21 unter 21 Philipp Hein, Flottwortführer mit Lampenfieber

Wie man jemandem elegant ins Wort fällt, weiß Philipp Hein genau. Und wie man brillant eine Meinung vertritt, die nicht die eigene ist. 60.000 Schüler machten mit bei "Jugend debattiert" - keiner argumentierte so flott, prägnant, überzeugend wie der 16-Jährige aus Lübz.

Von Daniel Kastner


Der quietschgelbe Zug ist kaum länger als ein Stadtbus. Vor Waldwegen tutet er. Die Zeitungen im einzigen Abteil sind von gestern, die Bahnhöfe heißen "Kratzeburg" oder "Klockow". An manchen hält der Zug nur bei Bedarf. Er fährt durchs tiefste Mecklenburg-Vorpommern, genauer: nach Lübz - eine Autostunde östlich von Schwerin, auf halbem Weg zum Müritzsee.

6000 Menschen wohnen in Lübz, es gibt eine Brauerei - und Philipp Hein, 16. Einen jungen Mann, der sich sehr gut auf das versteht, was zum Kern einer Demokratie gehört: die offene Debatte.

Philipp geht in die elfte Klasse des Eldenburg-Gymnasiums in Lübz, im Sommer hat er den Wettbewerb "Jugend debattiert" der Hertie-Stiftung gewonnen. Jedes Jahr lässt die Stiftung Jugendliche zum gepflegten Streitgespräch aufeinander los. Damit es junge Leute gibt, die Spaß daran haben zu debattieren und merken, wie kraftvoll das Wort ist.

Der Meisterdiskutierer aus Mecklenburgs Peripherie

Philipp kommt jeden Morgen mit dem Fahrrad oder Bus aus Broock, einem 400-Einwohner-Flecken fünf Kilometer entfernt. Wenn er bis nach 16 Uhr in der Schule sitzt und anschließend kein Bus mehr fährt, holt ihn seine Mutter mit dem Auto ab. Sie leitet einen privaten Postdienst in der Region, der Vater sitzt im Vorstand einer Handelsgenossenschaft.

Auf dem kleinen elterlichen Hof mäht Philipp zum Ausgleich vom Schulstress den Rasen - oder füttert die Tauben seiner Oma. Großstädte mag er nicht: "Die Autos und der Lärm, da würde ich mich nicht wohlfühlen."

Im Sommer, da war er mal in der Großstadt, in Berlin. Er hat beim Finale des Jugend-debattiert-Wettbewerbes über die Frage diskutiert, ob Anglizismen in der deutschen Sprache gesetzlich verboten gehören. Philipp stand vorn, auf der Bühne, im großen Sendesaal des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Bundespräsident Horst Köhler saß in der ersten Reihe, und Philipps Widersacher führten auch ein flottes Wort.

Eigentlich ist Philipp ja tatsächlich dafür, englische Ausdrücke einzudämmen. Aber beim Wettbewerb in Berlin musste er das Gegenteil vertreten. In der Debatte ist die persönliche Meinung der vier Teilnehmer nicht so wichtig. Hier siegt, wer seinen Standpunkt am besten verkauft – mit treffenden Argumenten, aber auch mit schönen Worten. Geht die Konstellation von zwei Pro- und zwei Contrarednern nicht auf, wird halt gelost.

Manuskript, Spickzettel - alles verboten

Philipp ist genau das passiert: "Ich hatte das Pech, mich am Abend vor dem Finale noch umentscheiden zu müssen", sagt Philipp. Plötzlich sollte er gegen die Eindämmung von Anglizismen argumentieren. Die Recherche, seine Argumentationskette, vor allem die Eröffnungsrede – alles für die Katz. In wenigen Stunden musste Philipp seine Strategie über den Haufen schmeißen und sich in die Gegenseite hineindenken.

Dann kam das Lampenfieber. Philipp ist zwar für sein Alter ein echter Rede-Profi. Aber kurz, bevor es ernst wird, flattern ihm immer noch die Nerven. Jeder Teilnehmer musste zwei Minuten lang seinen Standpunkt darlegen - ohne Manuskript, selbst Spickzettel sind verboten. "Wenn diese Rede geschafft ist", sagt Philipp, "bin ich immer ziemlich locker." In der anschließenden Debatte half ihm das. In Zweierteams diskutierten die Schüler fast eine halbe Stunde lang, danach zog jeder einzeln Bilanz.

Vermutlich sorgte das Lampenfieber nur für die nötige Konzentration - am Ende stand Philipp als der strahlende Sieger da, die Juroren sahen ihn vorn. Horst Köhler überreichte die Urkunde, der Rest war Applaus.

Aber was unterscheidet einen mittelmäßigen von einem brillanten Debattenredner? Er muss sich gut ausdrücken und andere überzeugen können, er muss auf sein Gegenüber eingehen – und vor allem muss er wissen, wovon er spricht. Philipp lernte das zuerst von seiner Englischlehrerin. Sie interessierte sich für den Debattier-Wettbewerb, tat sich mit ein paar Kollegen zusammen, sie traten dem Netzwerk der Hertie-Stiftung bei.

Jede Netzwerk-Schule darf am Wettbewerb teilnehmen: Die Stiftung schult die Lehrer, die dann ihren Schülern das Debattieren beibringen. Die Sieger der Klassen- und Schulwettbewerbe besuchen weitere Seminare.

In der Freizeit führt er Touristen durch sein Städtchen

Dort lernte Philipp, wie man dem Gegenüber höflich ins Wort fällt, wenn der "absoluten Nonsens" redet. Er analysierte Edmund Stoibers berüchtigte Transrapid-Rede ("Sie steigen in den Hauptbahnhof ein!") - als Beispiel für einen rhetorischen Totalschaden. Und er kam immer weiter, Runde für Runde. In den Vorrunden hat er sich gegen insgesamt 60.000 Konkurrenten durchgesetzt.

Wenn Philipp spricht, dann legt er ein beachtliches Tempo vor. Vielleicht treiben ihn seine vielen Verpflichtungen zur Eile? Im Oktober debattierte er wiederum auf Einladung des Bundespräsidenten über das Thema "Wahlrecht ab Geburt" im Schloss Bellevue in Berlin, im November in Schwerin über die Benotung von Lehrern durch ihre Schüler. An seiner Schule mischt Philipp im Schülersprechergremium mit, nebenbei ist er Geschäftsführer einer Schülerfirma, die Touristen durch sein Städtchen Lübz führt. Jüngeren Schülern würde er gern das Debattieren beibringen. Und sonst? "Außerdem bin ich noch Schüler."

Sieben Hauptfächer belegt Philipp, darunter Physik, Chemie und Biologie – nicht gerade Disziplinen, die begnadete Redner hervorbringen. Bis er sein rhetorisches Talent entdeckte, wollte Philipp Arzt werden.

Jetzt bemüht er sich erstmal um ein Praktikum im Bundestag - vielleicht stellt er sein Redetalent bald auch einer Partei zur Verfügung. Welcher er nahe steht, weiß er noch nicht. Oder sagt es nicht. Eins ist aber klar: Philipp ist "absolut gegen Rechts".

Bei der Bundeszentrale für politische Bildung hat er sich die Programme der großen Parteien bestellt. Er sagt: "Ich habe gelernt, mich erst zu informieren und dann zu reden." Wie viele erwachsene Politiker beherrschen diese Regel eigentlich?



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