ABC-AG Platz da, die Privatschule-Kette kommt

Von Carola Rönneburg

2. Teil: Für die Privatschule müssen Eltern nach Kräften zahlen - was ist ein "gesunder sozialer Mix"?


In die Aktiengesellschaft hinter den Phorms-Schulen hatten zunächst 24 private Investoren als Startkapital 800.000 Euro gepumpt; inzwischen ist das Kapital auf elf Millionen Euro gestiegen. Initiator Alexander Olek, vormals Gründer und Vorstandschef der Biotech-Firma Epigenomics und heute Aufsichtsratsvorsitzender von Phorms, gewann für seinen Plan unter anderen Rolf Schmidt-Holtz, Chef der Sony-BMG, und Antonella Mei-Pochtler, Senior Partner von der Boston Consulting Group. Dort arbeiteten einst auch Phorms-Vorstand Béa Beste sowie Ulrike Senff, die als "Human-Resources-Managerin" für die Schulkette nach Top-Pädagogen fahndet.

Die Phorms-Leute sind schon so polyglott, wie die Schüler erst noch werden sollen - sie sprechen astreines Management-Denglisch. Die langfristige Phorms-Planung sieht vor, dass die AG nicht nur Kapital für weitere Schulen bereitstellt, sondern auch andere Privatschulen managt, sich in der Lehreraus- und -fortbildung engagiert und, falls gewünscht, Schuluniformen vertreibt, die an den Phorms-Schulen zum nächsten Schuljahr kommen sollen.

Den Grundstein bilden die aktuellen Filialen: Die Klassenstärke liegt bei maximal 20 Schülern in der Grundschule und 24 im Gymnasium; zuständig sind je zwei Lehrkräfte für eine Klasse. Die Pädagogen schreiben auch nicht länger mit Kreide, sondern operieren über den Klassencomputer mit einem sogenannten Smartboard, einer Kreuzung aus Overheadprojektor und farbstifttauglicher Magnettafel.

Von der Reformpädagogik schließlich stammt die Methode, Themen wie "Umweltschutz" oder "Freundschaft" fächerübergreifend in Projektgruppen zu erarbeiten. Es wird viel und ausdrücklich gelobt, wer Lernschwächen oder -schwierigkeiten hat, erhält individuelle Förderung. Das klingt nicht besonders revolutionär, soll es aber auch nicht sein: "Gute Unterrichtsmethoden waren immer da", sagt Kathy Andrews - sie müssten nur eingesetzt werden.

"Gesunder sozialer Mix"?

Ganz entscheidend im Konzept sind die Öffnungszeiten der Schulen: Die Kinder werden von 7.30 Uhr bis 18 Uhr betreut. In den Unterricht gehen sie von 9 bis 16 Uhr, danach gibt es Freizeitangebote im Sport- und Kunstbereich. Eltern können also ihrem Beruf nachgehen - und das sollten sie auch besser, denn die Wurzel- und Flügelbetreuung hat ihren Preis. Phorms berechnet das Schulgeld standortabhängig und nach dem jährlichen Familienbruttoeinkommen.

Privatschulen: Enormer Andrang
IDW

Privatschulen: Enormer Andrang

Am Berliner Gymnasium beträgt es derzeit 333 Euro im Monat bei 20.000 Euro Jahreseinkommen der Eltern, 400 Euro werden es im nächsten Schuljahr sein. Hinzu kommen 2,80 bis 4 Euro für die Mahlzeiten in der TU-Mensa. Das Schulgeld klettert auf bis zu 1059 Euro (jetzt 962 Euro) ab einem gemeinsamen Einkommen von 250.000 Euro. Eine ähnliche Spanne nennt der Verband der Privatschulen (VDP): "Im Durchschnitt liegt das Schulgeld zwischen 150 Euro bei Halbtags- und 800 Euro bei Ganztagsbetreuung", sagt VDP-Sprecherin Christiane Witek. Nur konfessionelle Schulen verlangten geringe bis gar keine Gebühren.

Die Schwankungen im Preisgefüge haben einen einfachen Grund. Nur wer nach einer Bewährungszeit von drei Jahren den Titel "staatlich anerkannte Ersatzschule" trägt, kann als Privatschulbetreiber öffentliche Mittel beanspruchen. Die staatliche Unterstützung deckt dann gewöhnlich etwa 60 Prozent der Personalkosten und wird in Nordrhein-Westfalen sogar ab Aufnahme des Schulbetriebs gezahlt, in Hamburg anteilig rückwirkend. Dafür muss die Schule sich an die Prinzipien des "Sonderungsverbotes" halten: Das Schulgeld muss sozialverträglich sein und darf wirtschaftlich Schwächere nicht benachteiligen.

Auf der Webseite preist Phorms den unterschiedlichen finanziellen Hintergrund der Schüler als "gesunden sozialen Mix statt Elfenbeinturm" an. Lässt man das schiefe Bild vom Elfenbeinturm beiseite, bleibt die Frage, was "gesund" ist: Wie viele Kinder aus unteren Einkommensklassen verkraften die Gymnasialklassen? Darüber spricht man nur auf mehrfaches Nachfragen. Und dann gern in Form von Textaufgaben.

"Hier bei Phorms sind alle nett"

Zur Zeit koste ein Platz 1000 Euro im Monat, heißt es dann, und dass bei 25 Schülern, verteilt auf zwei Klassen, zwölf Prozent der Eltern 333 Euro Schulgeld und weniger zahlen (es gibt ein Stipendium), 16 Prozent einen Beitrag von 600 Euro und mehr entrichten und 72 Prozent zwischen 334 und 599 Euro aufbringen. Diese Verteilung werde sich jedoch im kommenden Jahr deutlich verschieben - unter anderem, weil dann mit Fördergeld zu rechnen sei und außerdem die Schülerzahl steigen werde.

Wirtschaftlich kraftstrotzend, soviel wird immerhin klar, ist das Unternehmen noch nicht, weshalb nun auch ein geschlossener Fonds aufgelegt werden soll. Von der künstlich erzeugten sozialen Mischung ist die Phorms AG weiterhin überzeugt. Die sei "pädagogisch wertvoll", so die Vorstandsvorsitzende Béa Beste, und "gut für die Schulkultur."

Im Dienste dieser Schulkultur steht auch ein liebevoll gestaltetes Schulmagazin – keine Schülerzeitung. "Mitten in Berlin" soll letzte Zweifel an der Frage ausräumen, ob Privatschulgeld gut angelegtes Geld ist. "Ich komme aus einer Schule, in der ich fast in jeder Stunde eingeschlafen bin", zitiert die Schulzeitung eine überraschend eloquente Fünftklässlerin: "Hier bei Phorms" sei das anders, "alle Lehrer sind nett und geben einem Mut, Lust am Unterricht und Selbstvertrauen".

Auf mindestens 40 Filialen will die Phorms AG kommen. 40 Schulen, in denen es - entgegen aller gesellschaftlicher Realität - keine Schüler mit arbeitslosen Eltern gibt, wo die Migranten nicht türkische, sondern englische Muttersprachler sind und die wenigen Geringverdiener in der Elternschaft gleich einen doppelten Zweck erfüllen: Ihr Nachwuchs dient den Mittelschichtskindern als lebendiges Anschauungsmaterial. Und ihr Beitragssatz für die Schule sorgt für das schulamtliche Prädikat "förderungswürdig", mithin für staatlichen Mittelfluss.

Die größten Förderer dieser Privatschulform aber sind jene, die sie sich nicht leisten können. Es sind ihre Steuern, die von unten nach oben verteilt werden.

insgesamt 39 Beiträge
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timto 13.06.2008
1. Interessant, jeder Schulplatz spart dem Staat 40%
Wie in dem Artikel auch erläutert, erhalten Privatschulen einen "Zuschuß" von 60% dessen, was ein Schulplatz an einer öffentlichen Schule kostet. D.h. jeder Schüler, der eine Privatschule besucht, reduziert die staatlichen Bildungskosten um 40%. Kann mir jemand vor diesem Hintergrund den Schlußsatz erklären: "Die größten Förderer dieser Privatschulform aber sind jene, die sie sich nicht leisten können. Es sind ihre Steuern, die von unten nach oben verteilt werden." Mir scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein.
Gehirnstein, 13.06.2008
2. Politikerkinder sollten nur in Staatliche Schulen gehen dürfen
der letzte Satz sagt alles. "Die größten Förderer dieser Privatschulform aber sind jene, die sie sich nicht leisten können. Es sind ihre Steuern, die von unten nach oben verteilt werden." Auch ich würde ich mein Kind auf solche Schule schicken wenn ich es mir leisten könnte. Die normalen Schulen in Berlin sind leider das letzte. Und solange Politikereltern und deren Lobbyistenfreunde die Möglichkeit haben ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken wird sich daran auch nichts ändern.
prophiler 13.06.2008
3. Darf ich mit investieren?
Das gestörte Vertrauen in staatliche Grund- und Oberschulen kann ich nur zu gut nachvollziehen, denn diese einkommensstarke Mittelschicht hat in der Vergangenheit selbst miterlebt, wie ihr eigenes Potential in 35 Personenklassen nicht voll ausgeschöpft wurde. Danke, dass der Autor nicht das Pseudoargument der Überforderung von den Kindern und Jugendlichen an dieser QuasiGanztagsschule aufgreift. Auch das generelle Lehrkonzept wird dem Grunde nach bejaht. Und über die kritischen Gedanken zur Steuerfinanzierten Elitenförderung lässt sich vortrefflich streiten. Diese Ängste könnte ich als potentieller Arbeitsloser vielleicht teilen, jedoch würde ich selbst bei geringem Einkommen versuchen mein Kind in dieser Einrichtung unterzubringen. Welche objektiven und vor allem "fairen" Auswahlmethoden von den Entscheidungsberechtigten gewählt werden, wird die Zukunft zeigen. Wenn aber nicht aktiv um Sprösslinge bildungsfernerer Schichten geworben wird, könnte dieser Schultyp tatsächlich ein weiterer "Elfenbeinturm" mit wenigen praxisnahen Fallbeispielen wirtschaftlichen Misserfolgs werden, deren Eltern wenigsten jetzt versuchen ihnen die wichtigen Startchancen einzuräumen.
Jandokar, 13.06.2008
4. Ausbildung statt Bildung
Was soll an der Schule nun herauskommen? Allesbesserwisser, arrogante Schnösel oder doch die besseren Menschen, pardon Schulabgänger? Oder ist es doch nur ein Kapitalunternehmen, das die Löcher wegen zurückgehender staatlicher Bildungskompentenz ausfüllt und damit zuerst Geld verdienen will? Noch wissen wir es nicht, aber sicher ist, es ist ein weiterer Schritt zu Gesellschaftsverhältnissen wie in den USA und ein Beitrag zur fortschreitenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft. Man sieht schon vom Ansatz, daß diese Schule andere Ziele verfolgt, als Schulen mit alternativen pädagogischen Ansätzen: Es geht wohl mehr um Ausbildung als Bildung. Denn diesen Unterschied kennen die Aufbereiter marktgerechten Humankapitals nur unzureichend. Bleibt zu hoffen, daß bei den jungen Menschen nach dem Verlassen dieser Ausbildungsstätte noch ein paar Ecken und Kanten übrig geblieben sind.
digitalturbulence, 13.06.2008
5. Gute Idee
1. Werden damit die Bildungskosten staatlicher Einrichtungen erheblich reduziert. 2. Bekommen wir leichter eine neue Elite 3. Werden auch ärmere Eltern sich diese Schulen leisten können, denn je mehr Schulen es gibt, desto mehr werden die Schulen gezwungen seien Kosten zu reduzieren.
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