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24. Juli 2013, 08:56 Uhr

Abi-Blog

Ein kleines bisschen Horror-Abitur

Abiturient Jan Felix Walther, 19, hat zwar Bio vergeigt, ist aber trotzdem heilfroh, dass der Abi-Stress vorbei ist. Nächster großer Wunsch des bekennenden Toten-Hosen-Fans: ein Musikstudium.

Mein Abi! Endlich liegt das Zeugnis auf meinem Schreibtisch, und ich fühle mich großartig. Vier Ordner voll mit Notizen aus der Oberstufe und jede Menge Bücher habe ich bereits im hintersten Regal meines Zimmers verstaut. Bloß nicht mehr hineinschauen müssen.

Ich fühle mich leicht. Jetzt ist es sogar egal, dass ich die letzte mündliche Prüfung komplett verhauen habe. Biologie hat mir von Anfang an die größten Kopfschmerzen bereitet. Als ich dann plötzlich Fragen aus der Neurobiologie vor mir liegen hatte, waren alle Sorgen bestätigt: mit einer Glatten fünf verließ ich schließlich nach meiner letzten Abiturprüfung das Schulhaus.

Auf den letzten Metern musste ich zittern, ob alles geklappt hat, während die anderen schon feierten. Aber es hat geklappt.

Und was kommt jetzt?

Ich weiß noch, wie unser Schulleiter am ersten Schultag auf dem Gymnasium davon sprach, wie schnell die Zeit vergehen würde bis zum Abitur. Und er hatte recht. Neun Jahre lang konnte ich immer sagen: "Ich habe ja noch genug Zeit!" Und jetzt auf einmal muss ich mich wirklich entscheiden: Für welches Studium bewerbe ich mich? Und in welcher Stadt? Wann ziehe ich zu Hause aus?

Schon in der Prüfungszeit habe ich die ersten Bewerbungen an Unis losgeschickt. Seit langem will ich in Köln Musikwissenschaft studieren. Das Problem: Entweder muss ich einen schweren Eignungstest bestehen oder ein Nebenfach wählen, dessen Abi-Durchschnitt ich nicht erfülle. Beworben habe ich mich trotzdem, mehr als eine Absage kann ich ja nicht bekommen.

Vielleicht werden es aber auch Geschichte und Informationswissenschaft. Am wichtigsten ist mir sowieso, dass ich etwas studieren kann, was mich interessiert und mir später helfen kann, Journalist zu werden.

Abi-Ball mit den Toten Hosen

So schnell ich kann, ziehe ich dann auch von zu Hause aus, um auf eigenen Beinen zu stehen. In Nordrhein-Westfalen kommt dieses Jahr allerdings ein erschwerender Punkt hinzu: Wir waren ein Doppeljahrgang. Doppelt so viele Abiturienten sind jetzt auf der Jagd nach Studienplätzen und WG-Zimmern. Der Andrang an den Unis ist enorm und Wohnungen sind ja ohnehin jedes Jahr Mangelware.

Auf unserem Abi-Ball waren diese Gedanken noch einmal ganz weit weg. Zwei Jahre lang haben wir als Doppeljahrgang für diesen Tag gespart und geplant. Wir trafen uns für Planungsrunden, sammelten Spenden und probierten Tanzschritte. Die Mädchen kauften sich Abendkleider und die Jungs banden Krawatten. Der große Abend begann dann mit einem Sektempfang und wir tranken bis Mitternacht frei Haus. Nach einem Quiz, wer denn der größte Zuspätkommer oder Lehrerliebling war, sprachen zwei aus unserer Stufe über unseren Doppeljahrgang und die Zukunft.

Abschließend wurden wir hintereinander auf die Bühne gerufen. Dazu lief dann die Musik, die sich jeder vorher ausgesucht hatte. Ich habe mich für 30 Sekunden von dem Toten-Hosen-Song "Abitur" entschieden. Ein Mitschüler hatte aus Kinderbildern und aktuellen Fotos eine Diashow zusammengestellt. Eltern und Freunde knipsten dann das letzte Gruppenfoto. Und wir feierten noch bis 4 Uhr morgens das Ende unserer Schulzeit.

Alles wird vorübergehen

Jetzt kann ich nur abwarten bis in den nächsten Wochen die ersten Briefe von Unis eintrudeln. In der Zwischenzeit suche ich mir jeden Tag neue Beschäftigungen: mit Freunden feiern, auf Konzerte gehen und nebenher arbeiten.

Schon nach der letzten Prüfung ging es spontan zu Rock am Ring. Kurz darauf standen wieder Konzerte der Toten Hosen an. Und in der Düsseldorfer Altstadt arbeiten kann ich jetzt ja sogar unter der Woche.

Kurz: Meine Freunde und ich führen gerade ein ziemlich entspanntes Leben. So haben wir uns den Sommer nach der Schule immer erträumt: Jeden Tag machen wir einfach, was wir wollen. Das klingt leichter, als es ist: Ohne geregelten Tagesablauf braucht man viele Ideen, sein Leben zu füllen. Hätte uns das jemand vor einem Jahr erzählt, hätten wir herzlich gelacht.

Die erste Absage für ein duales Studium habe ich übrigens schon bekommen. Im ersten Moment war ich natürlich enttäuscht. Dann musste ich aber an die Rede unseres Stufenleiters während der Zeugnisvergabe denken. Er gab uns einen Rat. Egal, was nach der Schule kommen würde, sagte er, wir sollten uns immer merken: Der kürzeste Weg sei nicht immer der schnellste.


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