21 unter 21 Sabrina Cieplik, Gewerkschafterin mit linker Klebe

Müssen Gewerkschafter langweilig sein? Sabrina Cieplik, 21, steht für ihre Überzeugungen ein. Als Azubi arbeitet sie im Betriebsrat mit, kämpft für Mindestlöhne und gegen Sozialreformen auf dem Rücken der kleinen Leute. In der Freizeit bringt sie Kindern Kickboxen bei.

Von Daniel Kastner


Eine wie Sabrina Cieplik, sollte man denken, ist mit der gereckten Faust der Arbeiterin schon durch den Kindergarten gestolpert. Nach dem Abi ging sie nicht zur Uni, sondern machte eine Ausbildung. Sie ist halt Arbeiterin.

Alle hätten darauf gewettet, dass sie der Gewerkschaft beitritt, als sie im Herbst 2004 beim Kölner Energieversorger RheinEnergie anfing: Ihr Vater ist schließlich selbst Betriebsrat. Daheim im Grevenbroicher Sportverein bringt Sabrina Kindern Kickboxen bei, in der Kirche organisiert sie die Stadtranderholung mit. Im Gymnasium – erste Fremdsprache: Latein – hat sie eine Klasse übersprungen.

Die einzige, die das alles nicht so klar findet, ist Sabrina selbst.

"Aus Überzeugung" sei sie Verdi beigetreten, sagt sie. Aber der Grund klingt so banal wie einleuchtend: "Die haben mir erklärt, was sie machen, und das fand ich gut."

Die Azubi-Kollegen sind argwöhnisch

Zwei Monate nach ihrem Ausbildungs-Start standen die Wahlen zur Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) an. Sabrina kandidierte - und wurde gewählt. Jetzt stand sie mit einem Bein im Betriebsrat, dem die fünf JAV-Mitglieder angeschlossen sind. Und so saß das hellblonde Mädchen mit den schmalen Schultern plötzlich zwischen gestandenen Anlagenbauern und Elektrotechnikern und sollte mitentscheiden, was gut ist für die 160 Auszubildenden bei RheinEnergie.

An Spott oder Argwohn der Mitglieder gegenüber der Jüngsten erinnert sich Sabrina nicht - eher an die Sprüche ihrer Azubikollegen. Die JAV-Leute säßen vor allem beim Kaffee und genössen ihre Privilegien, hieß es. Spätestens da hat Sabrina Diplomatie gelernt. Sie sagt Sätze wie: "Das hat mich nur noch mehr angespornt, meine Arbeit vernünftig zu machen." Oder: "Ich war froh, dass die Azubis mir ihr Vertrauen entgegen gebracht hatten, diese Aufgabe zu meistern."

Sie hat für íhre Kollegen einen Raucherraum erstritten - nicht ganz uneigennützig, wenn man selbst raucht, aber vor allem ging es ihr darum, "dass die Azubis im Winter nicht draußen in der Kälte stehen müssen".

Sabrina protestiert, wenn bei Neueinstellungen die Frauenquote unterschritten wird oder Behinderte mit gleicher Qualifikation keine Chance bekommen. Sie kämpft für das, was gut klingt, den Entscheidern aber oft ein Klotz am Bein ist.

Sie setzt sich ein für den Mindestlohn, für eine solidarische Gesellschaft und gegen Sozialreformen, die "auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen werden". Hartz IV, sagt sie, sei "der Weg ins Nichts, ein absteigender Ast". Die Urheber des Gesetzes hätten da eine "falsche Denke".

Das Betriebsverfassungsgesetz kennt Sabrina genau: "Meine Rechte stehen so ab Artikel 70 da drin." Diese Dinge lernt sie auf Gewerkschafts-Seminaren in der symbolträchtigen Ruhrpottstadt Hattingen - einst Bergbauhochburg, dann Opfer des Strukturwandels und Schauplatz bitterer Gewerkschaftskämpfe. Heute schult der DGB dort seine Mitglieder. Sabrina ist oft in Hattingen.

Die Leute schreien sie an, wenn sie den Strom abklemmt

Trotz wöchentlicher, monatlicher und quartalsweiser Gewerkschaftssitzungen hat sie ihre Ausbildung zur Elektronikerin für Betriebstechnik durchgezogen. Das sind die Leute, die zum Beispiel an Umspannwerken herumschrauben. Die mit Starkstrom hantieren. Durchschnittliche Glühbirnenwechsler mögen das für einen gefährlichen Job halten. Sabrina winkt ab: "Wenn man aufpasst, endet man nicht als Häufchen Asche."

Manchmal muss sie auch nur einen Stromzähler wechseln. Oder die Leitung abklemmen, wenn jemand seine Rechnung nicht bezahlt und den Strom vom Nachbarn abzweigt. Dann kann es mal unangenehm werden, gerade für eine, die mit den Herzen bei denen ist, die sich den Strom nicht leisten können. Bisher ist Sabrina höchstens angeschrien worden.

Bevor jemand handgreiflich wird, sollen die RheinEnergie-Mitarbeiter lieber das Feld räumen. Dann übernimmt die Rechtsabteilung. "Am angenehmsten ist es, wenn einer nicht zu Hause ist. Dann geht man mit dem Hausmeister in den Keller, montiert den Stromzähler ab und geht", sagt Sabrina.

Natürlich gibt's auch im Betrieb mal Ärger, gerade bei den Azubis. Vieles davon landet im Meckerkasten in der Werkstatt - und damit bei Sabrina. Was es konkret ist, sagt sie nicht. Dies und das halt. Sie hat ja Diplomatie gelernt. Lieber erzählt Sabrina von den angenehmen Seiten der Gewerkschafts-Arbeit. Vom schicken Verdi-Wagen, der diesen Sommer erstmals beim Kölner Christopher Street Day mitfuhr. Coole Sache.

Sabrina, die Graswurzel-Gewerkschafterin

Für das, was andere Freizeit nennen, hat Sabrina kaum Zeit. Das wird sich erst ändern, wenn sie bald doch noch zur Uni geht und an der RWTH Aachen studiert, die sich seit kurzem Elite-Uni nennen darf. Sie finanziert das Studium mit einem Stipendium ihres Arbeitgebers und einem kleinen Zuschuss der Hans-Böckler-Stiftung. Sie setzt auf ihre Ausbildung den Master in "Power Electrical Engineering" - früher hieß das mal: Diplomingenieur Elektrotechnik.

"Dann muss ich zwar raus aus der Auszubildenden-Vertretung. Aber ich bleibe Ehrenamtliche bei Verdi", sagt Sabrina. Nach dem Studium will sie zurück in die Branche. Dann wird sie nicht mehr Stromdieben die Kabel abklemmen, sondern selbst Anlagen planen und entscheiden, wo Leitungen verlaufen. Eine Karriere bei der Gewerkschaft einschlagen, berufsmäßig für die Arbeiter kämpfen? Will sie nicht. "Dann wäre ja das ganze Studium für die Katz."

Vielleicht ein Einstieg in die Politik? Beck, Gysi, Nahles - wer ist das schon? Sabrina macht ein Gesicht wie eine Kanzlerin, die gerade eine Kröte geschluckt hat. "Nee", stößt sie hervor. "Gesellschaftspolitische Arbeit", sagt sie, mache sie lieber im Betrieb. Sabrina ist die Graswurzelkämpferin, geradezu bescheiden. Falls sie in den nächsten Jahren doch in der Politik Karriere macht, dann wieder einfach so. Weil sie das gut findet.

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