Pisa-Gewinner Japan Glanz im Mittelfeld

Bei der internationalen Pisa-Studie schnitten japanische Schüler hervorragend ab - doch die Ergebnisse kollidieren mit Japans tristem Schulalltag, der geprägt ist von Lerndruck, mechanischem Pauken und Prüfungsangst. Inzwischen bröckelt die Schuldisziplin.


Da staunt selbst das japanische Kultusministerium: Dass Nippons Schüler bei der jüngsten OECD-Bildungsstudie derart brillant abschneiden würden, hätte er nicht erwartet, erklärt Yukihiko Nunomura, Leiter der Lehrplan-Abteilung im Tokioter Ministerium. "Unser Schulsystem ist offenbar besser als sein Ruf."

Wie Roboter kommen sich auch manche Schüler in Japan vor - und verweigern sich dem Lerndruck
AP

Wie Roboter kommen sich auch manche Schüler in Japan vor - und verweigern sich dem Lerndruck

Auch Japans Medien horchen auf. Berichten sie sonst nicht ständig über "Gakkyu Hokai" - den Zerfall der Disziplin an den Schulen? Über "Ijime" - brutale Hänseleien, mit denen sich gestresste Schüler oft gar gegenseitig in den Selbstmord treiben? Oder über "Juken Jigoku" - die berüchtigte Prüfungshölle? Die triste Realität des japanischen Schulalltags wird durch die OECD-Studie allerdings nicht widerlegt. Zwar schnitten Nippons Schüler in Mathematik sehr gut ab, sagt Professor Mamoru Kaneko von der Universität Tsukuba bei Tokio. Das sei aber kein Wunder, denn die Kinder würden seit der Grundschule gedrillt, schriftliche Aufgaben zügig zu lösen. "Doch wenn sie selbst Texte verfassen sollen, müssen viele Schüler passen." Besonders schlecht sind die jungen Japaner in Fächern, in denen es auf Fähigkeit zum individuellen Ausdruck ankommt. In den Geisteswissenschaften könnten viele Studenten keine eigene Meinung äußern, klagt Historiker Toru Takenaka von der Universität Osaka. "Die meisten haben nur ihr schmales Prüfungswissen parat." "Wenn Schüler selbst Texte schreiben sollen, müssen viele passen" Alarmiert sind Nippons Pädagogen auch, weil jene fünf Prozent der Schüler, die laut OECD zur internationalen Spitzengruppe gehören, schlechter abschnitten als die Eliten anderer Länder. "Japanische Schüler glänzen vor allem im Mittelfeld", sagt Mitsuru Honda, der eine Oberschule in Yokohama leitet. "Doch Begabte werden nicht genug gefördert." Gerade die Förderung des Durchschnitts galt lange als Errungenschaft von Japans egalitärer Nachkriegsgesellschaft - einer speziellen Mixtur aus Sozialismus und Kapitalismus. Dank des sozialen Aufstiegs durch Bildung schaffen es rund 97 Prozent der Schüler auf die dreijährige Oberschule - zuvor besuchen sie erst sechs Jahre die Grundschule und drei Jahre die so genannte Mittelschule. Fast die Hälfte der Oberschulabsolventen wechselt auf die Hochschule. Um in höhere Schulstufen oder auf die Universität zu gelangen, muss Japans Jugend harte Prüfungen bestehen. An privaten Paukschulen, den "Juku", büffeln sie bis spät abends für Aufnahmetests. Die "Juku"-Lehrer sind für viele Schüler die eigentlichen Autoritäten. Dagegen genießen Pädagogen regulärer Schulen nur geringes gesellschaftliches Ansehen. Doch immer mehr Schüler verweigern sich dem Lerndruck: Laut Kultusministerium schwänzen pro Jahr über 130.000 Kinder für längere Zeit die Schule. Schon seit den achtziger Jahren debattieren die Japaner über eine Reform ihres Bildungssystems: Statt dem Westen - wie in frühen Wirtschaftswunderjahren - durch stures Pauken nachzueifern, müsse das gereifte asiatische Industrieland den Schwerpunkt stärker auf Kreativität legen, fordert vor allem die Wirtschaft. Daher kürzte das Kultusministerium das überfrachtete Lehrpensum und räumt Schulen größeren Spielraum ein: Statt den Unterricht stur an Lehrbüchern auszurichten, dürfen sie jetzt auch eigenes Material heranziehen. Um frischen Wind in die Schulen zu bringen, lässt Tokio zudem auch Nicht-Pädagogen als Schulleiter zu. Debatten über den richtigen Weg Die neue liberale Linie läuft jedoch den Wünschen vieler Eltern zuwider, die ihre Kinder vor allem für die standardisierten Eingangstests der Universitäten rüsten wollen. Zugleich wissen Lehrer und Schüler mit der ungewohnten Freiheit oft wenig anzufangen. Die Folge: Die ohnehin gelockerte Schuldisziplin bröckelt weiter. Die Krise der Schule spiegele gleichzeitig die Richtungslosigkeit der japanischen Gesellschaft wider, glaubt Historiker Takenaka. Das Bildungssystem, das die Landsleute einst für die Erfordernisse der industriellen Massenproduktion erzog, hat ausgedient. Doch über ein Nachfolgemodell im Zuge der Globalisierung fehlt der Konsens: Soll die Nation an ihrem egalitären System festhalten - wie linke Lehrergewerkschaften fordern? Oder soll Japan - wie die Industrie verlangt - die Eliteförderung verstärken - und damit die Errungenschaft der so genannten Mittelschichtnation praktisch opfern? Zumindest über ein Ziel sind sich die Japaner einig: In den kommenden 50 Jahren, verkündet die Regierung in Tokio, soll Nippons Bildungssystem insgesamt 30 Nobelpreisträger hervorbringen. Seit Bestehen des Preises erhielten erst 9 Japaner die begehrte Auszeichnung. WIELAND WAGNER Bei UniSPIEGEL ONLINE: Alle Beiträge zur Pisa-Studie und zu weiteren Schulthemen



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.