2. Platz Interview "Das Tor steht in der Mitte"

Gespräch mit Franz Müntefering von Janos Burghardt · Freie Waldorfschule Engelberg Winterbach


Screenshot von www.yaez.de

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SPD-Rhetorikmaschine Franz Müntefering im YAEZ-Gespräch über Franz Beckenbauer und Laurenz Meyer, Fußball und Politik.

"Überall da wo ich mich beworben hab, habe ich einmal verloren und dann immer gewonnen hinterher." Franz Müntefering

YAEZ: Politik ist wie Fußball und Wahlkampfzeit wie kurz vor dem Spielende. Wer soll jetzt noch das entscheidende Tor machen?

Franz Müntefering: Wir müssen aus der Tiefe des Raumes angreifen, über die linke Seite in die Mitte flanken und den Ball reinköpfen, da das Tor in der Mitte steht. Aber welche Rückennummer das sein wird, kann ich noch nicht sagen. Ganz im Ernst: wir liegen zurück. Die Frage ist, wie viele Leute wir mobilisieren können. Der größte Teil der Menschen entscheidet sich erst kurz vor der Wahl. Das Wählerpotenzial ist da, entscheidend ist wie viel Hitze noch in die Sache reinkommt.

YAEZ: Was ist Ihre Spezialität im Fußball. Böse Grätschen?

Franz Müntefering: Lange vor Ihrer Zeit gab es einen Franz Beckenbauer der damals den Libero kreierte. Einer der hinten spielt, der im Grunde aber auch Spielführer ist. Eine Position vor Franz Beckenbauer spielte Schwarzenbeck; er hatte die Nummer 4, war ein bisschen grob, technisch nicht so gut und auch nicht so berühmt wie der Beckenbauer. Aber wenn es Schwarzenbeck nicht gegeben hätte, wäre Beckenbauer nie so gut gewesen. Früh die anderen im Spiel stören und das eigene Aufbauen, das ist auch meine Rolle. Früher sagte man "Vorstopper" dazu.

YAEZ: Wollen Sie nicht auch mal als Stürmer auf den Platz gehen, den Kopf kurz an einen hohen Ball halten und dann den ganzen Jubel für ein Tor kassieren?

Franz Müntefering: (lacht) Wenn wir gewinnen, haben alle gewonnen. Politik ist ein Mannschaftssport, in dem jeder seine Aufgabe übernehmen muss. Wenn alle das Trikot mit der Nummer 9 tragen wollen... "Dat geht nich".

YAEZ: Wenn gegen die Partei oder einem SPD-Politiker Vorwürfe erhoben werden, gehen Sie vor die Presse. Ist das, was die Partei macht, immer das, was Ihren eigenen Vorstellungen entspricht?

Franz Müntefering: Das ist eine berechtigte Frage. Ich weiß das auch. Wenn ich Unterwegs auf Menschen treffe, dann sagen die zum Ersten: sie sind viel kleiner als ich gedacht habe. Nicht 1,90m, ich bin 1,76m. Das liegt aber offensichtlich mit meinem länglichen Gesicht zusammen. Da sieht man was der Fernseher ausmacht. Und zweitens sagen die, sie sind viel freundlichen als wir immer dachten. Das stimmt auch. Man wird geprägt, von dem was man macht. Meistens wenn ich im Fernseher auftrete sind das keine lockeren Veranstaltungen, sondern ich habe was zum verkünden und eine klare Kante ziehen. Ich kann mich da nicht auf große Differenzierungen einlassen. Wenn ich bei Kerner gewesen bin, sind die Reaktionen schon ganz anders. Ich kann aber mit dem Bild leben, das die Menschen von mir haben. Es muss eben einen geben, der die Aufräumarbeiten macht.

Was meine persönliche Meinung angeht, die bringe ich bei Gelegenheit ein. Beispielsweise bei Gesprächen in kleinster Runde. Als ich diesen Job als Generalsekretär begann, haben wir in der Partei beschlossen intensiv miteinander zu sprechen.

YAEZ: Was halten Sie von Ihrem direkten Gegenüber Laurenz Meyer?

Franz Müntefering: Er ist ein bisschen frech, aber ansonsten kann man mit ihm hinterher ein Bier trinken. Da hab ich kein Problem. Bei Goppel (CSU) ist das ein bisschen schwieriger. Das ist aber in der Politik so, auch quer durch die Parteien: mit dem einen kann man besser, mit dem anderen weniger.

YAEZ: Also mit Laurenz Meyer können Sie "besser"?

Franz Müntefering: Im Wahlkampf kann ich das nicht behaupten, das ist ganz klar (lacht).Aber das mit dem Bier trinken geht schon noch.

YAEZ: Thema Wahlkampagnen und Internet. Bisher erfolgreich?

Franz Müntefering: Wir wissen, dass sich unsere Kontaktdaten nach Millionen zählen. Und wir sind stolz auf das, was wir da aufgebaut haben, da wir gute Zensuren in den entsprechenden Zeitschriften bekommen haben. Das Internet ist eine Kulturtechnik, die eine große Rolle spielt. Man gewinnt damit nicht alleine eine Bundestagswahl, aber es gehört eben dazu.

YAEZ: Und Sie benutzen nutzen das Internet auch?

Franz Müntefering: Ich persönlich nicht. Als Generalsekretär brauchst du kein Handy und kein Internet, irgendwie erwischen dich sowieso immer alle.

YAEZ: Wie war Ihr Weg politisch aktiv zu werden?

Franz Müntefering: Ich bin konservativ groß geworden, in einem katholischen Elternhaus, in einem katholischen, CDU-Geprägten Region. Habe bis 18 Fußball gespielt, habe dann aber aufgehört, da ich doch nicht gut genug war. Fußball begleitet mich aber noch. Zwischen 18 und 25 habe ich gelesen. Sozusagen autodidaktisch mich in alles hineinbegeben. Mit 25, meine erste Tochter war geboren, hatte ich das Gefühl "du musst dich einmischen". Ich habe kommunal-politisch angefangen, ohne zu wissen, dass ich mal bundespolitisch irgendwie agieren würde. 1972, bei der berühmten Willy Brandt-Wahl habe ich dann für mich entschieden, für den Bundestag zu kandidieren. Die haben mich nicht gewählt damals, ich bin nur auf der Reserveliste gelandet. Also überall da wo ich mich beworben hab, habe ich einmal verloren und dann immer gewonnen hinterher.

YAEZ: Sind Jugendliche Politikverdrossen?

Franz Müntefering: Ich glaube, dass die jungen Menschen gesellschaftspolitisch schon interessiert sind. Parteipolitische Verdrossenheit, dass kann sein. Aber das ist nicht so entscheidend. Wenn man sich engagiert für die Gesellschaft, dann kann man das zunächst auch tun ohne einer Partei beizutreten. Allein ist man sehr schwach, da muss man Organisationen haben. Deshalb bin ich da nicht so ängstig. Ich glaube, dass diese junge Generation in den Parteien ankommen wird und diese verändern wird. Ich glaube das mit der Politikverdrossenheit nicht so. Da ist viel Larmoyanz bei älteren Journalisten mit im Spiel.

YAEZ: Sind Sie neidisch auf den starken bayerischen Fußball?

Franz Müntefering: Also Sie müssen sehen: Bochum war gleich am Anfang der Saison an der Tabellenspitze. Und das ist nicht mal unser stärkster Verein. Dortmund und Schalke kommen ja auch aus Nordrhein-Westfalen. Übrigens hat Schalke jetzt zweimal hintereinander ein Tor in der 89. Minute geschossen (lacht).

YAEZ: Vielen Dank für das sportliche Interview.



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