21 unter 21 Dillon, Chansonette mit Megaphon

Sie setzt sich ans Keyboard, spielt, singt, rappt, schreit ins Megaphon und programmiert die Beats dazu. Nichts davon hat die Berliner Indie-Hoffnung Dillon je richtig gelernt - und gerade darum vergisst man ihre Songs einfach nicht.

Die großen Plattenfirmen und das Fernsehen lieben sie: die kindlichen Jungstars, die minderjährigen Rockidole. Gestern noch in der Schulbank, heute von Dieter Bohlen wohlwollend taxiert und ab sofort auf Star für die TV-Verwurstungskette abgerichtet.

Zum Glück hat Dillon eher spät mit der Musik angefangen und taugt eh nicht für Bohlens Lebenszerstörungsindustrie. Dillon heißt eigentlich Dominique Dillon de Byington. Aber weil ihr Name klingt, als sei er ausgedacht, weil er auf keine CD passt, ziemlich kompliziert ist und keiner sich das merken kann, nennt sie sich kurz "Dillon".

Sie ist die 19-Jährige, deren Stimme man nicht mehr vergisst, wenn man sie einmal gehört hat. "Dillon" flüstert man sich in der Underground-Pop-Szene in Deutschland im Moment hinter der Hand zu. Ihre paar Songs empfiehlt man denen, die man wirklich mag. Dillon singt Chansons mitten aus dem Ende der Jugend, begleitet sich selbst auf dem Keyboard und lässt ihren Computer ihr Keyboard begleiten, mit minimalen Techno-Rhythmen, Gefiepe und Gebrumme. Zwischendurch bricht es kurz aus ihr heraus, sie spricht, rappt, schreit.

Von Köln nach Neukölln

An diesem kalten, dunklen Januarabend wird Dillon im Roten Salon in der Berliner Volksbühne auftreten. Bei der Probe steht sie da, hinter ihrem Mini-Keyboard und dreht an einem quietschenden Megaphon herum. "Ich muss das noch mal ausprobieren" - sie nimmt die Flüstertüte und singt aus voller Kehle hinein.

Wie ein kleiner Orkan fegt ihre Melodie durch den Salon. Dann senkt sie das Megaphon - und lacht. An der Seite sitzen Nils und Miriam, mit ihnen wohnt Dillon in einer WG in Neukölln. "Das kannst Du ruhig noch lauter machen", sagt Nils.

Wenn Dillon ihre Geschichte erzählt, klingt das zuerst so ausgedacht wie ihr Name: dass sie sich vor einem Jahr an den Flügel ihrer Eltern gesetzt hat und anfing zu spielen, einfach so. Dass sie das konnte, dass das eben ging, genauso wie das Singen. Anfang 2007 hat sie eine Kamera auf den Flügel gestellt, ihr erstes Lied aufgenommen und es ins Internet gestellt.

Am 25. Januar 2008 erschien nun ihre erste Single, erstmal als Download, auf dem exquisiten Szene-Label "Kitty-Yo". Bis dahin hatte Dillon ein paar weitere Lieder ins Web gestellt und angefangen, vor Publikum zu spielen. "Meinen ersten Auftritt in Köln fand ich grauenvoll", sagt sie. "Ich meine: Ist es nicht eine völlig surreale Situation, dass da Leute hinkommen, sich hinsetzen, um mir zuzuhören?"

Mit dem Schaubühnen-Auftritt an diesem Abend beginnt Dillons erste Tour. Einmal quer durch Deutschland, im Vorprogramm der Band "Jolly Goods". Zehn Tage auf Achse, jeden Abend auf der Bühne. Zehn Tage singen und Keyboard spielen und am Ende das Megaphon auspacken. Ob sie sich freut? "Ja, klar", sagt sie. Mehr nicht.

Geh, sei irgendwo anders ein Rockstar

Dillon kommt eigentlich aus Brasilien. Als sie vier war, flog ihre Mutter mit ihr in den Urlaub, nach Europa, in die Berge, nach Kitzbühel in Österreich. Dillon wollte gern Schnee sehen. Mama lernte einen jungen Mann aus Köln kennen, die beiden verliebten sich ineinander, und zwar so richtig.

In Brasilien wartete niemand auf sie, denn Dillons Vater lebt, seit sie denken kann, von Frau und Kind getrennt. Als zwei Wochen später der Flieger zurück abhob, blieben die beiden Plätze leer, auf denen Dillon und ihre Mutter hätten sitzen sollen. Sie waren schon auf dem Weg nach Köln, in ein anderes Leben.

Ihre Mutter und der neue Freund sprachen die ganze Zeit Englisch, also lernte Dillon auch erst Englisch, dann Deutsch. Sie kam auf die St. George's School in Köln. Dillon sagt, sie spreche immer noch besser Englisch als Deutsch, darum singt sie auch in der Sprache.

Letztes Jahr im Sommer hat sie Abitur gemacht. Mit ihrer Mutter saß sie danach zusammen und erzählte, dass sie jetzt erstmal Musik machen will. Danach irgendwann studieren. Ihre Mutter fand das nicht so lustig: "Du willst ein Rockstar sein? Geh und sei irgendwo anders ein Rockstar."

Dillon packte mit ihren Freunden Nils und Miriam einen Transporter voll, sie zogen um, von Köln nach Berlin. Nicht, dass sie sich mit ihrer Mutter zerstritten hätte. Aber Berlin ist eben der Ort, an dem man im Moment in Deutschland sein muss, als junger Mensch, der das Leben in tiefen Zügen atmen will.

Bist du ein Rockstar, wenn jemand Aufkleber von dir druckt?

Dass ihre WG auch beim Soundcheck im Roten Salon ein wenig auf Dillon aufpasst, hat etwas Symbolisches. Der Platz da vorn, am kleinen Keyboard mit dem Computer daneben, das ist irgendwie noch nicht ihr Zuhause. Also kommt das echte Zuhause mit in den Konzertsaal.

Jetzt, vor der Show, nur die Freunde sind da und der Typ am Mischpult, der die Regler hoch und runter schiebt, kann sie so singen wie im Wohnzimmer der Eltern, am Flügel. Als würde keiner zuhören.

Manchmal klingt Dillon viele Jahre älter - für einen Moment wie Courtney Love, Witwe de Nirvana-Sängers Kurt Cobain. Dann eine Sekunde nach Tori Amos. Aber am Ende singt da Dominique, 19, die gerade ihr Abi gemacht hat. Der Hamburger Szene-Star DJ Koze hat über sie geschrieben: "Sie singt angenehm unperfekt und wahrhaftig. Sie hat Charakter. Ich finde sie gut. Sie hat eine schöne Zukunft vor sich." Gerade mischt er einen Remix für sie ab, im März kommt Dillons erste echte Platte, eine EP mit vier Songs auf dem Label "Combination Records".

Dillon, ihre WG und ihr Kumpel Oliver sind in der Kneipe gegenüber, ein paar Sandwiches essen, bevor sie auf die Bühne muss. Oliver ist auch ihr Manager. Sie plaudern über die WG-Einrichtung - soll noch ein Tisch in die Küche, was ist mit dem Flur? Geht die Heizung eigentlich wirklich? Raik, Chef ihrer Plattenfirma, schaut vorbei. Als er sich nähert, haucht Oliver ihr zu: "Jetzt stehen wir aber gleich mal auf und sagen richtig hallo."

Raik stellt einen Karton auf den Tisch, drin sind Aufkleber von Dillon. Hundert Mal ihr Gesicht, die Haare, hundert Mal sie selbst. Sie packt aus und schaut leicht entgeistert. Bist du ein Rockstar, wenn jemand lauter Aufkleber von dir druckt?

Vielleicht wirst du zum Rockstar, wenn du genau steuern kannst, wann du fröhlich bist und ausgelassen, wann du die Show deines Lebens auf die Bühne zauberst, obwohl das Sandwich zum Abendessen nicht schmeckte und du gerade das erste Mal im Leben Aufkleber von dir selbst in der Hand hattest.

Ihre Magie verschwindet im Gemurmel des Publikums

Gegen neun geht Dillon auf die Bühne, der rote Salon ist gut gefüllt. Studenten, Alternative, Punkrocker, Kulturschnösel. Da hinten steht der Sänger von Tocotronic, da vorn dieser Schriftsteller und gleich daneben der Scout einer großen Plattenfirma.

Dillon singt ihre Songs. Aber die Magie, die sie beim Soundcheck hatten, verschwindet im Gemurmel des Publikums. Sie schaut kaum auf, fixiert die Tasten des Keyboards. Sie spielt sieben, acht Stücke, am Ende geht sie an den Bühnenerand, runter zu den Leuten und schreit sie an, durchs Megaphon.

Am nächsten Morgen sitzt Dillon im Zug nach Hamburg, zum nächsten Auftritt. Sie hat einen hellen Pulli an, die Haare sind offen. Sie blinzelt aus dem Fenster, da draußen liegt Brandenburg. "Ich hatte halt keine Lust zu reden", sagt sie. "Manchmal habe ich eben keine Lust. Da möchte ich nicht viel überlegen."

Sie erzählt von ihrer Schulzeit, davon, dass sie vor anderthalb Jahren eigentlich auf nichts mehr Lust hatte - bis sie mit der Musik anfing. Wie sehr sie sich manchmal darüber wundert, dass so viele Leute ihre Musik hören mögen. Dass es jetzt die Platte mit ihren Liedern gibt und sie auf Tour geht.

In Hamburg steigt sie aus dem Zug, knöpft ihren schwarzen Mantel zu, hängt sich das große graue Megaphon über und geht zur Rolltreppe. Auf geht's! Am Abend wartet das nächste Publikum. Und wenn Dillon Lust hat, werden ihre Zuhörer eine Stimme hören, die sie nicht wieder vergessen werden.

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