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16. Oktober 2007, 20:42 Uhr

28 Jahre illegaler Unterricht

Mein Kind geht auf die Geheimschule

Von und Jan-Philipp Hein

Sie misstrauten dem Staat - darum tricksten Bremer Eltern fintenreich die Behörden aus und betrieben eine illegale Geisterschule. 28 Jahre lang. Jetzt flogen sie auf, die Aufregung ist groß, die Strafe gering: Den Kindern hat's offenbar nicht geschadet.

Im Bremer Steintor-Viertel zwischen Innenstadt und Weserstadion kennt man sich. Die Straßen sind schmal, die Häuser stehen eng. Beim Bäcker begrüßen die Menschen einander mit dem Vornamen. Die eine Hälfte der alten Bürgerhäuser ist schick und geputzt, die andere bunt angemalt. Dazwischen Cafés, Restaurants, Kneipen, Bars, Öko-Läden, Boutiquen.

Illegale Schule am Körnerwall: Ein Paralleluniversum
DPA

Illegale Schule am Körnerwall: Ein Paralleluniversum

Und eine illegale Schule.

Mittendrin, in einer weißen Villa, gab es bis zum Mai dieses Jahres eine Grundschule, von der die Bremer Bildungsbehörde nach eigenen Angaben nichts wusste. Und zwar seit 1979, also fast drei Jahrzehnte. Links-alternative Eltern gründeten damals einen Verein für eine Kombination aus Kindergarten und Grundschule. Den Kindergarten gibt es heute noch: "Picobello" am Körnerwall.

Die Eltern, in der Mehrzahl Akademiker, trauten dem staatlichen Schulsystem nicht. Sie zogen ihr eigenes Ding auf. Es gab Diskussionen und politische Querelen, genau wie heute - und die ganze Zeit über wurden Grundschulkinder am Körnerwall unterrichtet. Am Ende wollten die Eltern ihr Projekt als Schule anerkennen lassen. 1993 gründeten einige von ihnen die "Bremer Kinderschule", heute eine staatliche Schule. Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können.

Aber es ging noch einmal 14 Jahre lang weiter. Neben der nun anerkannten "Bremer Kinderschule" blieb auch die rebellische Zwergschule bestehen. Denn einige Eltern fanden, jede Zusammenarbeit mit dem Staat verwässere ihr pädagogisches Konzept. Also wurde das Wissen um das Schülchen am Körnerwall von Eltern zu Eltern im Steintor-Viertel weitergegeben, wie das Rezept eines Zaubertranks. Bis im vergangenen Jahr die Luft immer dünner wurde, weil die Behörden ihnen langsam auf die Schliche kamen und auch in den eigenen Reihen Eltern vorschlugen, lieber den offiziellen Weg zu gehen.

"Wir wollten die Eltern nicht in Handschellen abführen"

Erst im Februar erfuhr der damalige Bildungssenator Willi Lemke (SPD) laut Bildungsbehörde, dass es die Schule gibt. Nach den Meldungen der vergangenen Tage geschah dies angeblich durch das Abgleichen von Meldedaten zwischen Niedersachsen und Bremen, tatsächlich gab es aber wohl einen Informanten aus dem Umfeld der Schule.

"Damit wir die Eltern nicht in Handschellen abführen müssen", habe er dann versucht, zusammen mit den Eltern einen positiven Weg in die Zukunft finden, sagte Lemke heute in einer aktuellen Stunde der Bremer Bürgerschaft. Das Ergebnis des Mediationsverfahrens: Die zuletzt noch acht Schüler der Zwergschule wurden geräuschlos auf reguläre Schulen verteilt. Die Eltern mussten ihre Tricks offen legen, zahlten eine Art Bußgeld von 200 Euro pro Kopf, das sie an Kinder- und Jugendeinrichtungen spendeten.

Verkehrssünden können bisweilen teurer sein. Im Übrigen vereinbarte man Stillschweigen. Das dürfte auch im Interesse von Willi Lemke gewesen sein, denn in Bremen wurde im Mai eine neue Bürgerschaft gewählt - und die Geisterschule wäre für CDU und FDP ein hübsches Thema im Wahlkampf gewesen.

Wieso die geheimen Schüler nie auffielen - und wie die Eltern das System austricksten

Nach der Wahl wurde Willi Lemke Innensenator, Renate Jürgens-Pieper (SPD) aus Niedersachsen trat als neue Bildungssenatorin an. Sie habe beim Amtsantritt wohl keine Leiche im Keller haben wollen, mutmaßte Anwalt Matthias Westerholt heute im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er vertritt die Eltern rechtlich und sagt, die Eltern hätten "schon vor Beginn des Mediationsverfahrens damit begonnen, einen neue, offizielle, private Schule zu gründen". Der Versuch scheiterte indes, die Behörde lehnte den Antrag ab. Dagegen klagten die Eltern, das Verfahren ist noch nicht entschieden. Und am vergangenen Freitag kam alles an die Öffentlichkeit.

"Wir waren da - es hat sich gelohnt"

14 Jahre sei man vom Verein, von den Eltern betrogen worden, sagte Jürgens-Pieper schon am Freitag. Heute griff sie die Eltern bei der aktuellen Stunde erneut scharf an: "Diese Menschen haben ein anderes Staatsverständnis, sie unterlaufen die staatliche Schulpflicht." Über die Qualität des Unterrichts sagte die Senatorin nichts, warf den Eltern aber vor, mit ihrer Geister-Schule einem "elitären Anspruch der Entmischung" hinterher zu hängen.

Für die Kinder war das Lernen im Geheimen offenbar ein Glücksfall: Ihre Schulklassen waren winzig, sie lernten altersübergreifend, spielerisch. "Die haben sich wahnsinnig viel Mühe gegeben und eine gute Schule betrieben", sagt Robert Bücking. Auch der grüne Bürgermeister des Steintor-Viertels behauptet, er habe erst jetzt von der Existenz erfahren, kann sich ein breites Grinsen aber nicht verkneifen.

In ihrer späteren Schulkarriere fielen die Geheim-Schüler nicht besonders auf. Im Gegenteil: Als die Geschichte der Schule am Freitag bekannt wurde, trommelte der Trägerverein "Freie Schule Bremen" ehemalige Schüler zusammen. Sie verfassten eine Erklärung. Überschrift: "Wir waren da - es hat sich gelohnt."

Darin outen sich 25 ehemalige Schüler der Zwergschule sowie 33 Eltern. "Wir sind bis heute der Überzeugung, dass wir auf keine bessere Schule hätten gehen können", schreiben sie. Die Schule habe "Interesse und Spaß am Lernen erweckt" - "niemand wurde übersehen, wir alle konnten das Schulleben mitgestalten". Dass die Schule illegal war, wussten alle: "Natürlich" war das so, schreiben sie, denn "eine Genehmigung hätte es damals nicht gegeben".

Weil es keine Akten oder Zeugnisse gibt, kann niemand präzise sagen, wie viele Schüler die Zwergschule besuchten. In den vergangenen 14 Jahren seien es "um die 200" gewesen, sagt Anwalt Westerholt: "Viele Leute, die früher mal auf der Schule waren, sind einfach nicht mehr aufzufinden. Das war ein sich selbst tragendes System."

Elf verschiedene Wege, die Behörde hinters Licht zu führen

Damit es weiter trug, tricksten die Eltern. Uwe Lange ist so ein Trickser - und macht keinen Hehl daraus, "geflunkert" zu haben. Als er seine mittlerweile elfjährige Tochter nach der Grundschule auf die staatliche Gesamtschule schickte, wo sie heute eine gute Schülerin ist, habe er der Behörde gegenüber angegeben, sie sei zuvor an einer niedersächsischen Privatschule gewesen. So genau habe dann keiner mehr nachgefragt.

So oder ähnlich lief das wohl in allen Fällen. Die Eltern zählten im Moderationsverfahren elf Wege auf, wie sie den Behörden ein Schnippchen schluegn: Kinder wurden an Privatschulen auch in Berlin und anderswo in der Republik angemeldet. Manchmal täuschten die Eltern einen Auslandsaufenthalt vor. Oder sie meldeten die Kinder zum Schein an einer Bremer Schule an, um sie gleich danach wieder abzumelden.

Wenn die Kinder auf eine weiterführende Schule kamen, zeigten die Eltern keine Zeugnisse vor - es gab ja keine. Wollte es jemand genauer wissen, gingen sie halt zur nächsten Schule. Meist wurde nicht so genau hingeschaut. 14 Jahre lang. Auch die Nachbarn im Viertel wurden nicht argwöhnisch: Im gleichen Haus gab es ja einen Kindergarten; viele hielten die Schule für eine Dependance der 1993 gegründeten "Bremer Kinderschule".

Und jetzt? "Die Solidarität hier in Bremen ist groß", sagt Anwalt Westerholt. Viele Menschen hätten eher Sympathien mit der Schummel-Schule als mit den Behörden. Dass die Eltern noch Erfolg haben mit der Gründung einer weiteren legalen Schule, hofft Westerholt zwar. Aber Karla Götz, Sprecherin der Bildungsbehörde, glaubt nicht daran: Es gebe ja bereits die "Bremer Kinderschule" mit einem ähnlichen pädagogischen Ansatz - und bei der Gründung von Privatschulen sei immer das pädagogische Konzept entscheidend. Nicht die äußeren Umstände.

Nicht einmal bei einer Geisterschule.

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