Abi-Action 2004 Bluten für den Direktor

Den Lehrern eins auswischen, Barrikaden bauen, kleine Rebellion auf dem Schulhof - das war gestern. Heute sind Abiturienten entspannter, bei Abi-Gags beweisen sie Managerqualitäten und lassen schon mal den Direktor mit dem Hubschrauber einfliegen. SPIEGEL ONLINE sprach mit Forscherin Gabriele Dafft über die neue Abikultur.

SPIEGEL ONLINE:

Wie kommt man auf die Idee, wissenschaftliche Untersuchungen über Abitur-Streiche durchzuführen?

Gabriele Dafft: Das Amt für Rheinische Landeskunde ist für die Alltagskultur in der Region zuständig. Wir erforschen und dokumentieren verschiedene Phänomene. Die Abi-Gags sind ein sehr lebendiger, bunter Ausschnitt aus der rheinischen Jugendkultur. Spannend für uns ist, wie sich dabei eine bestimmte regionale Identität zeigt, und man bemerkt an der Abikultur auch gesellschaftliche Veränderungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ergebnisse haben denn Ihre dreijährigen Forschungen erbracht?

Gabriele Dafft: Man kann an den Abi-Gags verschiedene Dinge fest machen, zum Beispiel ein entspannteres Schüler-Lehrer Verhältnis als vor einigen Jahren. Die Motivation ist nicht mehr, den Lehrern eins auszuwischen, sondern es spielen Motive wie Dankbarkeit eine Rolle. Die heutige Schülergeneration identifiziert sich stark mit der Schule. Das ist nicht nur ein Bildungsbunker, die fühlen sich wohl, empfinden das als angenehme Zeit und wissen, dass danach ein rauerer Wind weht. Es liegt ja auch im Trend, etwas zu leisten. Das drückt sich auch in den Abi-Veranstaltungen aus, für die sehr viel Zeit, Geld und Aufwand investiert wird. Die Schüler wollen sich präsentieren und ihre Managerqualitäten unter Beweis stellen.

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Abi-Gags 2004: Blut spenden für den Direktor

Foto: LVR/ARL Gabriele Dafft

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber auch andere Beispiele. Auf Ihrer Website berichten Schüler, dass an ihrem Gymnasium in Düren der Abistreich wegen schlechter Erfahrungen der letzten Jahre verboten wurde.

Gabriele Dafft: Ja, das ist ein interessanter Fall, ich stehe mit den Schülern auch im Mailwechsel. Es scheint, dass sich das Problem klärt. Aber natürlich gibt es einzelne Vorfälle, wo man sagt, das ist jetzt nicht so toll gelaufen, da haben Einzelne über die Stränge geschlagen. Es gibt immer Ausschläge in beide Richtungen.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die Höhepunkte bei den vielen Abistreichen, die Sie jetzt erlebt haben?

Gabriele Dafft: Sehr spektakulär ist natürlich, wenn der Direktor mit einem Hubschrauber angeflogen kommt oder mit einer Stretchlimousine vorfährt. Es gibt da immer mehr gemeinschaftliche Elemente, das sind alles Indizien für ein entspanntes Verhältnis und die Entwicklung zu einer hohen Identifikation mit der Schule. Statt klassischer Abistreich steht auch mehr die Show im Vordergrund, oft nach Vorbildern aus den Medien. Das waren erst die Quizshows oder Gerichtssendungen, jetzt die Superstarsuche oder "Ich bin ein Star, holt mich hier raus". Auch die Abibälle werden immer wichtiger - sehr feudal angelegt mit großem Buffet. Die Schüler wollen stilvoll und etwas gediegener feiern, das war ja früher nicht angesagt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird der immer größere Aufwand finanziert?

Gabriele Dafft: Da sieht man Strategien aus der modernen Wirtschaftswelt: Fundraising und eine sehr professionelle Sponsorenansprache, manchmal mit Power-Point-Präsentationen. Was wir aber auch schon einige Male gehört haben, ist eine kollektive Blutspende der ganzen Jahrgangsstufe. Ansonsten kleinere Aktionen wie Rosenverkauf zum Valentinstag, sehr verbreitet sind auch Partys zur Vorfinanzierung.

SPIEGEL ONLINE: Die Abiturienten orientieren sich an der Wirtschaft, bilden aber auch selbst eine interessante Zielgruppe. Entwickelt sich da ein eigener Markt?

Gabriele Dafft: Auf jeden Fall. Es gibt spezialisierte Anbieter mit einem eigenen Sortiment. Das eine sind die Abi-Reisen mit genau auf Abiturienten zugeschnittenen Angeboten. Ansonsten gibt es Merchandising-Produkte rund ums Abitur. T-Shirts sind ja inzwischen Standard, doch jetzt muss noch ein Kapuzenshirt dazu, es gibt Abibikinis für die Abschlussfahrt, Feuerzeuge und sogar Abikondome.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen besonderen Einfluss der "rheinischen Mentalität" oder Unterschiede zwischen den Bundesländern gefunden?

Gabriele Dafft: Wir forschen nicht in anderen Bundesländern. Aber es gibt ein rheinisches Element bei der Organisation. Da werden regelrechte Netzwerke organisiert, ein positives Klüngeln, um beispielsweise günstige Getränkekonditionen zu organisieren. Dann gibt es so etwas wie eine "rheinische Lösung" auch bei der leichten Reglementierung, die man immer mehr sieht. Es gibt da vorher ganz klare Absprachen zwischen Schülern und Schulleitung. Die Schulleitung sagt: "Was habt ihr vor? Macht doch bitte nicht das...". Erstaunlicherweise halten sich die Schüler auch daran, nur am Tag selber wird das alles dann nicht so eng gesehen. Die Schüler haben dann die Macht, doch das "Verkehrte-Welt-Motiv" kennt man hier vom Karneval. Auch wenn es mal lauter wird und in Einzelfällen die Polizei gerufen werden muss, gibt es viel Toleranz. Alle wissen, das geht auch wieder vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie selber Ihren Schulabschluss gefeiert?

Gabriele Dafft: Das war 1989 in Leverkusen. Bei unserem Motto ging es um "Flower Power", wir kamen also alle als Hippies verkleidet und hatten auch noch die Schule verbarrikadiert. Diese Barrikaden wiederum finden wir heute immer seltener. Das Ziel, bloß die Schule dicht zu machen, damit der Unterricht ausfällt - das ist es nicht mehr. Der Abi-Gag ist inzwischen ein Showact, ein Bühnenevent und nicht mehr diese Rebellion, die es mal war.

Das Interview führte Oliver Voss

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