Ab ins Ausland Zivildienst für Fort-Geschrittene

Gärtnern in Neuseeland, Wolle weben in Israel: Julian und Jimmy absolvieren ihren Ersatzdienst im Ausland und arbeiten mit Behinderten. Sie wollten eine Stelle, die sie weiterbringt. Die Plätze für den "Anderen Dienst" sind rar - nicht jeder Bewerber kommt zum Zug.

Von Julia Kloft


Jimmy verarbeitet Wolle. Die kommt direkt vom Schaf und muss gereinigt werden. Anaad hilft ihm, das behinderte Mädchen entfernt Äste und Filz. Rahn ist nicht so geduldig: Jimmy führt seine Hand zur frisch geschorenen Wolle, doch Rahn zieht sie wieder weg. "Weben ist eigentlich nicht schwer", sagt Jimmy. "Aber manche sind damit überfordert. Mein Workshop schießt etwas am Ziel vorbei." Er soll den Tastsinn der Behinderten fördern.

Seit zwei Monaten arbeitet Jimmy Schwerdt, 21, in einem israelischen Heim für geistig und körperlich Behinderte. Er kommt aus dem brandenburgischen Treuenbrietzen und hat sich statt für den normalen Zivildienst für den "Anderen Dienst im Ausland" entschieden.

Morgens steht er um 6 Uhr auf, weckt "seine" sieben Heimbewohner, wäscht sie, putzt ihnen die Zähne. Einigen wechselt er die Windeln. "Natürlich ist das bei Erwachsenen erstmal komisch, aber nach kurzer Zeit wird es ganz normal", erzählt Jimmy. Durch die Arbeit in Israel möchte er über den Tellerrand schauen: "Viele machen nur Zivildienst, weil sie es müssen, und bringen ihn möglichst schnell hinter sich. Ich wollte etwas machen, das mich weiterbringt."

Nicht nur ein Land angeben – Flexibilität ist wichtig

Rund 1000 deutsche Wehrdienstverweigerer leisten jährlich den "Anderen Dienst" ab. Über 100 Einsatzländer auf allen Kontinenten stehen zur Wahl. Doch bevor man ins Flugzeug steigt, ist viel zu organisieren: Der Weg ins Ausland läuft über die Bewerbung bei einem Trägerverein. Eine Liste anerkannter Träger steht auf der Homepage des Bundesamtes für Zivildienst. Die Projekte reichen von Hausmeisterjobs über den Aufbau einer Baumschule bis zur Arbeit mit Straßenkindern.

Je nach Aufgabe und Zielgebiet unterscheiden sich auch die Anforderungen der Organisationen. Jimmys Träger, der Verein zur Förderung heilpädagogischer Heime in Israel verlangt Englischkenntnisse, ein Praktikum mit Behinderten und die Bereitschaft, Hebräisch zu lernen. Einmal die Woche hat Jimmy Unterricht. Mit den jüngeren Mitarbeitern spricht er Englisch.

Generell gilt: Je früher man sich informiert und bewirbt, desto besser. "Ich habe mich gleich bei mehreren Organisationen beworben", erzählt Julian Mertens, 23, "so hatte ich am Ende Zusagen für drei Länder." Der Dortmunder machte seinen "Anderen Dienst" in Neuseeland, angesichts der wenigen Plätze "wie ein Lottogewinn". Sein Verein, die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners, hat keinen offiziellen Bewerbungsschluss.

Auch Julian hat in einer Einrichtung für geistig Behinderte gearbeitet. Dort kümmerte er sich um 13 Erwachsene, darunter Autisten, Leute mit Down- oder Prader-Willi-Syndrom. Die Arbeit mit den "guys" war vielfältig. Julian ging mit ihnen einkaufen, organisierte Ballspiele oder arbeitete im Garten. "Ich war eine Mischung aus Autoritätsperson und Helfer", sagt er, "das war die größte Herausforderung."

Neuseeland: Keyboardstunde mit einem Autisten

Sein schönstes Erfolgserlebnis war der Keyboardunterricht mit dem hochbegabten Autisten Marc. "Der spielt dir auswendig den Türkischen Marsch am Klavier vor." Julian spielt Keyboard, hatte aber nie unterrichtet – geschweige denn einen Autisten. "Marc wollte unbedingt Popsongs lernen. Wir haben dann Anfängerstücke wie 'Country Roads' gespielt. Ich bin immer superfroh aus der Stunde gegangen, wenn er wieder mal ein Lied hingekriegt hatte."

Das Problem am Anderen Dienst im Ausland: Es gibt mehr Bewerber als Dienststellen. So kommen bei der Aktion Sühnezeichen, einem der größten Träger, 400 Interessenten auf 160 Plätze für den Anderen Dienst und das Freiwillige Soziale Jahr.

Worauf achten die Vereine bei der Auswahl? "Teamfähigkeit, Flexibilität und Weltoffenheit sollte ein Bewerber bei uns definitiv mitbringen", sagt Johannes Zerger von der Aktion Sühnezeichen. Es ist ratsam, nicht auf einem Land oder Projekt zu bestehen. "Umgekehrt bedeutet allerdings die Bereitschaft für sieben Länder nicht, dass man automatisch ausgewählt wird."

In jedem Fall sollte man die Beweggründe der potenziellen Trägerorganisation kennen. Die Aktion Sühnezeichen achtet auf Interesse an Geschichte und der NS-Zeit. "Christ sein ist kein Kriterium, aber Offenheit für die Religion anderer ist unerlässlich, da die Aktion Sühnezeichen dort ihre Wurzeln hat", rät Zerger.

Noten spielen keine Rolle

Erfahrung im Sozialbereich ist dagegen nicht zwingend erforderlich: "Man muss nicht superengagiert sein, aber bereit zum Engagement." Natürlich hängen die Voraussetzungen auch vom Zielland ab. Wer nach Norwegen möchte, sollte mit Einsamkeit umgehen können. In Staaten wie Weißrussland oder der Ukraine sind Selbstständigkeit und Improvisationstalent gefragt.

Negativ gewertet wird vor allem, wenn das wichtigste Motiv des Bewerbers ist, günstig ins Ausland zu kommen. Die Verbesserung der Sprachkenntnisse kann als Motivation genannt werden, sollte aber auch nicht der Hauptgrund sein. Noten spielen übrigens keine Rolle, ebenso wenig das Abitur: Die Aktion Sühnezeichen versucht, auch Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss oder Berufsausbildung einzusetzen.

Auf die schriftliche Bewerbung folgt oft ein Auswahlseminar. Hier ist Authentizität entscheidend. "Sich zu verstellen bringt nichts", betont Zerger. "Deshalb sollte man auch in der Bewerbung bei der Wahrheit bleiben." Falsche Bescheidenheit ist allerdings ebenfalls fehl am Platz. Seine Fähigkeiten und Kenntnisse darf man ruhig betonen.

Generell erhöht seine Chancen, wer sich auch für weniger populäre Ziele interessiert. "Wegen der kritischen Lage in Israel sind viele Bewerber abgesprungen", erinnert sich Jimmy. "Dabei sehe ich hier, dass Moslems und Juden durchaus spannungsfrei miteinander leben können." Unter den Volontären sind auch Muslime und Christen. Das Essen ist anthroposophisch: Fisch gibt es in allen Variationen. Weihnachten feierte Jimmy in Deutschland. "Da gab es zum Glück ganz viel Fleisch!"



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