Faktencheck Bekommen Schüler wirklich immer bessere Noten?

Abi mit 1,0 - war nie so leicht wie heute, sagt der Lehrerverband und fordert ein Ende der "Inflation" guter Schul- und Abiturnoten. Aber gibt es tatsächlich eine Einser-Flut an deutschen Schulen? Der Faktencheck.
Abiturienten der Wöhlerschule in Frankfurt am Main (Symbolbild)

Abiturienten der Wöhlerschule in Frankfurt am Main (Symbolbild)

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Schulnoten würden immer besser, die Anforderungen an Schüler immer niedriger, kritisierte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, am Montag, wenige Wochen vor der Vergabe der Halbjahreszeugnisse. "Ich habe Sorge, dass die Abiturzeugnisse entwertet werden."

Allein in Berlin habe sich die Zahl der Abi-Zeugnisse mit einem Notendurchschnitt von 1,0 innerhalb von zehn Jahren, von 2002 bis 2013, vervierzehnfacht, kritisierte Kraus. Dies deute jedoch nicht auf eine Verbesserung der Schüler, sondern auf ein Nachlassen der Anforderungen hin. Stimmt das? SPIEGEL ONLINE hat die Fakten zu den Vorwürfen geprüft:

Der Anstieg der 1,0er-Abis in Berlin lässt sich nach Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) nicht ganz nachvollziehen. Die Zahl stieg demnach von 17 auf 147. Ob die Schüler tatsächlich bessere Leistungen zeigen oder aber für mittelprächtige Leistungen im Schnitt heute eher eine Zwei als eine Vier im Zeugnis bekommen, ist allerdings kaum feststellbar. Solche Daten werden nicht erhoben. Die KMK veröffentlicht jedoch jährlich die Abiturnoten im Ländervergleich. 

Gibt es eine Inflation guter Noten?

Nach den jüngsten Daten von Anfang Dezember war demnach der mittlere Notenwert im Schuljahr 2014/2015 in allen Bundesländern etwas besser als 2005/2006 - allerdings nur geringfügig. Mit einer Differenz von 0,29 veränderte sich der Abi-Schnitt am stärksten in Berlin, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (NRW), war dort aber immer noch schlechter als zum Beispiel in Bayern.

Abiturnoten im Ländervergleich

Bundesland Notendurchschnitt 2015 Notendurchschnitt 2006
Baden-Württemberg 2,44 2,38
Bayern 2,31 2,43
Berlin 2,39 2,68
Brandenburg 2,30 2,48
Bremen 2,45 2,49
Hamburg 2,43 2,57
Hessen 2,43 2,49
Mecklenburg-Vorpommern 2,34 2,40
Niedersachsen 2,59 2,71
Nordrhein-Westfalen 2,47 2,66
Rheinland-Pfalz 2,52 2,63
Saarland 2,38 2,51
Sachsen 2,32 2,44
Sachsen-Anhalt 2,39 2,41
Schleswig-Holstein 2,52 2,63
Thüringen 2,16 2,33

Tatsächlich wurde die Note 1,0 der KMK-Statistik zufolge in einigen Bundesländern deutlich öfter verteilt als noch vor rund zehn Jahren. In Berlin lag der Anteil der 1,0-Abiturienten zuletzt bei 1,6 Prozent (2006: 0,3). In Bayern beispielsweise wurden aber ebenfalls öfter Einsen vergeben und der Anteil der 1,0er-Abiturienten lag im vergangenen Schuljahr sogar noch etwas höher als in der Hauptstadt: 1,9.

Weil die Abi-Gesamtnoten sich im Schnitt nicht ähnlich stark veränderten, verteilen Lehrer offenbar nicht nur Einsen, sondern auch Zensuren am unteren Ende der Notenskala öfter als früher.

So viele Schüler haben eine 1,0 (Anteil im Ländervergleich in %)

Bundesland Anteil 2015 Anteil 2006
Baden-Württemberg 1,3 1,79
Bayern 1,9 0,95
Berlin 1,6 0,30
Brandenburg 2,2 0,70
Bremen 2,0 1,25
Hamburg 1,7 1,04
Hessen 1,6 0,94
Mecklenburg-Vorpommern 2,1 1,19
Niedersachsen 0,8 0,49
Nordrhein-Westfalen 1,5 0,74
Rheinland-Pfalz 1,0 0,60
Saarland 1,8 1,46
Sachsen 1,4 0,83
Sachsen-Anhalt 1,6 1,13
Schleswig-Holstein 0,9 0,41
Thüringen 3,1 1,52
Quelle: Kultusministerkonferenz

Kraus Kritik, wonach es von Bundesland zu Bundesland starke Unterschiede beim Notenschnitt gebe, und zwar bis zu einer halben Zensur, stimmt. Dies führe zu Ungerechtigkeiten bei der Vergabe von Studienplätzen nach Numerus clausus, mahnt der Verbandspräsident. Er forderte deshalb weitere Schritte in Richtung Zentralabitur und Konsequenzen, wenn Bundesländer nicht bereit sind, diese mitzugehen.

Kraus appellierte an "anspruchsvolle Bundesländer" wie Bayern, Abiturzeugnisse "anspruchsloser Bundesländer" dann nach einer Frist von etwa drei Jahren nicht mehr anzuerkennen. Es ist ein Vorschlag, der angesichts der fortlaufenden Bemühungen um gemeinsame, bundesweite Standards wenig durchsetzbar erscheint. Kraus handelte sich damit massive Kritik ein.

"Nichts als Populismus"

"Die Aussage von Josef Kraus entspricht einer rückwärtsgewandten Bildungspolitik, er strebt damit offenbar die Rückkehr in die Kleinstaaterei im Bildungsbereich an", erklärte der Berliner Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, Tom Erdmann. Die Forderung sei nichts als Populismus.

Dass beispielsweise Bayern ein "anspruchsvolleres" Bundesland wäre, weil entsprechend der Argumentation des Lehrerverbands der Notenschnitt hier demnach im bundesweiten Vergleich schlechter wäre und seltener 1,0-Noten vergeben würden, lässt sich anhand der Zahlen nicht belegen. Den Daten zufolge bewerten Lehrer in Niedersachsen am strengsten.

fok
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