Abgewählt Berliner Schüler wollen doch nicht länger schlafen

Es hätte so schön sein können: Schülersprecher des Lennon-Gymnasiums machten sich für einen späteren Schulstart stark und überzeugten die müde Oberstufe. Doch in der Mittelstufe scheiterte der Plan - der Wecker klingelt wohl weiter vor der ersten Schulstunde um acht Uhr.

Sind Schüler passionierte Langschläfer? Zumindest am John-Lennon-Gymnasium in Berlin stimmt das so pauschal nicht. In einer zweitätigen Abstimmung entschieden sich die Schüler gegen einen um eine Stunde späteren Unterrichtsstart in den Wintermonaten und werden wohl auch künftig alle Schultage um acht Uhr beginnen.

Insgesamt 264 Schüler stimmten für den Vorschlag ihrer vier Schülersprecher, die erste Stunde im Winter erst um neun Uhr beginnen zu lassen - aber 397 dagegen. Die Elternvertreter in der Schulkonferenz hatten angekündigt, im Falle eines klaren Votums für spätere Schulstunden den Schülern folgen zu wollen.

Endgültig entscheiden Vertreter von Schülern, Eltern und Lehrern in der Schulkonferenz am Mittwochabend über die Idee. "Darauf sind wir schon ein bisschen stolz", sagte Schulleiter Jochen Pfeifer über das große Echo, das die Schülerpläne auslösten.

Und falls die Schulkonferenz sich trotzdem für einen späteren Unterrichtsbeginn ausspricht - oder für verschiedene Lösungen in Mittel- und Oberstufe? Da scheint die direkte Demokratie am Lennon-Gymnasium ihre Grenzen zu finden: "Letztendlich soll die Entscheidung bei den Lehrern liegen. Für sie würden sich die Arbeitsbedingungen immerhin gravierend verändern", so Pfeifer. Eine Gruppe habe sich bereits "strikt gegen den späteren Schulstart ausgesprochen".

Mittelstufe überstimmt Oberstufe

Schülersprecher Simon Baucks, 18, der die schulinterne Kampagne fürs längere Schlafen losgetreten hatte, zeigte sich vom Ergebnis enttäuscht, will aber weiter für das Anliegen der Schülersprecher eintreten. Er könne sich auch "einen Kompromiss oder eine Experimentierphase vorstellen", sagte Baucks SPIEGEL ONLINE.

Die Umfrage war am Dienstag zunächst mit einem guten Ergebnis für die Langschläfer-Fraktion gestartet: In den Klassen 12 und 13 der Oberstufe votierten 60 Prozent der Schüler im Hammelsprungverfahren für einen späteren Schulstart im Winter. Am Mittwoch allerdings wurden dann die Mittelstufe und die Elftklässler befragt. Dabei stimmten die jüngeren Schüler mit großer Mehrheit dagegen, in der dunklen Jahreszeit erst um neun Uhr mit dem Unterricht anzufangen. "Die meisten hatten wohl Angst, dass ihre freie Zeit auf der Strecke bleibt", sagte Schülersprecherin Hanna Harnisch.

Das Abstimmungsergebnis passt zu dem, was Schlafforscher über Langschläfer- und Frühaufstehertypen wissen: Während Kinder in der Regel gut aus den Federn kommen, kippt dieses Aufstehverhalten in der Pubertät. Jugendliche gehen später ins Bett und kommen in der Frühe schwerer heraus.

Späterer Schulstart, weniger Schulschwänzer?

Das würde auch erklären, warum gerade die Oberstufenschüler für einen späteren Schulbeginn in den Wintermonaten stimmten. Schülersprecher Baucks vermutet indes ein Problem in der schulinternen Kommunikation: Die Klassensprecher der unteren Klassen hätten sein Anliegen einfach nicht richtig erklärt.

Nach Auffassung des Schlafforschers Jürgen Zulley könnte diese eine Stunde Aufschub die deutsche Bildungslandschaft revolutionieren. "Der in Deutschland übliche Unterrichtsbeginn um etwa acht Uhr ist für Jugendliche ab einem gewissen Alter zu früh, um Leistung zu erbringen", sagte Zulley. Würde der Unterricht nur eine Stunde später beginnen, könnte es in den Schulen erheblich aufmerksamer und konzentrierter zugehen, so der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg.

Auch Zulley betont, dass sich ab dem zwölften Lebensjahr die Schlafgewohnheiten verändern: "Studien aus den USA, Finnland und Israel haben gezeigt, dass der biologische Rhythmus sich in diesem Alter nach hinten verschiebt. Jugendliche handeln also gegen ihren natürlichen Biorhythmus, wenn sie zu früh aufstehen."

In den meisten Bundesländern ist es den Schulen selbst überlassen, wann der Unterricht beginnt. Zum Teil gibt es dazu Vorschriften der Kultusministerien. So regelt Nordrhein-Westfalen den Schulstart mit einem "Erlass zum Unterrichtsbeginn" zwischen 7.30 und 8.30 Uhr.

In Berlin liegt die Entscheidung bei den Schulen. Die Senatsverwaltung für Bildung habe mit "großer Sympathie beobachtet", wie die Lennen-Schule ihre Eigenverantwortung wahrnehme, sagte Behördensprecher Jens Stiller.

Auf die Tradition des Schulstarts im Morgengrauen pfeift zum Beispiel die Loschmidt-Berufsschule in Berlin-Charlottenburg. Dort beginnt der Unterricht seit drei Jahren um neun Uhr. "Dadurch ist die Zahl der Schulschwänzer deutlich zurückgegangen", sagt Schulleiter Wolfgang Foest.

cht/jol/dpa/AP
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