21 unter 21 Ajescha Prozell, Krabbeltier-Kennerin

Schlupfwespen und Kornkäfer waren ihre Helfer, als Ajescha Prozell, 15, Schuldreck auf Insektengift untersuchte. Mit ihrer Idee gewann die Berliner Schülerin den "Jugend forscht"-Wettbewerb in Biologie. Jetzt träumt sie von einem Studium in Yale, Princeton oder Oxford.

Von Katrin Schmiedekampf


Irgendwann hört Ajescha Prozell einfach nicht mehr hin. Sie starrt auf ihre Hände, dreht an ihrer Uhr herum. "Gewonnen habe ich eh nichts", denkt sie. Ihr Projekt über Pflanzenschutzmittel und Schlupfwespen, mit dem sie es bis zum Bundeswettbewerb von "Jugend forscht" geschafft hat - ja, klar war das spannend. Aber oben auf der Bühne der Neuen Flora in Hamburg werden nur noch erste Preise verteilt. Und die anderen Projekte waren einfach noch viel beeindruckender als ihres. Glaubt Ajescha.

Insektenforscherin Ajescha Prozell: "Mich starren grade zig Leute an"
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Insektenforscherin Ajescha Prozell: "Mich starren grade zig Leute an"

Die 15-Jährige bemerkt nicht, dass inzwischen der Chemie-Nobelpreisträger Hartmut Michel auf die Bühne getreten ist. "Ideen haben - das geht schnell. Aber sie umzusetzen dauert lange, einige Nachtschichten sind nötig", sagt er und lobt ein Projekt, bei dem "mit einfachen Mitteln beeindruckende Ergebnisse erzielt worden sind". Und dann wird plötzlich Ajescha auf die Bühne gebeten.

Das dunkelhaarige Mädchen, das an diesem Sonntagmorgen im Mai eine schwarze Hose und eine knallrote Bluse trägt, bleibt einfach sitzen. Erst als die Moderatorin sagt: "Ajescha, komm doch bitte nur zwei Minuten zu uns auf die Bühne. Es geht auch wirklich ganz schnell", steht die Schülerin langsam auf und klettert auf die Bühne, mit Gummiknien. 1200 Zuschauer sitzen im Saal. "Mich starren grade zig Leute an", denkt die Schülerin.

Sie bekommt eine Urkunde: Ihr Projekt wurde von der "Jugend forscht"-Jury als das beste im Fachgebiet Biologie ausgezeichnet. Es heißt "Entwicklung eines schnellen und günstigen Testsystems auf Insektizidbelastung - wie kontaminiert sind Schulen?" Was Ajescha genau gemacht hat: Sie fand heraus, dass die besten Spürnasen für Pflanzenschutzmittel die Insekten selbst sind. Ob sie leben oder sterben - daran kann man sehen, wie belastet eine Probe ist.

Nur die Kornkäfer überlebten

Noch lange nach der Preisverleihung reagiert die Berlinerin verlegen, wenn sie auf ihren Sieg angesprochen wird. "Beste von Deutschland, naja", sagt sie und wechselt schnell das Thema: "Kornkäfer sind in der Landwirtschaft ein großes Problem. Sie sind sehr widerstandsfähig." Ajescha steht im Wohnzimmer und holt aus einer dunkelroten Schachtel eine Petri-Schale voller kleiner grau-brauner Insekten hervor. Vor Krabbeltieren ekelt sich Ajescha nicht - "ich habe auch kein Problem mit Spinnen, nur mit Schaben".

Die Versuche mit den Kornkäfern und Schlupfwespen machte die Berlinerin nach der Schule und am Wochenende. Der Schmutz, den sie auf Insektizide untersuchte, stammte aus zehn Berliner Schulen. Tier für Tier nahm sie mit einer Pinzette hoch und setzte es in die Petrischalen voller Dreck.

Während die Schlupfwespe Trichogramma bereits auf nur leicht belastetem Boden starb, kam bei etwas höheren Giftkonzentrationen dann eine andere Art namens Lariophagus um. "Zum Glück sind in keiner der Proben Kornkäfer gestorben", sagt Ajescha. Weil die so robust sind, hätte das eine sehr hohe Belastung der Schulen bedeutet, aus der die Proben stammten.

Mit Ajeschas Methode lässt sich jeder Raum auf Pflanzenschutzmittel untersuchen. "Wenn man neu irgendwo hinzieht, kann man so messen, wie belastet die Räume sind. Besonders für Kinder und Schwangere sind Insektizide echt gefährlich", sagt Ajescha. Ihr Test ist eine kostengünstige Alternative zu den herkömmlichen, aufwendigen Testverfahren, die auf chemischen Untersuchungen basieren.

Preisgeld für den Führerschein

Über ihre Mutter, selbst Biologin, und deren Freunde erfuhr Ajescha von den äußerst nützlichen Schlupfwespen. Bücher über die Insekten hat sie kaum gelesen. "Nur zum Thema Insektizide habe ich einiges im Internet nachgeschaut." Die Versuche machte die Schülerin in der Küche, denn "mein Schreibtisch ist immer so voll". Zwischen Herd, Kühlschrank und Kaffee-Maschine stellte sie die vielen Petrischalen ab. Wenn die Kornkäfer ihr entwischt wären, hätten ihre Mutter und sie ein Problem gehabt. Denn die Tiere knabbern gern an Vorräten, man wird sie so leicht nicht wieder los.

Ajescha war die einzige Schülerin der Primo-Levi-Oberschule in Berlin, die bei "Jugend forscht" mitgemacht hat. Aufgefordert hat sie dazu niemand. "Ich habe irgendwann per Zufall von dem Wettbewerb gehört und mich im Internet erkundigt." Schon im letzten Jahr war sie dabei. "Damals habe ich auch was mit Schlupfwespen gemacht und bin im Landeswettbewerb auf den fünften Platz gekommen." Ihre Freunde fanden es nicht seltsam, dass Ajescha sich zwischendurch den Insekten widmete. Sie traf sich ja trotzdem mit Leuten, ging shoppen, ins Kino und auf Parties.

Dass sie in diesem Jahr siegen würde - damit hat die junge Forscherin nicht gerechnet. "Die einzige, die sich da ganz sicher war, war eine Freundin. Vor der Preisverleihung in Hamburg meinte sie immer wieder, dass ich auf jeden Fall Bundesiegerin werde." Ajeschas Preis: Sie durfte im August nach China fliegen. Außerdem bekam sie 1500 Euro. "Das Geld will ich vielleicht für meinen Führerschein benutzen oder für eine Reise." Aber 200 oder 300 Euro - die will sie "auf jeden Fall vershoppen."

"Ich bin ja so 'ne Umwelttante"

Die gerahmte "Jugend forscht"-Urkunde lehnt in ihrem Zimmer. "Meine Mutter will sie unbedingt aufhängen." Ajescha selbst hat andere Pläne. Sie möchte die Bilder der Jungs aus der Fernsehserie OC California abhängen ("die fand ich schon mit 13 nicht mehr toll") und stattdessen New-York-Postkarten an die Wand pinnen. Schließlich ist das ihre Lieblingsstadt. Außerdem hängt an den rosa Zimmerwänden noch eine Pace-Flagge und ein aus dem Weltraum fotografiertes "Die Erde"-Poster. "Das hat mir mein Opa mal geschenkt."

Eines Tages will Ajescha Biologin oder Juristin werden. "Oder etwas ganz anderes. Vielleicht sogar Politikerin. Ich bin ja so 'ne Umwelttante." Wenn es nach ihr geht, müssen die Atomkraftwerke endlich abgeschaltet, muss die Massentierhaltung abgeschafft werden. Die Klimaerwärmung findet die 15-Jährige schlimm. "Das ist seit zehn Jahren klar, plötzlich sind alle so betroffen, das verstehe ich einfach nicht." Fern sieht Ajescha selten. "Mich regt vieles auf, was die zeigen."

Harvard, Yale, Princeton, Oxford - an einer dieser Elite-Unis würde Ajescha später gern studieren. "Das wäre ein Traum." Obwohl - ein Leben ohne ihre Familie und ihre Freunde kann sie sich eigentlich nicht vorstellen. Und auch die Wohnung in Berlin-Pankow, die sie mit ihrer Mutter und den beiden Meerschweinchen Zoey und Phoebe teilt, möchte sie ungern verlassen. Der Wandspruch im alten Treppenhaus passt zu Ajeschas bescheidenen Art.

Dort steht: "Viel leisten, wenig hervortreten. Mehr sein als scheinen."

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