Unterrichtstests Lehrer und Eltern mosern über den Schul-TÜV

Lehrer stört der "Messwahn" - Eltern klagen, dass ihre Kinder nach Spülmaschinen, Bildern und Goethe-Büchern zuhause gefragt werden. Der Schul-TÜV, den viele Bundesländer gestartet haben, um den Unterricht zu verbessern, sorgt für reichlich Ärger.

Grundschüler in Leverkusen: "Nach den Diagnosen muss auch einmal etwas geschehen"
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Grundschüler in Leverkusen: "Nach den Diagnosen muss auch einmal etwas geschehen"

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Die Aufregung ist absehbar: Wenn morgen die Ergebnisse der Iglu-Studie und am 4. Dezember die der dritten internationalen Pisa-Studie präsentiert werden, dann wird in Windeseile eine neue Debatte darüber beginnen, wie gut Deutschlands Schüler im internationalen Vergleich dastehen.

Mittlerweile haben fast alle Bundesländer eine Art Schul-TÜV eingeführt, um die Probleme im Bildungssystem aufzuspüren. Das Procedere ist überall ähnlich. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel läuft es so ab: Zunächst bekommt jede Schule Post von einem Absender mit einem langen Namen, der "Agentur für Qualitätssicherung, Evaluation und Selbstständigkeit von Schulen" (AQS). Das ist eine selbstständige Organisation, die im Auftrag des Bildungsministeriums in Mainz arbeitet.

Einige Zeit nach dem Brief kommen die Prüfer persönlich in der Schule vorbei. Zuerst, um den Ablauf zu erklären - und dann, um Informationen von Schülern, Lehrern und Eltern zu sammeln und sich Unterrichtsstunden anzusehen. Alle Schulen im Land sind verpflichtet mitzumachen.

Lehrer haben oft gemischte Gefühle

Von Anfang an sammeln die AQS-Mitarbeiter eine Unmenge von Daten, die alle in den Abschlussbericht einfließen. "Grundsätzlich drehen sich alle Fragen um die Themen Unterrichtsqualität, Lernen und Schulleben", sagt AQS-Sprecherin Astrid Becker. Gut also, dass es den Schul-TÜV gibt?

Die Prüfer von der AQS sind nicht bei allen beliebt. Lehrervertreter haben oft eher gemischte Gefühle: "Grundsätzlich müssen wir uns als Lehrer den Spiegel vorhalten lassen", sagt Lehrerverbandschef Josef Kraus. Er sagt, es gebe einen "Messwahn" bei den Bildungsforschern - "wir leiden in den Schulen derzeit unter einer 'Testeritis'. Das schränkt die Bereitschaft ein, bei Evaluationen mitzumachen".

Viele Lehrer fürchten außerdem, dass schlechte Ergebnisse der Evaluation zur Hypothek in der eigenen Personalakte werden. Dabei geht es im Schul-Bewertungsgeschäft in Deutschland noch vergleichsweise kuschelig zu. In den Niederlanden haben Schulen nach einem schlechten Prüfprotokoll zwei Jahre Zeit, die Fehler abzustellen. Passiert nichts, machen die Behörden den Laden im Notfall dicht. Hierzulande ist an so etwas gar nicht zu denken. "Unser Fokus ist nicht die individuelle Lehrkraft, wir wollen der Schule eine Rückmeldung geben, die ihr hilft, sich als Organisation weiterzuentwickeln", sagt Astrid Becker.

Fragen nach Goethebuch und Spülmaschine

Neben den Lehrern haben auch manche Eltern ein schlechtes Gefühl, wenn sie an die AQS-Prüfer denken. Sie fürchten, dass ihre Kinder und sie ausgehorcht werden könnten: Ist dein Vater arbeitslos? Oder deine Mutter? Gibt es Bilder in der Wohnung deiner Eltern? Goethe-Bücher? Eine Spülmaschine?

Mit diesen Fragen wollen die Qualitätstester - angelehnt an Fragen aus der Pisa-Studie - etwas über den sozialen Hintergrund der Kinder herausbekommen. Und damit darüber, wie stark die Herkunft der Kinder die Bildungschancen bestimmt.

Für Kritiker sind das zu viele intime Details - doch Datenschützer winken ab, schließlich erfolge die Befragung anonym: "Wenn es personenbezogene Daten wären, wäre das nicht in Ordnung", sagt der Sprecher des rheinland-pfälzischen Landesbeauftragten für den Datenschutz, Klaus Globig. So, wie es jetzt ist, sei das Testverfahren in Ordnung. Die Eltern müssten noch nicht einmal zustimmen, weil die anonyme Befragung der Schüler im öffentlichen Interesse erfolge.

"Wir fanden das klasse", erinnert sich Simone Kinzig an ihre erste Evaluation. Sie ist stellvertretende Schulleiterin der Maximin-Schule im rheinland-pfälzischen Bitburg - und hat in ihrem Haus, einer Förderschule, schon einmal einen Schul-TÜV erlebt. Zunächst habe es zwar Diskussionen im Lehrerkollegium darüber gegeben, was mit den Ergebnissen der Unterrichtsbesuche genau passiert. "Als klar war, dass die Einblicknahmen anonym sind, war die Sache aber total entschärft."

"Vom Wiegen wird die Sau nicht fett"

Wenig später hätten dann schon die Prüfer von AQS in den Klassenräumen gesessen, bei den meisten Kollegen für 20 Minuten. "Die sind still reingekommen und still wieder rausgegangen", erinnert sich Kinzig.

Für Lehrerverbandschef Josef Kraus ist vor allem eines wichtig: dem ganzen Geteste müssen Taten folgen, "nach den Diagnosen muss auch einmal etwas geschehen." Es gebe in Deutschland nicht zu wenig Erkenntnisse oder zu wenig Tests und Studien, es müsse nur auch einmal gehandelt werden. Die Reformen - und nicht nur die Evaluationen - müssten weitergehen: "Allein vom Wiegen wird die Sau nicht fett."

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