dem schließe ich mich an. Die ganze wehrpflicht ist doch nur noch ein pseudonym für "gerechtigkeit". Wie auch bei der wehrpflicht wird die ungerechtigkeit in D immer größer. Was mir aufgefallen ist (geschichtlich) das je mehr über gerechtigkeit in einer gesellschaft gesprochen wird desto größer ist die ungerechtigkeit in eben dieser gesellschaft.
Rasmuss 08.04.2008
5.
Ich sehe die Wehrpflicht auch als Zwangsarbeit an die abgeschafft gehört. Eine Berufsarmee wäre meiner Meinung nach das Beste und ich glaube in ganz Europa gibt es auch nur noch ein Land dass eine Wehrpflicht so wie bei uns hat. Griechenland?? Das Problem ist nur, dass es dann im sozialen Sektor "brennen" würde, hier hat man ganze Berufsstände über Jahrzehnte durch "Zivis" kaputtgespart.
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