21 unter 21 Martin Matiske, schon sein halbes Leben DJ

Mit zehn komponierte er die ersten Songs am Computer, seine Freunde fanden's mäßig interessant. Martin Matiske blieb dran und fing an, in Europas Clubs aufzulegen - als Deutschlands jüngster DJ. Jetzt ist er 20, macht Elektropop und startet als Profi-Künstler durch.

Von Sebastian Christ


"Künstler" - ein schwieriger Begriff. Vor allem für Jugendliche: Eine Menge Klischees geistern über diese Leute durch die Gegend, alle irgendwo zwischen Wunderkindimage und drohendem Existenzcrash. Gut zu wissen, dass die meisten Klischees falsch sind. Denn es gibt kreative Jugendliche, junge Künstler, die sehr früh Karriere machen. Und gleichzeitig an etwas Besonderem arbeiten.

Martin bei der Arbeit: Raus aus der Insider-Ecke

Martin bei der Arbeit: Raus aus der Insider-Ecke

Martin Matiske ist gerade 20 Jahre alt geworden und kann bereits auf eine neunjährige Musikerkarriere zurückblicken. Der Münchner sagt über sich selbst, er sei "Komponist", viele seiner Stücke sind bereits auf CD erschienen.

Martin trägt ein weißes Hemd und eine Sonnenbrille, seine Wortwahl ist bewusst und äußerst sorgfältig. Er kann sehr lange und intensiv mit leicht nasaler Stimme über die Machart seiner Stücke reden. Ihrer Seele nachspüren. Auf manche mag das affektiert wirken. Doch wer sich darauf einlässt, der spürt schnell, dass genau darin Martins Stärke liegt.

Mit elf Jahren der jüngste DJ Deutschlands

Ein Stück, über das er so intensiv reden kann, hat Martin komponiert, als er gerade 18 Jahre alt war: "Japanese Science" heißt es - ein Elektro-Arrangement, das mit Cembalo-artigen Synthesizerklängen abhebt und dann mit rhythmischen Beats durch den Kopf zischt. Wer es einmal hört, dem geht es nicht mehr aus dem Ohr. Der Song entwickelt ein Eigenleben, er macht Lust auf Weltreisen und ferne Länder.

Entstanden ist das Lied an Martins Computer, in einem "ganz normalen Moment", wie er sagt - "ich fand es schon vor Jahren interessant, wie die Japaner an Robotik forschen". Und dann fängt er an, ein wenig zu träumen: "Es ist Sommer, man sieht kühle Bauwerke. Doch auch die Natur zwischen den Wolkenkratzern, die blüht und abstirbt. Es ist eine Mischung aus Natur und Technik. Das macht wohl den Charakter des Stückes aus."

Mit zehn hat er begonnen, seine ersten eigenen Songs am Computer zu komponieren. Damals noch für die Schublade, weil er Lust hatte, Musik zu machen: "Ich habe mich anfangs für manche Songs geschämt", sagt er. "Dann habe ich sie doch irgendwann meinen Freunden vorgespielt und mir gesagt: Hey, wenn du es jetzt nicht machst, dann machst du es nie."

Auflegen in Europas Clubs statt Hausaufgaben

Da war er elf. Die Begeisterung seiner Mitschüler hielt sich in Grenzen: "Die Leute in meinem Alter fanden das nicht so interessant, die haben sich eher für kommerzielle Musik interessiert."

In dieser Zeit legte er schon Platten auf und galt als der jüngste Diskjockey Deutschlands. Der Jugendschutz verhinderte damals noch, dass er auch am Abend auftrat - in die angesagten Clubs darf man frühestens mit 16. Da macht es auch keinen Unterschied, ob man vor oder hinter dem Plattenteller steht. Martin legte deswegen immer "im Vorprogramm" auf, also vor 22 Uhr.

Die Zeitungen begannen über ihn zu berichten. Er traf DJ Hell, einen der ganz Großen in der Elektromusik-Szene. Der fand gut, was Martin so machte - und einige Zeit später kam auf dessen Label "Gigolo" Martins erste CD heraus. Martin war gerade 14, seine DJ-Karriere entwickelte sich: Er trat in Prag auf, in Wien und Barcelona, natürlich immer wieder in deutschen Clubs. Er war immer noch ein Teenager. Und die Schule?

Das habe immer gut zusammen gepasst, sagt Martin: "Das eine war für mich wie ein Ausgleich für das andere. Wenn man nur für die Schule lernt, ist das auch nicht gut." Seine Mitschüler haben den erfolgreichen Jung-Musiker nicht immer nur mit Bewunderung gesehen. "Es gab schon einige, die eifersüchtig waren. Sie wussten auch nicht, was ich genau mache, was ein DJ überhaupt macht. Die haben es nicht so kapiert. Ich bin viel herum gekommen und habe Leute kennen gelernt."

Für Martin geht es bei der Musik darum, etwas Neues zu schaffen. Er entwickelt sich und seinen Stil ständig weiter. Seine Musik höre sich jetzt eher nach Elektro-Pop mit Klassik-Elementen an, sagt er. Mittlerweile hat er in seine Soundteppiche auch Gesang eingeflochten. Martin will raus aus der Insider-Ecke, den Sprung von der Independent-Szene zum Massenpublikum wagen.

Film-Soundtrack, Musical, CDs - Martin startet durch

Seit einiger Zeit ist Martin nur noch DJ, sozusagen in Vollzeit. Die Schule hat er schon nach der zehnten Klasse beendet –irgendwann will er sein Abitur noch nachholen. Aber jetzt möchte er sich erstmal voll auf die Musik konzentrieren, "meine eigenen Talente fördern".

Martin Matiske (im Prager Club Roxy): "Einige Mitschüler haben nicht kapiert, was ich da eigentlich mache"
Martin Matiske

Martin Matiske (im Prager Club Roxy): "Einige Mitschüler haben nicht kapiert, was ich da eigentlich mache"

Es sieht gut aus für ihn - auch dank des Liedes "Japanese Science". Regisseur und Grimme-Preisträger Klaus Lemke hatte das Stück gehört und war richtig begeistert. Lemke beauftragte Martin, den Soundtrack für seinen neuen Film zu gestalten. Außerdem komponiert Martin sein erstes Musical, eine Auftragsarbeit. Einige CDs sind in Arbeit, auch an seiner Live-Show feilt Martin zur Zeit.

Der Plan: Profi-Musiker sein. Ohne Wunderkind-Getue, ohne Existenzcrash. "Ich weiß nicht, wo die Reise hingeht, aber sie wird weiter gehen", sagt Martin. "Ich bin gerade dabei, mir die Sachen zurechtzurücken." Martin ist jung - und, das kann man so sagen, ein Künstler.



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