Abgeschrieben Lehrerin kündigte, weil Schüler schummelten

Wegen Abschreibens aus dem Internet gab Christine Pelton aus dem US-Bundesstaat Kansas ihren Schülern null Punkte. Prompt kam das dicke Ende nach - aber nicht für die Schüler, sondern für die Lehrerin: Nach einem heftigen Streit mit der Schulbehörde zog sie die Notbremse.

Von Sabine Hoffmann


Löste Debatte über Moralerziehung aus: Lehrerin Pelton
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Löste Debatte über Moralerziehung aus: Lehrerin Pelton

Heute ist Christine Pelton eine Heldin. Zumindestens im US-Fernsehen. Talk-Shows feiern die 26-jährige Lehrerin, weil sie versuchte, den Niedergang der schulischen Moral aufzuhalten. Doch Christine Pelton kann sich auch an andere Zeiten erinnern. Böse Anrufe musste sie sich damals anhören. Dabei begann alles mit ein paar bunten Baumblättern.

"Sammelt Blätter, beschreibt und klassifiziert sie", bat die Bio-Lehrerin im Herbst vergangenen Jahres. Eine Hausarbeit sollten die 118 Schüler der 10. Klasse schreiben. 28 von ihnen hatten aber andere Pläne - Fernsehen gucken, Baseball spielen, Freunde treffen. Nicht stundenlang über rot-gelb gefärbten Blättern sitzen, sondern fürs Nichtstun volle Punktzahl kassieren. Also surften sie im Netz, schrieben ganze Passagen wissenschaftlicher Studien ab und den eigenen Namen drunter.

Ausrede: Nicht komplett abgeschrieben

Schließlich schummelt nach einer Studie der Rutgers University in den Vereinigten Staaten gut die Hälfte aller High-School-Schüler. Mindestens einmal eine Textpassage abgeschrieben zu haben, gaben 72 Prozent der 4500 Befragten zu. Jeder Zweite glaubt aber, dies sei legitim und nicht gemogelt. Christine Pelton sieht das ganz anders.

Zu gut, dachte sich die Lehrerin, als sie die Arbeiten durchlas - und klickte sich durchs Internet. Dort gibt es zahlreiche Seiten, auf denen Schüler, Studenten und Wissenschaftler gern stöbern. Sich in Haus-, Examensarbeiten oder Fachaufsätzen Anregungen zu holen, ist legitim. Doch stumpfes Abkupfern ist ein Plagiat und verboten - und es bleibt nicht immer unendeckt, weil sich Lehrer und Professoren inzwischen prächtig im Web auskennen.

Im Internet fand auch Pelton die Schriften der Schüler wieder, verfasst von hochkarätigen Wissenschaftlern. Das hat Folgen, dachte sie sich - und gab den 28 Schummlern null Punkte. Zu Recht, wie sie meinte, denn sie hatte die Jugendlichen vor dem Abschreiben gewarnt.

Ganz anders sahen das allerdings deren Eltern. Ihre Tochter Theresa habe nicht gewusst, inwieweit sie das recherchierte Material umschreiben müsse, klagte eine Mutter in der Zeitung "Kansas City Star". Auch die Schüler wollten den Plagiat-Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen: "Ich habe was von einer Website genommen, aber ich habe aus einem zwei Sätze gemacht. Das war also nicht komplett abgeschrieben", verteidigte sich ein Junge.

Peltons Protest-Kündigung

Mit der miserablen Benotung hätten einige Schüler die Klasse nicht bestanden. Empört riefen die Eltern bei der Lehrerin an und baten sie, ein Auge zuzudrücken. Doch da bissen sie auf Granit: Pelton ließ sich nicht milde stimmen - selbst als einige Eltern sie nach Mitternacht belästigten.

Will keine Abkupferbörse sein: Diplomarbeiten.de

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Schnurstracks marschierten die aufgebrachten Eltern nun zum Direktor. Wieder Fehlanzeige. Auch der Schulleiter weigerte sich, die Papiere neu zu benoten. Also wandten sie sich an die Schulaufsicht - und hatten prompt Erfolg: Ein paar Punkte gebe es auch für ein Plagiat, so entschied die Behörde: Immerhin hätten die Schüler ihre Hausaufgaben gemacht.

Als Pelton am kommenden Tag in das Schulgebäude marschierte, platzte ihr fast der Kragen: Die Schummler waren in Siegeslaune und feierten ihren Erfolg. Wenige Stunden später hatte sie die Nase voll. Aus Protest kündigte die Lehrerin und mit ihr ein Drittel der Belegschaft, einschließlich des Schuldirektors. "Ich hatte hohe Erwartungen an meine Schüler und war nicht bereit, Kompromisse einzugehen", sagt Pelton.

Heute arbeitet die Lehrerin in einer Tagesstätte. Einen kleiner Trost könnte sein, dass sie nicht die einzige ist, die ihren Job an den Nagel hängen musste: Auch der Vorsitzende der Schulaufsicht musste seinen Hut nehmen.



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