Abi in Schweden "Lotta, deine Punker warten!"

Ist das Gras? Nein, es ist Lottas Familie! Mama, Papa, Opa und Oma - alle tragen heute grüne Haarpracht, schließlich hat Mooskopf Lotta das Abitur in der Tasche. Also rauf auf den Partywagen, rein in den schwedischen Sommer, raus aus der Schule.


Lotta Glans kennt jeder am Per-Brahe-Gymnasium in Jönköping, denn Lotta ist das Mädchen mit den grünen Haaren. Nicht, dass Jönköping in Småland das hinterletzte Kaff wäre. Es gibt eine Hochschule, eine eigene Tageszeitung, einen Zweitliga-Fußballklub, mehrere Gymnasien. "Aber grüne Haare hat nun mal keiner - außer mir", sagt Lotta.

Lotta (rechts) feiert Abi: Rauf auf den Partywagen!

Lotta (rechts) feiert Abi: Rauf auf den Partywagen!

Ein paar Wochen vor ihrem Abitur hatte sie den Friseur gefragt, ob er ihr die Haare grün färben könnte. "Ja, sicher", meinte der, "aber dann müssen wir sie bleichen. Und dann kannst du es dir halt nicht mehr anders überlegen." Grün auf dem Kopf, ohne ein Zurück – und das so kurz vor dem Abi? Eine schwere Entscheidung.

Man muss wissen: Den Schul-Abschluss feiern die jungen Schweden sehr traditionell. Zumindest, seit die Schülerinnen und Schüler in den achtziger Jahren anfingen, alte Traditionen wieder aufleben zu lassen. Sie ziehen sich förmliche Kleidung an, die Frauen Röcke mit viel Weiß, die Männer weiße Hemden und schwarze Anzugjacken, einen Schlips, vielleicht sogar einen Frack. Auf den Kopf setzen sich alle eine weiße Schirmmütze, die stark an die erinnert, die deutsche Polizisten tragen. Oder an die Hütchen deutscher Burschenschafter. Oder an einen Kreuzfahrt-Kapitän. Der Schirm ist schwarz oder dunkelblau, die Schule bestellt die "studentmössa" meist im Jahrgangssatz, und an der Krempe stickt der Hersteller das Abschlussjahr ein.

Lotta fand dieses Traditions-Zeug "schon immer ein wenig eigenartig". Aber sie ist ja auch das Mädchen mit den grünen Haaren. Die, die man halt irgendwie komisch findet. Die, von der seit jeher alle wussten, dass sie anders war. Die sich frisiert wie David Bowie, auch ohne grüne Farbe. Die sich nicht in der Pause auf der Mädchen-Toilette das Make-Up nachzieht, wie die anderen, die Pferdeschwanz-Mädchen. Am Per-Brahe-Gymnasium riefen ein paar Jungs Lotta immer blöde Sprüche nach - jetzt heißt sie "Mooskopf".

Die ganze Welt soll die peinlichen Kinderfotos sehen

Am Tag der Abschlussfeier sitzt Lotta mit Jenny in der Aula des Gymnasiums im ersten Stock. Die Jahrgangssprecherin hält eine Rede, Lotta findet's zum Gähnen: "Sie hat nur Klischees erzählt. Von wegen: 'Das ist der erste Tag unseres neuen Lebens' und solche Sachen." Dann spricht auch noch der Rektor, na ja - das gehört wohl dazu, wenn man seinen "Studenten macht", wie die Schweden das Abitur nennen.

Schließlich schallt das "Stundentenlied" durch die Aula: "...den ljusnande framtid är vår" ("Die helle Zukunft ist unsere"). Ein wenig schief klingt das, nicht ganz textsicher, aber in der Luft knistert es bei den Worten schon: Alle warten darauf, hinauszulaufen, vor die Schule, den "utspring" ("Aussprung") zu machen und die Mützen in die Luft zu schmeißen. Früher zeigte man damit, dass man bestanden hatte. Heute dürfen alle.

Vor der Schule versammeln sich Eltern, Freunde, Verwandte der frisch gebackenen "Studenten". Es ist in Schweden Brauch, ein Schild mit einem Foto desjenigen zu basteln, auf den die Gesellschaft wartet. Viele Familien nutzen diese Gelegenheit, um peinliche Kinderfotos hervorzukramen, sie endlich mal auf A2 zu vergrößern und aller Welt zu zeigen. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass meine Familie da sein würde. Ich dachte: Die wissen nicht, wie man das macht, die kennen diese Rituale nicht." Lotta war die einzige in der Familie, die Abitur machte.

Die letzten Zeilen des "Studentenliedes" wabern gerade durch die Aula, da zieht Jenny sanft an Lottas grünem Schal und flüstert: "Lotta, Lotta, ich sehe deine Oma!" Sie zeigt aus dem Fenster hinter ihrem Rücken, raus, auf die Wiese. Und sagt es noch mal: "Deine Oma, da, und dein Opa."

Lotta grün, Oma grün, alle grün

Lotta denkt, sie hat sich verhört: "Du kennst meine Oma nicht, Jenny. Und meinen Opa schon gar nicht. Und nimm die Mütze ab, das Lied ist noch nicht vorbei." Jenny lässt die Mütze auf: "Da ist deine Mutter, das da könnte dein Vater sein, und deine Tante, und... das da ist vielleicht dein Onkel." Lotta dreht sich um.

Vor den Fenstern der Aula sieht sie alle die Eltern, Verwandten und Freunde warten, jede Gruppe um ihr Schild geschart. Gespannt richten sie den Blick auf das Eingangportal der Schule. Da sind sie: die Karlssons, Bergströms, Axelssons, Wulffs, Lövkvists. Und alle anderen. Festliche Kleider haben sie an; an diesem heißen, sonnigen Tag tragen viele Hüte oder Kappen und Sonnenbrillen. Sie füllen den ganzen Vorplatz des Gymnasiums, von der Wiese ist nicht mehr viel zu sehen. Nur da, mittendrin, leicht rechts, gibt es einen großen grünen Fleck.

Das ist nicht der Rasen, das ist Lottas Familie. Oma ist grün, Opa, Mama, Papa. Alle. Grün wie die Wiese, auf dem ganzen Kopf. Grüner als Lotta jemals gewesen war. Zwanzig grüne Perücken. Zwanzig Mal Lotta.

Jenny muss laut lachen. Das Lied ist zu Ende, der letzte Ton verklungen, alle stürmen aus der Aula, schreien, toben, werfen ihre Mützen in die Luft. Nur raus, der hellen Zukunft entgegen. Nur raus, auf den Partywagen und durch die Stadt fahren. Nur raus, in die Sonne, in den schwedischen Sommer. Raus aus der Schule.

Lotta steht wie eine Statue am Fenster. Am anderen Ende der Aula stehen ein paar Lehrerinnen und Lehrer, sie diskutieren über die Reden des Rektors und der Jahrgangssprecherin.

Jenny zupft Lotta am Shirt: "Komm, wir gehen raus, deine Punker warten auf dich."



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