Abgeschoben mit 14 Einmal Kosovo und zurück

Er floh vor dem Krieg, wuchs auf in Deutschland, galt als gut integriert - trotzdem ließen die deutschen Behörden den 14-jährigen Avdil ins Kosovo abschieben. Erst nach dem Tod seiner Mutter durfte er zurückkehren. Die Geschichte eines Schülers, der in die Mühlen des Ausländerrechts geriet.

AP

Von Sonja Hartwig


Die Sachbearbeiterin versteht nicht, warum sie hier sind. Was wollen der Mann und der Junge? Dabei hat es Avdils Vater ihr doch schon erklärt; sie unterbrach ihn aber nach zwei Sätzen. Also mischt Avdil, 14, sich ein, dunkle Haare hängen ihm ins Gesicht: "Nee, guck mal, das war halt so…"

Für einen Moment klingt es, als würde er jetzt die ganze Geschichte erzählen wollen, über das Hoffen, das Warten, die Angst, den Tod.

Dann aber sagt Avdil nur: "Wir wurden abgeschoben. Jetzt sind wir wieder da." Sie wollen sich anmelden, vorläufig, denn Avdil und sein Vater haben noch keine Wohnung, sie leben erst einmal bei Avdils Bruder. "Vorläufig anmelden?", die Sachbearbeiterin guckt irritiert, ihre Kollegin schüttelt den Kopf. "Vorläufig geht nicht. Wir brauchen eine Bestätigung des Vermieters."

Vater und Sohn verlassen den Raum, stehen auf einem Flur mit vielen Türen, und Avdil steckt sich Kopfhörer in die Ohren, so als wolle er diese deutschen Wörter nicht mehr hören: geht nicht.

Wieder einmal wollten er und seine Familie das Richtige tun, sich an die Regeln halten. Wieder geht es nicht. Wieder prallen deutsche Vorschriften auf die Lebenswirklichkeit einer Familie, die einst hier Schutz suchte.

Wie gelungene Integration sich zu Entfremdung wandelte

Nach knapp vier Monaten im Kosovo und in Serbien sind Avdil und sein Vater zurück in Deutschland, in Mayen, einer Kleinstadt zwischen Bonn und Koblenz. Zurück in der deutschen Überschaubarkeit, in der sich ihre unübersichtliche Geschichte erzählen lässt.

Es ist Avdils zweite Ankunft in Deutschland. Zwischen der ersten und heute liegen ein Krieg, eine Flucht, gescheiterte Asylverfahren, eine Abschiebung, der Tod seiner Mutter - und elf Jahre. "Wenn meine Mutter nicht gestorben wäre, wären wir niemals wieder hier", sagt Avdil. "Und hätte die ganz Coolen in diesen Behörden irgendwas interessiert, dann wären wir noch zu dritt."

Einst war Deutschland das Land, das ihm und seiner Familie Schutz bot. Jetzt ist es das Land, das seine Mutter auf dem Gewissen hat, so sieht das der Junge. Und zugleich ist es sein Heimatland geworden, in dem er bleiben will. Avdils Geschichte begann als Integrationsgeschichte, geworden ist daraus die Geschichte einer Entfremdung.

Sie lässt sich nachlesen in einer dicken Akte, die vor Jens Dieckmann auf dem Tisch liegt. Der Bonner Anwalt vertritt die Familie seit zwei Jahren. Dutzende Anträge, Briefe und "Irrsinnsdetails", wie Dieckmann sagt, haben sich angesammelt.

Eins seiner ersten Wörter: Bombe

Die Geschichte begann, so erzählen es Avdils Vater und so lässt es sich auch nachlesen, 1999 in der Stadt Mitrovica im Kosovo, wo der Bürgerkrieg zwischen der serbischen Armee und der UCK-Miliz tobte. Die Häuser brannten, die Nachbarn flohen, und auch Avdils Familie kam nach Deutschland. Der Krieg aber blieb in ihren Köpfen. Avdil, damals knapp drei Jahre alt, warf sich auf den Wohnzimmerboden, wenn er Feuerwehrsirenen hörte, und rief: Bombe! Es war eines der ersten deutschen Wörter, die er gelernt hatte.

Avdil wuchs auf, ging zur Schule, wurde zum Teenager, der seinen Abschluss schaffen und Kfz-Mechaniker werden wollte. Doch Avdils Mutter vergaß die Bilder nie; den Gestank verbrennender Menschen behielt sie in der Nase. Sie sprach mit Avdil nicht darüber, auch nicht als er älter wurde. So passte das Land seiner Mutter für Avdil in eine Plastiktüte voller Medikamente. Sie schlucke Pillen, weil sie es sonst nicht aushalte, antwortete sie ihren Söhnen, wenn sie fragten. "Manchmal dachte ich, sie simuliert", sagt Avdil. Später las er die Berichte einer Psychologin und eines Facharztes. Schwierige Begriffe standen darin. Sie leide an einer "traumareaktiven Folgestörung mit überwiegender Angst und depressiver Symptomatik". Eine Rückkehr in das Kosovo unter Zwang sei ein Risiko.

Die Sicherheit, die Deutschland der Familie von Avdil gewährte, war fragil. All die Jahre lebten sie hier mit einer Duldung, unter dem Damoklesschwert des Ausländerrechts, die Abschiebung war lediglich ausgesetzt.

Warum wird ein Junge abgeschoben, der hier aufgewachsen ist?

An einem Dienstagmorgen im Dezember vergangenen Jahres sah es so aus, als ende das Deutschland-Kapitel von Avdils Geschichte. Die Behörden in Rheinland-Pfalz hatten entschieden, die Familie abzuschieben. Anwalt Dieckmann sagt, es habe unzählige Argumente dagegen gegeben: nicht nur, dass Avdil fleißig und strebsam ist. Nicht nur, dass er Deutsch spricht wie viele Deutsche in seinem Alter; dass er jede Minute, an die er sich erinnert, in Deutschland verbracht hat.

Allein der Zustand der Mutter hätte die Behörden umstimmen müssen, sagt Dieckmann. Der Anwalt schlägt die Akte und das Aufenthaltsgesetz auf, zeigt auf das Attest eines Psychiaters und auf Paragraf 60. Aus beidem zitiert er: Ein abruptes Ende der Behandlung werde zu "einer Verschlechterung ihres psychischen Gesundheitszustandes" führen, es bestehe die Gefahr einer "nicht als instrumentalisiert zu bewertenden Suizidalität", steht im Attest. Also Selbstmordgefahr im Fall einer Ausweisung. "Von der Abschiebung in einen anderen Staat soll abgesehen werden, wenn eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht", steht im Paragraf 60, Kapitel 5, Aufenthaltsgesetz.

Die Abschiebung wurde trotzdem als zumutbar eingestuft. Eine Ermessensentscheidung, die auf falschen Daten basiert habe, sagt Dieckmann. Fälle wie dieser seien im System angelegt. Die Richter seien häufig skeptisch und misstrauten den Geduldeten, die Behörden würden den Ausländern nicht glauben, dass sie krank seien.

Schon am Mittag des Dezember-Dienstags saß die Familie im Flieger, Sammelabschiebung in das Kosovo. Von Düsseldorf über Wien nach Pristina.

Der Tod der Mutter verändert alles

Was dann geschieht, hat Avdil schon häufiger erzählt. Wie seine Mutter Palatschinken zubereitete, wie sie sich schwach fühlte, sich hinlegte und nicht mehr aufwachte. Wie sie ins Koma fiel und schließlich in der Klinik starb. Wie der Arzt in Serbien sagte: Hirnblutung. Avdil weint nicht, wenn er das erzählt. "Vielleicht möchte meine Mutter das nicht", sagt er.

Sein Vater Ismet findet keine Worte, ihm steigen Tränen in die Augen, während er aus einer Tüte Bilder zieht. Auf einem trägt seine Frau einen hellblauen Schlafanzug - der Tag der Abschiebung. Auf dem nächsten steht er an ihrem Grab. Sie starb am 7. Januar 2011, genau einen Monat nach der Rückkehr in das Kosovo.

Nach dem Tod der Mutter erkannte das Innenministerium in Rheinland-Pfalz einen Fall besonderer humanitärer Härte und entschied: Vater und Sohn dürfen zurückkehren.

Die Frage, wieso Avdils Mutter starb, ob es die Angst, die Aufregung war, ob sie ohne Abschiebung noch am Leben wäre, lässt sich nicht beantworten. Und auch nicht, ob Vater und Sohn nur nach Deutschland durften, weil die Mutter gestorben war. Der Anwalt sagt: Es war Wahlkampf, es gab einen Fernsehbericht. Nachdem Dieckmann eine Presseerklärung mit dem Tod der Mutter veröffentlichte, ging alles schnell.

Für ihn gibt es in diesem Fall vor allem bürokratische und wahltaktische Antworten. Aber keine verständlichen, nicht mal juristisch nachvollziehbare. Keine, warum es überhaupt eine Abschiebung gab, wenn der Ausländerbehörde doch ein Dokument für die Reiseunfähigkeit vorlag. Keine, warum die Familie nicht aus dem Flieger genommen wurde. Warum nicht, wenn doch absehbar war, dass bald eine neue Bleiberechtsregelung gelten würde, eine Regelung für minderjährige schulpflichtige Kinder. Für Schüler, die so integriert sind wie Avdil. Einen Tag vor Heiligabend 2010 wurde sie erlassen.

Hätte es diese Regel zwei Wochen früher gegeben, wären Avdil und seine Eltern wohl in Deutschland geblieben. Weil er gut integriert war, sagen Lehrer und Nachbarn. Weil er Ausländer und Deutscher ist, sagt Avdil, "ganz normal halt".

Nach seiner Rückkehr, am ersten Tag nach seiner zweiten Ankunft in Deutschland, ging Avdil gleich in die Schule, sprach mit dem Direktor. Er will so schnell wie möglich wieder in seine alte Klasse. Seine Geschichte soll weitergehen.

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.