Abi-Tagebuch Die Bestien und die Gladiatoren

Schule war gestern, heute ist Party. Die vom Dauerfeiern schon leicht porösen Bamberger Abiturienten gönnen sich Flüssigbrot und Spiele - und lassen ihre Lehrer alt aussehen. Beim Abischerz mittendrin statt nur dabei: Christian Hambrecht, 20.


Der Morgen des Abischerzs um 7 Uhr im Kaiser-Heinrich-Gymnasium. Die Gesichter sind schlaff, die Augen rot, Fortbewegung in Zeitlupe - seit mehr als einer Woche nur noch Party. Das geht in die Knochen. Die einen liegen in den kuscheligen, blauen Sitzsäcken unseres Kollegstufenzimmers und frotzeln. Die anderen bauen die Bühne auf, stemmen, schleppen, schwitzen. Die übliche Arbeitsteilung unserer Kollegstufe. Kristina, eine Kollegstufensprecherin, wurde früher oft laut, wenn sie das sah. Jetzt tanzt sie selbstvergessen und einsam durch die Haupthalle. Sie ist Cheerleaderin bei den Brose Baskets, gestern war die große Meisterschaftsfeier.

Nach vollendetem Aufbau kommen die "faulen Säcke" herangekrochen, besetzen die Bühne und machen es sich erneut bequem.

Um 7.45 Uhr öffnet die Schule ihre Pforten. Kleine Purzel mit übergroßer Büchertasche blicken uns von unten schief und scheu an; unsere Ausgelassenheit, die derb-vulgären Sprüche sind ihnen nicht geheuer. Die größeren, "hippen" Teenager sind auch befangen. Bei ihnen ist es Neid und Sehnsucht - wir sind fertig, sie aber werden von Lehrern und Schulstress fertig gemacht. Das bilden sie sich jedenfalls ein.

Kurz vor 8 Uhr bricht allgemeines Chaos aus. Lehrer wetzen hin und her, ihre hechelnden Klassen im Schlepptau. Wir lümmeln ganz unschuldig in unseren Kissen, nuckeln an der Bierflasche. Naja, wenigstens scheinbar unschuldig. Mit dem zweiten Direktor haben wir einen Deal: Heute hat er einen Chaos-Stundenplan ausgehängt, auf dem gar nichts stimmt. Es dauert lange, bis jede Klasse einen Raum ergattert hat.

Lehrer in die Arena, aber subito!

Nach der ersten Pause legen wir los. Im Mittelpunkt stehen die Lehrer. Sie konkurrieren in verschiedenen Spielarten. Fast wie wir als Schüler früher. Die Haupthalle ist proppenvoll - ein brodelnder Kessel. Frenetischer Jubel brandet auf, als wir nach Lehrern verlangen. Der Abischerz ist ein bisschen wie die Saturnalien im alten Rom, ein Fest, bei dem Herren und Sklaven die Rollen tauschten.

Ein Mathelehrer betritt die Bühne von hinten. Tilman, auf sein Kissen hingeflätzt, bedeutet ihm mit Handschlenker und feinem Grinsen, ins Rampenlicht zu treten. Der Lehrer lächelt verstehend. Früher bat er Tilman oft an die Tafel - zum Vorrechnen der Hausaufgabe. Tilman nahm die Kreide in die Hand. Und das war's dann zumeist schon. Wird Herr Heublein bei seiner Aufgabe blank sein?

Es sind diese kleinen, harmlosen Momente der "Revanche", die den Schulabgang versüßen. Franzi macht es anders. Eine Weinflasche kreist unter uns Abiturienten; sie drängt unseren Kollegstufenbetreuer, einen kräftigen Schluck daraus zu nehmen, und knuddelt ihn. Er hat seine Freude. Dann sitzen Franzi und er nebeneinander, Kopf an Kopf, und schauen dem Treiben zu - wie ein frisch verliebtes Pärchen.

Und die Kollegen legen sich ins Zeug. Wieder wie im alten Rom, diesmal eine Art Gladiatorenkampf. Die wackeren Arenahelden: ein Lehrer, eine Lehrerin. Sie transportieren quer durch die Haupthalle einen Becher Wasser zur Bühne. Die Bestien: geballte Schülermassen zwischen Wand und Bühne. Sie sollen den Durchbruch vereiteln. Der muskulöse Lehrer fährt die Ellenbogen aus, boxt um sich und strahlt breit, als er hartnäckige Schülerkletten abschüttelt. Die schmächtige, kleine Lehrerin indes hat einen schweren Stand. Als sie in den herandrängenden Schülerwogen unterzugehen droht, wird die Aktion abgebrochen, die ausgepumpten Gladiatoren kommen zurück auf die Bühne.

Der Direx und sein Double

Im Trubel des ganzen Spektakels hat sich Chris trotz Rauchverbots eine Zigarette angezündet. Jetzt zieht er genüsslich daran, in der anderen Hand eine Bierflasche. Stillleben eines Abiturienten - mit sich und der Welt im Reinen. Doch das Idyll währt nicht lange. Eine scharfe Lehrerstimme fährt dazwischen: Die alten Mechanismen, sie greifen noch.

Zum Schluss erscheint Markus auf der Bühne, auch bekannt als "Herbert-Imitator" - nach dem Vornamen unseres Direktors Herbert Brunner. Und diesem Ruf macht er alle Ehre. Der Lehrerclique auf der Bühne werden die Leviten gelesen - wie zuvor dem Latein-Leistungskurs, den der Direktor betreut hat. Markus kennt das gut. Jetzt haut er als Herr Brunner einen legendären Spruch nach dem anderen raus. "Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei Günther Jauch, die Musik grummelt im Hintergrund, eine Grammatikfrage kommt und Sie haben wie immer keine Ahnung. Dann rufen Sie mich an… und ich kenne Sie nicht, ich verleugne Sie."

Schallendes Gelächter - ein Blick hinüber zum echten Herrn Brunner. Wir staunen nicht schlecht. Mit einem Taschentuch trocknet er sich die Augen, Lachtränen kullern über seine Wangen. Nach der Show eilt der Direktor zu seinem Double, um ihn zu beglückwünschen. "Auch wenn ich Sie noch nie gelobt habe, diesmal tue ich es. So großartig wie Sie hat mich noch niemand imitiert!" Markus lächelt selig.

Wie in einer Seifenoper: Alle sind am Ende happy und liegen sich in den Armen. Einfach zu schön, um wahr zu sein. Leider dauert der Abischerz nur anderthalb Stunden. Dann ist der Zauber vorbei. Die Schüler werden zurück in die Klassenzimmer getrieben. Wir - getrieben von Müdigkeit - sind froh, in unsere Betten zu dürfen.

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