Nach "Abikrieg" in Köln Polizeipräsident stellt sich Eltern und Schülern

Griff die Polizei beim Kölner "Abikrieg" im März zu spät ein? Zwei verletzte Schüler und ihre Eltern haben schwere Vorwürfe erhoben. Jetzt will der Polizeipräsident direkt mit den Gymnasiasten reden.

Polizei nach der Krawallnacht vor dem Kölner Humboldt-Gymnasium
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Polizei nach der Krawallnacht vor dem Kölner Humboldt-Gymnasium


Der Streit geht in die nächste Runde: Wenn der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies an diesem Dienstagabend ans Humboldt-Gymnasium kommt, weiß er die Staatsanwaltschaft hinter sich - und einen Großteil der Eltern und Schüler des Gymnasiums gegen sich. Denn die werfen der Polizei vor, in der Nacht vom 14. auf den 15. März zu zögerlich eingegriffen zu haben.

Damals waren im Rahmen des sogenannten Abikriegs die Abiturienten verschiedener Kölner Schulen aufeinander losgegangen - am Ende gab es zwei schwer verletzte Schüler auf Seiten der Humboldt-Abiturienten. Und den Vorwurf, die wenigen vor Ort anwesenden Beamten hätten zu spät eingegriffen und teilweise sogar Hilfe verweigert, als Schüler sie eindringlich darum baten. Bei der Staatsanwaltschaft gingen mehrere Anzeigen ein.

Ermittlungen eingestellt

"Der Antrag auf Strafverfolgung wurde zurückgewiesen, da sich keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für konkrete Straftaten (u.a. Strafvereitelung im Amt, unterlassene Hilfeleistung) ergeben haben", schrieb Mitte Mai der Leitende Polizeidirektor Michael Temme an die Mutter eines Schülers. Nicht nur sie ist deshalb empört: Zahlreiche Augenzeugenberichte von Schülern seien offenbar ignoriert worden.

  • "Die Polizisten standen dabei, ohne einzugreifen", schreibt etwa eine Schülerin in ihrer Zeugenaussage über den Moment, als ein am Auge und im Gesicht schwer verletzter Abiturient von Mitschülern auf das Schulgelände gebracht wurde.
  • Eine andere Zeugin berichtet, sie habe Polizisten angesprochen, um schnell einen Krankenwagen für einen Verletzten zu bekommen. Der Beamte habe daraufhin erwidert, sie solle "gefälligst selbst einen rufen". Weil sie außerdem nicht sofort sagen konnte, wo der Verletzte lag, habe der Polizist sie "grob am Arm gepackt", sie angeschrien und gedroht, sie wegen einer "Falschaussage" zu belangen.
  • Mehrere Schüler bezeugen außerdem, dass die Polizisten auf verschiedene Bitten um Hilfe Kommentare wie "Das habt ihr euch doch selbst eingebrockt" und "Das, was ihr hier veranstaltet, ist Kindertheater, dafür möchte ich mein Leben nicht aufs Spiel setzen" geäußert hätten. Zu diesem Zeitpunkt seien bereits Flaschen und Böller geflogen.

In der von der Polizei vorgelegten "Zeitleiste" zu dem nächtlichen Einsatz, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird um "circa 23.15 Uhr" festgehalten: "Im Bereich des Schulgeländes und auf Gehweg und Fahrbahn wird keine signifikante Häufung von Glasflaschenscherben vorgefunden. Somit kann davon ausgegangen werden, dass bei der vorausgehenden Auseinandersetzung keine Glasflaschen als Wurfgeschosse eingesetzt worden sind."

Dialogbereitschaft - oder nur Imagepflege?

Das hatte unmittelbar nach der Krawallnacht noch anders geklungen. "Die Verletzungen der Opfer lassen darauf schließen, dass Böller und Glasflaschen geflogen sind", hatte ein Polizeisprecher erklärt. Beamte hatten auch "einen langen speerähnlichen Stock" sichergestellt. Trotzdem wurde "auf die Identitätsfeststellung der Schüler verzichtet", heißt es im Polizeibericht: Weil "die Gefahr weiterer Auseinandersetzungen" bestanden habe, habe der Platz vor dem Gymnasium schnell geräumt werden müssen - für die Kontrolle der Ausweise möglicher Täter blieb keine Zeit.

Angesichts solcher Ungereimtheiten ist die Stimmung unter den Eltern am Humboldt-Gymnasium vor dem Treffen mit dem Polizeipräsidenten angespannt. Kölns oberster Polizist sei um Aufklärung und Dialog bemüht, hoffen die einen. Jürgen Mathies wolle nur etwas für das nach der Kölner Silvesternacht ramponierte Image seiner Beamten tun, vermuten die anderen - und haben angekündigt, dem Polizeipräsidenten die Aussagen ihrer Kinder vorzuhalten.

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