Abi-Tagebuch-Finale Bitte keine Borat-Stringtangas!

Aus! Aus! Aus! Es ist aus! Christian Hambrecht, 20, hat das Ziel erreicht: Er ist jetzt Abiturient - ganz offiziell. Doch zuvor treibt er noch seine Stilberater in den Wahnsinn und sorgt bei der Abitur-Rede für einen Eklat.


Anzug einkaufen, die Abiturientenverabschiedung naht. Anthrazitfarben, schnell gefunden. Ich habe die Zeit gestoppt, zehn Minuten, ratz-fatz. Jetzt das Hemd. Das wird schwieriger, der Verkäuferin treten erste Schweißperlen auf die Stirn. Das Reifezeugnis habe ich jetzt, aber bin ich auch reif in Stilfragen?

Grund zum Feiern: Christian Hambrecht (l.) ist jetzt ganz offiziell Abiturient
Christian Hambrecht

Grund zum Feiern: Christian Hambrecht (l.) ist jetzt ganz offiziell Abiturient

Ich kann das Hemd im verblühten Veilchenblau (auch wenn die Verkäuferin es jaspisblau nennt) drehen und wenden, wie ich will, es bleibt dabei: Die Kleidungskonvention zwängt und zwickt mich - da mag der Anzug noch so gut sitzen.

Im Anprobiermarathon auf einmal die Farbe der Hoffnung: ich sehe ein grünes Hemd. Die Stoppuhr sagt diesmal 25 Minuten. Tja, es fehlt noch die Krawatte. Je kleiner das Kleidungsteil, desto länger braucht man. Von Anfang an liebäugle ich mit einer weinroten Krawatte. Die Verkäuferin heult dezent auf, ruft zwei Kollegen herbei; alle bestätigen: Das geht mal gar nicht.

Eine ganze Krawattenwand wird mir feilgeboten. Es hilft nichts. Man geht in die Hocke, kramt in den untersten Schubladen, man bekniet mich. Nach einer dreiviertel Stunde begehe ich den Eklat - ich entscheide mich für "meine Krawatte", das schlichtweg rote Tuch für meine Stilberater.

Der große Tag rückt näher. Martin - Kollegstufensprecher: stets korrekt, stets zuvorkommend, stets engagiert - ist nervös. Er schickt eine dringende Mail an alle Abiturienten. "Bitte keine Badehosen, Flip-Flops, Muscle-Shirts oder Borat-Stringtangas etc. Es gibt ein paar Anlässe im Leben, zu denen sollte man ordentlich angezogen erscheinen, und die Abiturverabschiedung ist einer davon."

Die Gesichter der Lehrer werden starr, dann hart

Die Anspannung wächst; zusammen mit Moritz darf ich die Rede der Abiturienten halten. Worüber werden wir sprechen? Ich blicke auf 13 Jahre zurück und schweife ab.

Ein Kino mit rasenden Bildern in meinem Kopf: Die Zuckertüte, ewig-männliche Freundschaften in der Grundschule. Mädchen sind blöd. Dann Gymnasium. In Biologie: Balzverhalten der Stichlinge. Mädchen sind blöd, aber hübsch. Skikurse, auf verschneiten Balkonen: erster, aber nicht immer vorsichtiger Alkoholkonsum. Mädchen sind hübsch, aber zickig. Der Sommer im Physiksaal, Tafelanschrift: Anziehung der Planeten. Es ist schwül. Mars und Venus, jaja. Die Bankreihen sind eng, voller Spaghettihemden und Gekicher. Mädchen sind zickig, aber manchmal echt nett. Die Nächte werden länger, es wird gebechert; die ersten Schulstunden eine Qual, der Kaffeebecher rettet vor dem Schlaf. Mädchen sind jetzt Frauen.

Cut. Zurück an die Arbeit. Zurück zur Schule. Was macht sie aus uns? Was machte sie aus mir? Es sind gemischte Eindrücke.

Lateinschulaufgaben, in denen das Krokodil die Lehrerin frisst und antike Statuen kastriert werden. Die toten Sprachen sind quietschlebendig. Es wurde gearbeitet und gescherzt. Man lernte, schlief ein, den Mund halb geöffnet. Die Lehrerin zielte mit ihrer Kreide, warf und traf. Man prustete, spuckte aus und erwachte. Dann aber wieder an die Übersetzung mit Schwerenöter Zeus und dem Flittchen Aphrodite. Spaß und Ernst. Halte eine Rede darüber und der Beifall aller ist dir gewiss.

Gegen 2 Uhr nachts überschreite ich die Ziellinie

Oft aber gab es nur Ernst. Grundsätze herrschten, die niemand nannte, die aber alle kannten: Vorfahrt für die breitesten Ellebogen. Oder: Sozial ist, wer sich anpasst. Wagst du dich daran, dann wappne dich. Sei bissig, aber nicht polemisch. Ein Bote schlechter Nachrichten ist nicht gern gesehen. Würdige aber auch die, die es verdient haben. Beifall? Wahrscheinlich spärlich.

Moritz und ich entscheiden uns für die zweite Variante. Wir diskutieren, feilen - und dann wird Moritz ans Telefon gerufen. Seine Braut ist am anderen Ende. Er muss sofort nach Belgien, auf dem Standesamt ist noch ein wichtiges Dokument zu unterschreiben. Moritz knirscht mit den Zähnen, der Kies knirscht unter seinen Füßen, er läuft zum Auto - eine siebenstündige Fahrt vor sich. Es ist Mittwoch, am Freitag ist die Abiturientenverabschiedung. Da sitze ich, ich armer Tor, und hämmere auf die Tastatur.

Freitag, später Nachmittag. Der Direktor, Herr Brunner, steht am Rednerpult. Seine Ansprache ist brillant, es ist der bekannte Brunner-Sound: souverän und bildungsvergnügt, Tiefsinn ohne blutleeres Wortgedöns, ein bisschen verblüffend, ein bisschen ironisch. Vielleicht ein bisschen unpersönlich.

Dann sind Moritz und ich an der Reihe. Wir zeigen die Kehrseite der Medaille.

Ein Freund sitzt inmitten von Lehrern. Später erzählt er von ihren Reaktionen: Ihre Gesichter wurden starr, dann hart, schließlich schüttelten sie die Köpfe. Als die Rede sich dem Ende zuneigt, ist er gespannt. Wird es Applaus geben? Auf Abiturientenseite hartes, rasches Händeklatschen; auf Lehrerseite im Schoss gefaltete Hände?

Es gibt Beifall, er beginnt verhalten und steigert sich. Zum Schluss ist er mehr als nur höflich. Draußen dann Photos - langes "Cheeeeese" - Bratwürste, Steaks, Bier. Die Schule feiert ihre Abgänger.

Zu vorgerückter Stunde brechen wir Richtung Stadt auf. Weiße Kleider gleiten durch die Nacht, um sie herum Herrenanzüge als schwarze Schatten. Die Straßen sind leer, eine Abiturientenfeier in der Konzerthalle erweist sich als Reinfall. Stimmung nüchtern, kein "Komasaufen". Wir trennen uns, gehen unserer Wege - der Abschied wie immer, Bamberg ist klein, man sieht sich ja bald wieder.

Gegen 2 Uhr betrete ich unsere dunkle, stille Wohnung, überschreite die Ziellinie. Der Langstreckenlauf, der im April mit Büffeln begann und sich in den Abiturprüfungen fortsetzte, ist geschafft. Am nächsten Morgen melde ich mich bei meiner Mutter zum Kochkurs an. Auf eigenen Füßen stehen. Das Studium wartet.

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