21 unter 21 Pauline Renk, Geigerin mit zarten Tönen

Den Mitschülern war ihr Talent fremd, den Lehrern oft egal. Pauline Renk, 19, übte trotzdem emsig. Und wurde mit einem grandiosen Sommer belohnt: Abi geschafft, bei "Jugend musiziert" gewonnen, ein Platz an der Musikhochschule - jetzt spielt sie die erste Geige.

Von Jochen Brenner


Manchmal kann sie es noch nicht glauben. Dass sie jetzt einen Platz an der Musikhochschule hat und eine Wohnung, mit dem Fahrrad durch diese Stadt fährt. Hamburg war ein ganzes Teenagerleben lang ihr Traum. Jetzt hat Pauline Renk ihn wahr gemacht.

Auf dem Weg dorthin standen Hürden. Unvermeidbare, wie das Abitur. Alles entscheidende, wie die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule. Selbst gewählte, wie die Wettbewerbe. Und dann: war das Abitur ein Durchmarsch, die Aufnahmeprüfung nach zehn Minuten geschafft, beim Bundeswettbewerb von "Jugend Musiziert" gewann sie im Trio den ersten Preis. 2007, das kann man sagen, war für Pauline Renk ein Erntejahr.

Mit drei hat sie ihre erste Geige in der Hand

Pauline vor 16 Jahren: Als sie mit dem Geigespielen beginnt, ist sie drei und wohnt mit ihren Eltern in Berlin. Suzuki-Methode heißt der Unterricht, bei dem die ganz Kleinen in der Gruppe zusammenspielen, ohne Notenlesen oder Metronom. Einfach fiedeln. Wenig später zieht die Familie nach Neumünster, von der Großstadt Berlin nach Schleswig-Holstein, in die Provinz. Felder, flaches Land, weit und breit keine Philharmonie.

Pauline schafft es trotzdem. Oder deswegen? Das Leben auf dem Land beschert ihr nicht von Anfang an die besten Lehrer, aber auch wenig Ablenkung. Die Geige wird zu ihrem ständigen Begleiter.

Sie kommt in das Alter, in dem alles Dagewesene auf dem Prüfstand steht - sie probiert andere Sachen aus: Turniertanzen, Standard und Latein. "Mit 15 stand die Sache mit der Musik auf der Kippe", sagt sie heute. Was den Ausschlag gab, bei der Geige zu bleiben? Sie weiß es nicht, glaubt aber, dass ihr die verloren gegangene Übungszeit von damals heute fehlt: "Ich muss mich ein wenig ranhalten."

Pauline wird ins Landesjugendorchester Schleswig-Holstein aufgenommen, zwei Jahre später spielt sie die erste Geige, sie ist Konzertmeisterin. Mit 17. Sie hat sich für die Musik entschieden. Vielleicht hat ihre Mutter ein wenig nachgeholfen: "Das Probespiel für die Konzertmeisterstelle war ihre Idee", sagt Pauline. "Allein hätte ich mich nie getraut."

Es ist auch die Mutter, die ihr vorschlägt, den Lehrer zu wechseln - Pauline hat noch Luft nach oben. Ihre Mutter ruft den Konzertmeister des NDR-Symphonieorchesters an und bittet um eine Audienz. Pauline trifft den Meister aber allein.

"Ich bin ein wenig zornig auf die Lehrer"

Ihre Eltern, vor allem die Mutter, haben für sie Kontakte geknüpft, ihr ein tolles Instrument geschenkt: Ein Nachbau, Guarneri - fast wie eine Stradivari, teuer und gut.

Dass sie von der Musik leben will, hat Pauline in der Schule für sich behalten. Lieber hat sie sich unauffällig durch den Biologie- und Englisch-Leistungskurs geackert und die Musik in die Nachmittags-, Wochenend- und Ferienwelt verlagert. Ihr sei immer beides wichtig gewesen, sagt sie, "vielleicht mache ich später auch noch was anderes" - Medizin fände sie gut. Aber wenn Musik und Schule doch mal kollidierten, blieb ihr Platz im Klassenzimmer leer, zum Unmut der Lehrer. "Ich bin ein wenig zornig auf die Lehrer", sagt Pauline heute, "die haben nicht kapiert, dass die Musik für mich sehr wichtig ist. Vielleicht war es aber auch meine Schuld: Ich war zu zurückhaltend."

Im Moment, zwischen Abi und Semesterbeginn, übt sie vier Stunden am Tag, "es können auch mal sechs sein" - sie lacht dabei, streift die blonden Haare aus dem Gesicht. Auch im Café sitzt sie so aufrecht, als hielte der Dirigent schon die Arme in der Luft.

Pauline träumt davon, beim NDR-Symphonieorchester zu spielen. Oder bei den Berliner Philharmonikern. Dann säße sie in der Geigengruppe und spielte einfach mit. Das Tolle am Beruf des Orchestermusikers sei ja, dass man "durch die Gegend kommt und viele Leute kennen lernt". So sieht es Pauline, 19, die gerade von Neumünster nach Hamburg gezogen ist.

Natürlich macht sie sich auch mal Sorgen: "Es gibt so viele sehr gute Musiker, die keinen Job finden." Neben all der Vorfreude auf das Studium, die Kommilitonen und das gemeinsame Musizieren jagt es ihr machmal einen Schrecken ein, wie unberechenbar der Berufsstand Musiker sein kann.

Wenn Mitte Oktober ihr erstes Semester beginnt, schickt sie solche Gedanken vor die Tür. 2007 ist doch ihr Jahr. Abi, Bundespreis bei "Jugend musiziert", Aufnahmeprüfung. Alles hat in diesem Jahr, in diesem Sommer funktioniert - warum sollte es nicht einfach so weitergehen?

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.