21 unter 21 Julia Bonk, rote Schönheit im Landtag

Erst machte sie Furore als "sexy Sächsin" und Deutschlands jüngste Abgeordnete. Auf den Rausch folgte der Kater: Als Julia Bonk gegen Deutschlandfahnen stänkerte, kassierte sie viel Spott. Die 21-Jährige bewegt sich zwischen Parlament, Linke und Uni.

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Sie könnte jetzt auch im Bett liegen und ausschlafen. Oder im Cafe sitzen mit Kommilitonen. Julia Bonk aber sitzt im Sitzungssaal 101 des Leipziger Rathauses. Durch einen Spalt im Fenster kriecht Morgenluft, sie bleibt hängen im Dunst aus billigem Männer-Deo. Auf dem Konferenztisch stehen Kaffeekannen und Würfelzucker.

Jungpolitikerin Bonk: "Als Anfänger hast du keine Hausmacht"

Jungpolitikerin Bonk: "Als Anfänger hast du keine Hausmacht"

Julia Bonk blättert fahrig in einem Stapel Akten. "Genossinnen und Genossen, Armut muss unsere Kernkompetenz sein", ruft der Mittfünfziger neben ihr. Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. Julia Bonk legt den Kopf schief.

Im Sitzungssaal 101 tagt die Linke, ehemals PDS, genauer: der Arbeitskreis "Soziales, Gleichstellung, Lebensweisen". Neonröhren werfen kaltes, weißes Licht in den schmalen Raum. Betagte Damen und Herren sprechen über "die Änderung der Ausführung des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes". Daneben sitzt Julia Bonk, 21 Jahre alt, und bemüht sich, interessiert zu gucken.

MdL Julia Bonk ist Deutschlands jüngste Abgeordnete. Mit 18 Jahren wurde sie in den sächsischen Landtag gewählt, ohne einer Partei anzugehören. Mittlerweile ist sie Mitglied der Linken. Ihre Parteigenossen in Sachsen sind im Durchschnitt 68 Jahre alt, sie könnten Bonks Großeltern sein.

"Niemand schont mich nur wegen meines Alters", sagt Julia Bonk. Sie ist noch nicht lange in der Politik, aber lange genug, um beide Extreme der Branche erlebt zu haben: den rasanten Aufstieg wie den rasanten Fall.

Von der "schönen Julia" zur "Drogentante von der PDS"

Als sie 2004 in den Landtag zog, war sie eine Exotin: ungewöhnlich jung für eine Politikerin, ungewöhnlich hübsch. An ihrem ersten Tag im Parlament trug sie aus Protest gegen die NPD ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck: "Schöner leben ohne Nazis." Die Fotografen stürzten sich auf sie. 87 Zeitungen zeigten das Bild ihres Auftritts.

Das T-Shirt machte Bonk berühmt. Und weil es schön war, berühmt zu sein, machte sie fast alles mit: Sie tingelte durch Talkshows, sprach mit Johannes B. Kerner, ließ sich von der "Bild"-Zeitung fotografieren und zur "sexy Sächsin" erklären. Sie war der "Schmollmund", die "rote Julia", das "schöne Antlitz des Sozialismus". In vier Wochen war sie häufiger in den Medien zu sehen als zehn sächsische Durchschnitts-Abgeordnete in zehn Jahren. Julia Bonk war angekommen in einer Welt, die ihre Protagonisten nach der Zahl öffentlicher Auftritte bewertet.

Doch auf den Rausch folgte der Kater. In einem Zeitungsinterview sprach sich Bonk für die Freigabe von Drogen an alle über 14 aus, von Marihuana wie von Heroin. Über Nacht wurde aus der "schönen Julia" die "Drogentante von der PDS".

Tagelang in sterbensöden Sitzungen

In der Fraktion rumorte es, doch erst als Bonk erneut patzte, brach der Unmut offen aus. Im WM-Sommer stänkerte die Jungpolitikerin gegen schwarz-rot-goldene Fahnen: "Die Deutschlandfahne muss weg." Die Flagge stehe für Nationalismus und Fremdenhass, sagte Bonk und kündigte an: Jeder, der drei Fahnen abgibt, bekommt ein Antifa-T-Shirt.

Ein folgenschwerer Fehler. Als "jung, hübsch, dumm", verspotteten sie nun die Medien. Die Parteispitze wusste nichts von der Aktion. Fraktionschef Peter Porsch, erzählen Mitarbeiter, soll Bonk am Telefon so laut angebrüllt haben, dass man es durch mehrere Bürowände im Landtag hörte. "Showdiva mit Entzugserscheinungen", lästerten Parteikollegen.

"Ich war damals zu unvorsichtig", sagt Bonk heute. "Als Anfänger hast du keine Hausmacht, da darfst du dich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen." Politik ist das Geschäft der Hintergedanken. Julia Bonk hat dieses Geschäft erstaunlich schnell verinnerlicht. Sie hat gelernt, strategisch zu denken. Sie ist misstrauischer geworden, sagen ihre Freunde. "Früher habe ich gedacht, ich verändere die Welt mit meinen Streiks. Heute weiß ich: Politik braucht Zeit."

Julia Bonk war 13 Jahre alt, als sie begann, sich in der Schülervertretung zu engagieren. Binnen fünf Jahren brachte sie es bis zur Schülersprecherin Sachsens. PDS und Grüne drängten sie, bei der Landtagswahl zu kandidieren. Bonk sagte zu. "Ich bin durch Zufall in der Politik gelandet, aber nun will ich etwas erreichen. Warum sollen junge Menschen die Welt so hinnehmen, wie sie ist?"

Die Uni, ein Paralleluniversum

Julia Bonk ist entschlossen, sich durchzusetzen: "Als Politikerin kann ich Einfluss nehmen, die Chance will ich mir nicht entgehen lassen." Deshalb ackert sie in Arbeitskreisen, deshalb verbringt sie ihre Nachmittage in sterbenslangweiligen Plenarsitzungen, Fraktionssitzungen, Ausschusssitzungen.

"Ich will noch etwas Generelles zum, äh, Generellen sagen", sagt der Genosse mit dem schütterem Haar im Sitzungssaal 101 des Leipziger Rathauses. Julia Bonk zupft nervös an ihrem Rock. Sie schaut zur Uhr. "So ein Mist", flüstert sie. "In einer halben Stunde fährt mein Zug."

Der ICE bringt sie in eine andere Welt – nach Dresden, wo sie Politik und Geschichte studiert, wo sie in einer WG wohnt und wo auch ihr Freund lebt, über den sie nicht sehr viel mehr sagen will, als dass er sich ebenfalls in der Linkspartei engagiert. An der TU Dresden weiß kaum jemand, dass Julia Bonk als Politikerin arbeitet. Hier ist sie "die Julia".

Die Vorlesung hat schon begonnen. Julia Bonk schleicht auf ihren Platz. Der Professor doziert über Christentum im Mittelalter. Die Studenten kauen an Kugelschreibern, nesteln in ihren Haaren, bauen Papierflieger. Julia Bonk macht sich Notizen. Sie verfolgt die Ausführung des Professors mit der gleichen Konzentration, mit der sie am Morgen die Ideen ihrer Parteifreunde zum "Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetze" verfolgt hat. "Es ist schwer genug, Studium und Beruf unter einen Hut zu bringen", sagt sie, "ich kann es mir nicht leisten, Zeit zu verschwenden."

13 Stunden dauert ein gewöhnlicher Arbeitstag im Leben der Julia Bonk. Er wird bestimmt von Terminen und Sitzungen. Dazwischen schreibt die Studentin Hausarbeiten und Klausuren. "Das Studium ist mir sehr wichtig. Ich fände es unerträglich, die nächsten 40 Jahre von der Politik abhängig zu sein."

2009 wählt Sachsen ein neues Parlament. Was, wenn Julia Bonk den Sprung in den Landtag dann nicht mehr schafft? "Kein Problem", sagt sie und lächelt, "dann such ich mir einen Job in Frankreich."



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