21 unter 21 Manuel Riemann, Torwart und Bayern-Schreck

Es war sein Flirt mit der Fußball-Geschichte. Manuel Riemann, 19, Torhüter von Wacker Burghausen, hielt im DFB-Pokal gegen die Bayern auch die unhaltbaren Bälle. Jetzt ist "Titan junior" auf den Geschmack gekommen: Abi? Später vielleicht, der große Fußball winkt!

Von Sebastian Christ


Da war auf einmal dieser Junge, an dem niemand vorbei kam. Ganz Fußball-Deutschland staunte, wie Manuel faustete, segelte, hechtete, einmal schoss er fast wie ein Torpedo knapp über die Grasnarbe hinweg, um einen harten Flachschuss zu parieren.

Vor dem DFB-Pokalspiel seines Klubs Wacker Burghausen gegen Bayern München am 6. August kannten Manuel Riemann nur die echten Experten der bayerischen Fußballszene. Doch nach seinen Paraden war das Interesse plötzlich riesig. Sogar Bayern-Manager Uli Hoeneß ließ sich die Telefonnummer des Nachwuchs-Torwarts geben, erzählt man sich in Burghausen. "Da steht einer im Tor, der hat einen Magneten im Handschuh", hatte Hoeneß schon vor dem Elfmeterschießen über Riemann gesagt.

Es ist schon verrückt, wie schnell es manchmal geht: Für Manuel reichte ein Pokalspiel mit Verlängerung, reichten 120 Minuten Kampf und ein Elfmeterschießen, in dem er zwei Elfmeter hielt und einen selbst versenkte - gegen Oliver Kahn. Der hielt aber auch zwei Elfer, und so ging das Spiel für Burghausen doch verloren, aber das war nachher gar nicht mehr so wichtig. "Es war perfekt, wie es war. Jetzt können wir uns auf die Saison konzentrieren", hat der nervenstarke Torhüter danach gesagt.

Die "Bild" nannte ihn "Titan Junior"

Aber so schnell geht das freilich nicht, nach solch einem Spiel. Plötzlich war Manuel bekannt, die "Bild" kürte ihn in Anlehnung an Oliver Kahn zum "Titan junior". Mit dem Torwart, an dem die Bayern-Stars fast verzweifelt wären, wollten alle sprechen. Auch Olli Kahn selbst, der vor dem Anpfiff noch unwirsch reagiert hatte. "Willst du mein Trikot haben?", fragte Kahn danach. Und dann hing es in der Umkleidekabine tatsächlich an Riemanns Platz.

Sein Klub fing an, ihn ein wenig abzuschirmen, sie hatten Angst, dass ihr Torwart sich vor lauter Interviews nicht mehr auf den Spielbetrieb konzentrieren kann. Manuel sieht den Rummel heute kritisch: "Natürlich ist es schön, wenn man so oft in den Medien erwähnt wird. Aber die anderen im Team sind gerannt, 120 Minuten lang, die haben Krämpfe gehabt, wussten teilweise nicht, wie sie vom Feld kommen sollten. Der ganzen Mannschaft gebührt Respekt. Nicht nur mir. Das ist ein wenig zu kurz gekommen."

Das soll bewusst bescheiden klingen. Wahrscheinlich, weil er wie automatisch die ganzen Lorbeeren für sein Team bekam, für die oberbayerische Amateurtruppe, die so tapfer gegen die Stars aus München kämpfte. "Natürlich war da dieser Adrenalinschub, nach 10 bis 15 Minuten. Wir haben gemerkt, dass da was geht", sagt Manuel - und schon wieder schließt er seine Mitspieler mit ein.

"Nach dem Spiel gab es viele, die auf mich zukamen, obwohl sie sich jahrelang nicht gemeldet hatten", sagt Manuel. "Ich weiß gar nicht, woher die auf einmal meine Nummer hatten. Das Geld für die SMS hätten sie sich sparen können. Ich habe alle Nachrichten von diesen Leuten sofort gelöscht."

Das Spiel seines Lebens ist jetzt mehr als einen Monat her. Manuel Riemann spielt in der Regionalliga, es ist seine erste Saison als Stammtorwart. Man spürt in jeder seiner Aussagen, wie er die Euphorie zügeln will.

Er redet über die Mannschaftsleistung seines Teams, darüber, dass er im letzten Spiel kaum einen Ball aufs Tor bekam. Nach sieben Regionalliga-Spielen stehen sie auf dem sechsten Platz, drei Siege, drei Unentschieden, eine Niederlage - und sechs Gegentore. Das könnte besser sein, es ist klar: Er ist zurück im Alltag. Bayern, das war was Besonderes.

Vorbilder: Peter Cech und Großvater Hans

Was an Manuel Riemann am meisten überrascht, sind seine kühlen, klaren Äußerungen. Nichts ist auswendig gelernt, wie bei so vielen Fußballern, die nichts preisgeben wollen oder können. Er redet in seiner eigenen Sprache, und er weiß sehr wohl, dass er nur mit seinem Team groß werden kann.

Es wirkt reichlich abgeklärt. Ob er Idole hat? "Früher mal Oliver Kahn", sagt er. "Aber jetzt, wo ich ins Profigeschäft einsteigen durfte, gibt es gar keine richtigen Idole mehr." Allenfalls Torhüter, die eine ähnliche Spielweise haben und von denen er vielleicht noch etwas lernen kann: Peter Cech etwa, der beim FC Chelsea im Kasten steht. So denkt jemand, der noch Größeres vorhat.

Sein ganzes Leben hat Manuel bisher in der bayerischen Provinz verbracht, wo Fußball so wichtig ist für viele Jugendliche. Beim TSV Ampfing hat er angefangen, da war sein Großvater Hans Humpa Jugendtrainer. Von ihm hat er am meisten gelernt, sagt er.

Überhaupt, wenn er von seiner Familie redet, dann wird er fast euphorisch: "Meine Familie hat mir immer Rückhalt gegeben." Seine Mutter, die ihn immer wieder ermutigte. Den Vater. Auch seine Freundin Tina, mit der er seit drei Jahren zusammen ist. Stopp, vielleicht hat er doch ein Vorbild: seinen Großvater eben, der ihn früher auf die Fußballplätze gefahren hat, der ihn anleitete. Ja, vielleicht ist er es.

In der C-Jugend wechselte Manuel nach Burghausen, spielte danach eine Zeit lang in Rosenheim, bis er schließlich wieder zu Wacker zurückkam. Hans Humpa, früher Bundesligaspieler bei 1860 München, war bei fast jedem Heimspiel seines Enkels live dabei.

Manuel Riemann hat die Schule noch vor dem Fach-Abi abgebrochen. Er will sich ganz auf den Sport konzentrieren: "Ich mache erstmal Fußball. Das Abitur kann ich später immer noch nachholen." Im Verein ist er mittlerweile die unumstrittene Nummer eins. In der Regionalliga Süd gehört der Zweitliga-Absteiger Wacker Burghausen zu den Favoriten auf den Wiederaufstieg.

Und was würde passieren, wenn jetzt plötzlich ein Angebot aus der Bundesliga käme? "In dieser Saison definitiv nichts", sagt Manuel. "Was danach kommt, das steht in den Sternen."



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